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Auf „Frieden, Freiheit, Abenteuer“

Kandidat der APPD Auf „Frieden, Freiheit, Abenteuer“

Neben viel Satire meint es Richard Schmidtke mit manchen Programmpunkten sehr ernst – die Menschen seien eben nur noch nicht bereit. Ein Versprechen will er gleich am Wahlabend einlösen.

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Richard Schmidtke tritt für die Marburger Pogo-Anarchisten (APPD) bei der Bundestagswahl an. Hinter der Theke seiner Kneipe ­„Bukowski‘s“ in Weidenhausen fühlt er sich wohl.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Viele Menschen ­sehen in der Anarchistischen ­Pogo Partei Deutschlands (APPD) ­eine Spaßpartei. Direktkandidat ­Richard Schmidtke gibt zu, es sei viel Satire dabei. Ein wesentlicher Bestandteil des Programms sei jedoch Realpolitik. „Und wenn ich an Satire denke, dann müsste man diesen Vorwurf auch den großen Parteien machen“, sagt Schmidtke. Es sei nicht nur satirisch, zum Beispiel Vollbeschäftigung zu fordern, sondern sogar eine fehlgeleitete, zynische Wahnvorstellung.

„Viele unserer Forderungen sind nicht populär, das ist mir klar“, sagt der 30-Jährige. „Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist es mir aber todernst.“ Bislang habe die Partei in ihrem Programm dieses Vorhaben als „Jugendrente“­ bezeichnet. „Das ist die einzige Rettung für unsere Gesellschaft“, sagt Schmidtke. Die fortschreitende Technisierung werde voraussichtlich viele Arbeitsplätze kosten und das Land in soziale Armut stürzen.

Dabei sehe die Partei in ehrgeizigen Menschen keinesfalls ein Feindbild. Ein Grundsatz der Pogo-Anarchisten sei nämlich die Toleranz gegenüber allen Lebensentwürfen. „Aber auch wer nichts zur Wertschöpfung beitragen möchte, sollte trotzdem das Recht auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe ­bekommen“, sagt Schmidtke.

Nazis überzeugen nicht verurteilen

Der 30-Jährige selbst arbeitet recht viel. Seit dreieinhalb Jahren ist er Geschäftsführer des Späti „Firefly“ in der Biegenstraße, seit März betreibt er die Kneipe „Bukowski‘s“ in Weidenhausen. Seitdem findet auch der APPD-Stammtisch in der Kneipe am Ende der Weidenhäuser Straße statt. Die Tür stünde auch anderen Parteien für ihren Stammtisch offen. „Man muss einfach tolerant gegenüber anderen Meinungen sein, auch wenn man sie nicht teilt.“ Als Extrembeispiel findet Schmidtke, dass man auch Nazis besser überzeugen sollte, als sie zu verurteilen und auszuschließen.

Mit Ausgrenzung hat Schmidtke auch schon selbst Erfahrung gemacht. So führte er als ­Jugendlicher ein „ziemlich klassisches Punkrockleben“, wie er sagt, hatte sich regelmäßig mit der Polizei und rechten Jugendlichen in den Haaren. Wegen seines Aussehens sei er häufig angefeindet worden. Das Leben als Punk habe ihm Spaß gemacht, mehr Spaß als Schule. „Ein Stück weit bereue ich das heute, aber ich bin ja nicht auf der Straße gelandet“, sagt Schmidtke.

Obwohl er dem Militär und Waffen sehr kritisch gegenübersteht und sich als Pazifist bezeichnet, leistete Schmidtke­ ­seinen Grundwehrdienst als Sanitäter bei der Bundeswehr. Neben der Ausbildung habe er gute Einblicke in die Truppe mitgenommen. „Es gibt viele unbestätigte Vorurteile. Aber auch einiges, das ich noch nicht kannte, und was einen eigentlich noch mehr beängstigt.“

Abschaffung der Schulpflicht

Für Politik habe er sich schon immer begeistert, war sogar für kurze Zeit Schulsprecher an der Theodor-Heuss-Schule. „Es interessiert mich, die Gesellschaft mitzugestalten. Die Linken sind mir aber zu angepasst.“ So wurde Schmidtke im September 2005 das erste „Nicht-Gründungsmitglied“ der APPD in Marburg.

Neben dem Grundeinkommen ist die „Balkanisierung Deutschlands“ eine der kontroverseren Forderungen der Pogo-Anarchisten. Das Land soll weiter föderal aufgeteilt werden. In kleinen Zonen sollen dann gleichgesinnte Menschen wohnen. In der „sicheren Beschäftigungszone“ jene, die ein Leben voller Leistungszwang und ständiger Regelmäßigkeit leben wollten. Anstatt in die Justizvollzugsanstalt sollen Gewalttäter und „Gewaltorientierte“ in den „Gewalterlebnispark“ gesperrt werden, weil die Gesellschaft sie nicht mehr ertragen könne.

Die Abschaffung der Schulpflicht soll die Gesellschaft zwangloser machen. „Selbstverständlich brauchen Kinder besondere Aufmerksamkeit und sollen zu anständigen Menschen erzogen werden. Aber der Schulzwang hilft dabei nicht“, sagt Schmidtke. Unter „Rückverdummung der Gesellschaft“ verstehen die APPDler deshalb auch nicht Bildungsferne, sondern das Ablegen überflüssigen Wissens etwa zu Mode oder der  Steuererklärung. „Mir ist völlig klar, dass diese Ideen so ungewöhnlich und frivol sind, dass andere sie als absurd bezeichnen“, gibt Schmidtke zu.

Menschenkatapult statt Seilbahn

Die Menschen seien dafür ebenso noch nicht bereit, wie für die ­Legalisierung sämtlicher Drogen. Dabei würde dies, seiner Ansicht nach, besseren Kontrolle, Aufklärung und Prävention ermöglichen und könne viele Drogentote verhindern. Er selbst nimmt keine Drogen. „Bier und gutes Essen sind mein einziges Laster.“

In seiner Freizeit geht Schmidtke gerne Joggen, fährt Rad, liest oder besucht seine Freundin Faye in Berlin. Einmal wollten sie sich gemeinsam die Abgeordnetenbüros anschauen. Am Empfang vertröstete man sie jedoch, es sei gerade Sommerpause. Einige Stichpunkte aus seinem Programm für Marburg-Biedenkopf, verrät der 30-Jährige, will er bald noch ausführlich vorstellen: Bezahlbarer Wohnraum, eine flächendeckende Tiefgarage im ­Marburger Untergrund, ein Flughafen im Amöneburger Becken und ein Menschenkatapult statt der Seilbahn auf die Lahnberge.

Ein Wahlversprechen der APPD will Schmidtke gleich am 24. September einlösen: Freibier für alle. Am Wahlabend möchte er im „Bukowski‘s“ mit allen Gästen auf das große Ziel der APPD anstoßen. Auf „Frieden, Freiheit, Abenteuer“.

von Philipp Lauer

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