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"Das sind mir zu unqualifizierte Fragen"

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel "Das sind mir zu unqualifizierte Fragen"

Das Interview dauerte nur etwas mehr als eine Minute. Und doch wurde das Gespräch zwischen der Spitzenkandidatin und dem OP-Redakteur zum vermeintlichen Schmankerl einer AfD-Wahlkampfrede. Nur, dass es so nicht stattgefunden hatte.

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Die AfD-Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl, Dr. Alice Weidel, während des Gesprächs mit der OP in Kirchhain.

Quelle: Nadine Weigel

Kirchhain. Wir dokumentieren hier den Versuch eines Interviews. Normalerweise wäre das von Alice Weidel am vergangenen Freitag vor der Wahlveranstaltung der AfD in Kirchhain abgebrochene Gespräch für uns kein Berichterstattungsgegenstand gewesen. Doch da die AfD-Spitzenkandidatin diesen Vorfall selbst öffentlich auf der Bühne zum Thema machte, veröffentlichen wir unsererseits den Ablauf ohne sprachliche Glättungen, „wie gesprochen“, damit sich jeder ein Bild machen kann. Die Aussagen des Gesprächs liegen in einer unveränderten Audiodatei vor, die Aussagen Weidels auf der Bühne sind in einem Video auf der AfD-Facebookseite nachzuprüfen.

Beginn der Aufzeichnung

Dr. Alice Weidel: Können wir die Fotos draußen machen?
OP-Fotografin Nadine Weigel: Wie draußen?
Dr. Weidel: Im Saal. Geht das? Weil, hier ist alles vollgeräumt.
Weigel: Man sieht Sie nur im Porträt.
Dr. Weidel: Ok. Können wir das trotzdem draußen machen? Weil wenn ich spreche, nachher habe ich einen Gesichtshänger und dann gibt’s ein schlechtes Bild. Und:  Ich kenn‘ das ja alles.
Weigel: Ja, aber den hätten Sie ja draußen vielleicht auch. Da sprechen Sie ja auch.
Dr. Weidel: Ja gut. Aber wenn wir ein Porträt machen, dann machen Sie einfach ein Porträtbild, wenn ich nicht spreche.
Weigel: Nee, nee. Sie sprechen ja jetzt.
Dr. Weidel: Ja. Aber genau das möchte ich ja nicht. Wieso kann ich mich nicht irgendwo hinstellen, Sie machen einfach kurz mal ein Bild.
Weigel: Weil es ja ein Interviewbild ist.
Dr. Weidel: Ach, es soll ein Interviewbild sein?
Weigel: Ja ja.
Dr. Weidel: Ja ja. Ok.
Weigel: Also, ich fotografiere jetzt während des Interviews.
Dr. Weidel: Okay.
Weigel: Wie man das so macht.
Dr. Weidel: Na ja, kommt drauf an, ja?
Weigel: Dabei sehen Sie ja nicht anders aus wie wenn Sie drinnen sprechen.
Dr. Weidel: Ja, wollen Sie das so? Ja. Komm, ist auch egal.
Dr. Weidels Begleiter (stellte sich nicht vor) : Sie können aber auch jede Menge Fotos anfordern, in der Bundesgeschäftsstelle.
OP-Redakteur Björn Wisker (der als Beobachter am Gespräch teilnahm) : Das ist ja eine Situation, der stellt sich jeder. Interviewsituationen sind ja ...
Dr. Weidel: Ach, wissen Sie, ich kenne das ja so oft. Von mir werden dann immer nur die Gesichtshänger-Bilder genommen, dass es möglichst hässlich aussieht. Ich kenne das alles von der dpa. Und mittlerweile, muss ich ganz ehrlich sagen ...
Wisker: Wir sind aber nicht die dpa.
Dr. Weidel: Das sagt jeder vorher. Tut mir leid, ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten. Gestern hatte ich grade wieder den gleichen Fall. Ich bin, glaube ich, immer nett und nahbar, und ich lasse das zu und nachher habe ich das dann einfach in der Zeitung stehen. Mit schlechten Bildern, und dann sagt man so, nein, nein, wir machen das so, als ob man – ich will Ihnen nichts unterstellen, aber ich bin vorsichtig geworden ...
Weigel (ironisch): Ja, aber jetzt fühle ich mich voll angegriffen.
Dr. Weidel: Oh Gott!
Wisker: Also ich behaupte mal, Sie wissen, was Sie tun und wir wissen, was wir tun.
Dr. Weidel: Nein, ich nehme Sie beim Wort. Ich nehme Sie beim Wort.
Weigel: Das können Sie machen.
Dr. Weidel: Ok, super. (lacht) Wenn wir uns darauf einigen können. Nee, aber ich bin wirklich gestern Abend…
Weigel: Aber Sie können doch nicht jeden über einen Kamm scheren.
Dr. Weidel: Ja, nee. Aber ich sage es einfach …
Wisker: Wir haben hier die beste Fotografin in der Region, machen Sie sich da mal keine Gedanken.

