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Landkreis "Wir konnten es erst nicht glauben"
Landkreis "Wir konnten es erst nicht glauben"
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15:53 09.03.2012
Dolmetscherin Yasuko Tsuruki (von links), Jörg Chylek, Spielausschuss-Obmann des SF BG Marburg, Mitsuhiro Haneda und Maimoru Kosaka können wieder lächeln. Quelle: Simone Schwalm
Marburg.

Der 22-jährige Mitsuhiro Haneda wirkte trotz seines Lächelns angespannt, als er erzählt, wie er die mehrtägige Serie von katastrophalen Unfällen und schweren Störfällen erlebte, die am 11. März vergangenen Jahres begann. Zunächst erfuhr er aus den Fernsehnachrichten von einem schweren Erdbeben an der Pazifik-Küste und dachte sich nichts Schlimmes, weil Erdbeben in Japan nicht selten sind, dolmetscht Yasuko Tsuruki. Die gebürtige Japanerin, die im japanischen Fremdenverkehrsamt arbeitet, ist mit Jörg Chylek verheiratet, dem Spielausschuss-Obmann bei den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg. Bis voraussichtlich nächstes Jahr lebt Haneda, der aus Toyota stammt, in Marburg und trainiert mit den Fußballern der SF BG (diese Zeitung berichtete).

Das Thema Fukushima ist für ihn eng mit dem Fußball verknüpft. Haneda und der gleichaltrige Maimoru Kosaka, für einen Monat in Marburg zu Besuch, waren mit ihrer japanischen Mannschaft im Trainingslager, als sie von weiteren Schreckensmeldungen aus den Nachrichten erfuhren und die Bilder der Explosion sahen, die sie tief erschütterten. "Wir konnten es erst gar nicht glauben", beschreiben Haneda und Kosaka ihre Fassungslosigkeit.

Nachdem das Erdbeben einen Tsunami ausgelöst hatte, erfasste die zerstörerische Flutwelle auch das Kernkraftwerk Fuku-shima. Nach Störfällen kam es zur Kernschmelze und erheblichem Austritt radioaktiver Strahlung. Rund 27000 Familien im Umkreis von 20 Kilometern mussten evakuiert werden, das Gebiet wurde von der Regierung zum Sperrgebiet erklärt.

In der Evakuierungszone befinden sich auch die Fußballfelder und Gebäude des Trainingslagers, an dem Haneda jährlich teilnahm, als er noch in einer Kindermannschaft spielte. In diesem Fußballcamp wurden die Kinder als potenzielle japanische Nachwuchs-Fußballprofis trainiert. Haneda dachte sofort an die vielen Menschen, die im Trainingslager arbeiteten und in dessen Nähe lebten: "Ich habe mir sehr große Sorgen um sie gemacht."

Was aus den Menschen, die Teil seiner Kindheitserinnerungen sind, geworden ist, weiß er nicht. Aber er hat davon gehört, dass die sieben Fußballfelder nun als Hubschrauberlandeplatz genutzt werden und verstrahlte Kleidung bis zu ihrer Vernichtung dort gelagert wurde. Als Trainingsflächen werden die in Japan seltenen Fußballfelder mit Naturrasen wohl nie wieder genutzt werden können.

Auch Haneda und Kosaka hatten Angst vor der Reichweite der radioaktiven Strahlung. Doch beide wohnen in Japan rund 600 Kilometer von Fukushima entfernt, ihre Heimatorte Toyota und Hirakata gelten als sichere Zonen. "Aber die Gefahr kann man ja nicht sehen", gibt Haneda zu bedenken.

Obwohl die japanischen Nachrichten noch beinah täglich von Fukushima berichten, wie Kosaka erzählt, müssen die beiden Fußballer inzwischen nicht mehr so oft an das Unglück denken. Der Alltag kehrt ein.

von Simone Schwalm