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Muskelkraft für ein lautes „Ding-Dong“

Marburger Michelchen Muskelkraft für ein lautes „Ding-Dong“

Ding-Dong! Im Marburger Michelchen werden die Glocken noch per Hand geläutet. Eine Tradition, die vom technischen Fortschritt vielerorts verdrängt wurde.

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Pfarrer Achim Ludwig zieht an der langen Kordel, die die Glocke zum Läuten bringt.

Quelle: Thorsten Richter Richter

Marburg. Wer bei einem Rock-Konzert die erste Reihe erobert hat, der hat Biss bewiesen. Wer in der Schule in der ersten Reihe sitzt – der hat vorher Lümmel-Qualitäten bewiesen. Und wer in der kleinen Kapelle im Marburger Michelchen in der ersten Reihe Platz nimmt, der hat Glockenläut-Qualitäten bewiesen. Denn in der kleinen Kapelle ist noch Handarbeit angesagt. Die Glocke aus dem Jahr 1680 wird nicht durch eine moderne Technikanlage, sondern per Muskelkraft geläutet.

Eine Aufgabe, um die sich besonders die jüngeren Besucher der Gottesdienste reißen. Jeden Sonntag, wenn Pfarrer Achim Ludwig und seine Kollegen zum Gottesdienst für Kinder und Erwachsene einladen, warten einige der jungen Besucher schon lange vor der Tür. Sie wollen die ersten an der langen Kordel sein, wollen dabei helfen, die Glocken erklingen zu lassen.

Zehn Minuten vor dem Beginn des Gottesdienstes dürfen die Kinder läuten. Zehn Minuten, in denen das Gebimmel immer verrät, wer gerade an der Kordel steht. „Die Kinder läute mal schneller, mal langsamer. Ganz so, wie die Kraft ausreicht,“ erklärt Ludwig. Die Anwohner in der Ketzerbach, die stört das ungleichmäßige Geläute nicht. Im Gegenteil, sie lieben ihr Michelchen und mit ihm auch das handgemachte Glockengeläut.

In diesem Frühsommer aber, da war es still in der Ketzerbach. Gottesdienste wurden gefeiert, die lange Kordel ragte weiter in den Bauch der Kirche hinein, nur die Glocke, die wollte nicht erklingen. Der Glockenstab, der sogenannte Klöppel, durch den das Läuten erzeugt wird, war abgebrochen und musste in der Glockengießerei in Herborn-Sinn neu angefertigt werden. Mehrere Wochen war es still – bis zu dem Tag, als die Mitarbeiter der Glockengießerei den Klöppel wieder an Ort und Stelle einbauten.

„Die Kinder haben am ersten Tag wieder Schlange gestanden. Mindestens 20 von ihnen wollten ihr Michelchen wieder zum Klingen bringen,“ erinnert sich Pfarrer Achim Ludwig. „Es hat ein bisschen länger gedauert, bis der Gottesdienst anfangen konnte. Jeder wollte ein paar Mal ziehen. Kinder haben eben ein anderes Zeitgefühl.“

Seit einigen Wochen läutet die Glocke im Michelchen wieder. Mal schneller, mal langsamer, aber immer schwingt in dem schweren „Bim-Bam“ auch ein bisschen Nostalgie mit.

Kennen auch Sie eine Tradition, die „Vom Aussterben bedroht“ ist? Dann rufen Sie uns an unter 06421/409364 oder schreiben Sie eine Mail an serie@op-marburg.de

von Marie Lisa Schulz

Mehr lesen Sie am Montag in der gedruckten OP.

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