Dr. Weidel: Ja super, das glaube ich Ihnen sofort. Dann fangen wir doch an.
Weidels Begleiter: Uns rennt die Zeit weg. (Anmerkung: 2:14 Minuten sind vorbei)

OP-Redakteur Michael Agricola: Machen wir. Sie sind ja in die AfD eingetreten, da war das noch eine andere Partei, da ging es um andere Themen…
Dr. Weidel: Es war keine andere Partei.

Agricola: … mit anderen Schwerpunkten, zum Beispiel den Euro. Wie sehen Sie die AfD heute, was ist das für eine Partei – heute?
Dr. Weidel: Wir sind die gleiche Partei wie 2013, in dem Gründungsjahr. Unser Markenkern, der alte Markenkern, Euro, ist immer noch der Gleiche. Er ist auch der neue Markenkern. Unser Wahlprogramm ist 80 Seiten lang, durch alle politischen Handlungsfelder durch.
Damals hat man uns als Ein-Themen-Partei, als Euro-Partei deklariert, heute vielleicht als Flüchtlingspartei, nur das eine Thema. Dabei haben wir eigentlich die Kompetenzen über alle Handlungsfelder hinweg – wie man es sich eigentlich bei den anderen Parteien auch wünschen wollen würde.

Agricola: Sie haben aber vor allen Dingen Ihre Wähler in letzter Zeit wahrscheinlich damit – mit der Flüchtlingsfrage – gebunden für sich. Von daher stehen Sie auch für diese AfD, die sich auch mal, sagen wir ruhig islamfeindlich, ausländerfeindlich präsentiert …
Dr. Weidel: Nee, ich habe jetzt keine Lust mehr.

Agricola: Okay?
Dr. Weidel: Wir sind weder islam- noch ausländerfeindlich und das sind mir zu unqualifizierte Fragen. Ich mach das nicht mehr. Es tut mir leid. Mit Rassismus und ausländerfeindlich und so. Ich brauch das alles nicht. Dann müssen Sie sich vernünftige Fragen differenziert überlegen, aber ich mach das hier nicht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. (Minute 3:44)

Ende der Aufzeichnung

Weidels Begleiter (im Rausgehen): Sie können sich ja mal unser Programm durchlesen.

Dr. Alice Weidel brach das Interview ab, bevor die zweite, relativ lang eingeleitete Frage gestellt wurde. Sie ging so weiter: …und alle anderen Politiker und die meisten Medien als Gegner des deutschen Volkes stigmatisieren will. In der Debatte um Dieselschadstoffe und Klimaschutz sehen führende Vertreter Ihrer Partei den Versuch, dem deutschen Wirtschaftsstandort zu schaden. Damit all diese Theorien einen Sinn ergeben: Was sollte das Motiv all dieser Menschen sein, Deutschland schaden zu wollen?

Die weiteren geplanten Fragen lauteten:

Die AfD befürwortet einen rigide Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen und Migranten. Basis muss parallel die Bekämpfung der Fluchtursachen sein. Was sind die konkreten Vorschläge der AfD für eine neue Entwicklungshilfepolitik?

Muss Europa für den ungarischen Grenzzaun zahlen, wie es Viktor Orban fordert? Wenn ja, warum?

Anmerkung der Redaktion: Vereinbart war ein Kurzinterview im Format „4 Fragen – 4 Antworten“. Das hatte auch mit dem engen Zeitfenster von bis zu einer Viertelstunde zu tun, das abhängig vom pünktlichen Eintreffen der Interviewten war. Diese Interviewform bringt es mit sich, dass die Fragen entsprechend direkt sein müssen.

Was Alice Weidel auf der Bühne sagte
Auf der Bühne sagte Alice Weidel später über das gescheiterte Gespräch mit der OP wörtlich folgendes:
„Ich hatte auch gerade ein lustiges Interview, das ich gleich nach zwei Fragen abbrechen musste, weil die Fragen so blöd gewesen sind. Ja, wissen Sie, da wurde ich dann erst gefragt, hier von dem Lokalreporter, das ist total witzig gewesen.
Da wurde ich dann erst gefragt: Mensch, Sie sind ja jetzt eine andere Partei. Und ich so: Wie meinen Sie denn das? Na ja, das konnte er nicht erklären. Und das zweite ist gewesen: Ihre Außendarstellung – jetzt so sinngemäß – ich krieg diesen ganzen Schwachsinn da auch nicht mehr hin. Ja, „Ihre Außendarstellung ist ja ausländerfeindlich und islamfeindlich“. Ja, und an der Stelle habe ich dann gesagt: Bereiten Sie sich das nächste Mal besser vor. Ich beantworte solche dummen Fragen einfach nicht mehr.
(Klatschen und Jubelrufe im Saal)
Weil nach diesem steilen Einstieg der Fragen konnte ich ja schon schlussfolgern, was so die nächsten Fragen beinhalten. Und da habe ich mir gedacht, da trinke ich lieber noch mal einen Kaffee vorher, entspanne mich hier mit Ihnen und habe dann mehr Redezeit.“
Wahltagebuch: Transparenz für ein eigenes Bild (Kommentar)

Wie geht man mit Menschen um, die alles in Zweifel ziehen, was man tut und die ­hinter allem böse Absicht ­vermuten? Im Privatleben ist das einfach. Man meidet ­denjenigen. Im Berufsleben ist das nicht so einfach möglich. Zumal wenn man sich in einer öffentlich sichtbaren ­Position befindet wie bei der Oberhessischen Presse, von der – zurecht – auch Überparteilichkeit verlangt wird. Gerade im Wahlkampf wird darauf von jedem Akteur noch peinlicher geachtet als sonst schon.

Geschürt werden solche Zweifel in erheblichem Maße von der AfD und ihren Anhängern. Gerade in sozialen ­Medien, etwa in unserem Facebook­auftritt, führt das schnell zu langen Diskussionen, in denen uns Versäumnisse vorgeworfen, politische Absichten und Lügen unterstellt werden – und in der nachprüfbare Fakten keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Geschürt wird diese Stimmung aber auch gezielt von Spitzenpolitikern der AfD. Wer in Kirchhain dabei war, konnte erleben, dass von den etwa 40 Minuten Redezeit von Alice Weidel bestimmt zwei Drittel aus Vorwürfen gegen „die anderen“ bestanden: die gesetzesbrechende Merkelregierung, die Berufspolitiker der „Altparteien“, von denen sich die AfD deutlich absetzen will – und gegen die Presse.

Weidels Angriff gegen die OP als Interview-Partner auf offener Bühne und der Vorwurf gegen die Kollegen der ­Deutschen Presse-Agentur, ­sie würden absichtlich nur unvorteilhafte Fotos von ihr verbreiten, hat uns dazu ­bewogen, diese Angriffe und Verächtlichmachung der freien Presse nicht unkommentiert stehenzulassen. Um das sauber zu dokumentieren, ist es nötig, den gesamten ­Gesprächsablauf des Interviewversuchs offenzulegen, auch wenn ein einleitendes Gespräch zu einem Interview üblicherweise nicht veröffentlicht wird.

Wie geht man also mit Menschen um, die alles in Zweifel ziehen und einem böse ­Absicht unterstellen? Man schafft Transparenz, damit sich jeder sein eigenes Bild machen kann. Das können Sie heute an diesem Beispiel tun.

von Michael Agricola

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