Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Graben für ein Quäntchen Trost

Nachbarschaftshilfe Graben für ein Quäntchen Trost

Die OP-Serie „Vom Aussterben bedroht“ stellt Traditionen und Sitten vor, die nahezu unbemerkt aus dem gesellschaftlichen Leben zu verschwinden drohen. So auch Nachbarschaftshilfe bei Grabaushebungen.

Voriger Artikel
Tante Emma heißt Hans Dehnert
Nächster Artikel
Die Ortsrufanlage gibt den Ton an

Frank Drescher (links) und Günter Schmidt (rechts) wissen genau, wann sie anpacken müssen. Auf dem Hatzbacher Friedhof helfen die Nachbarn eines Verstorbenen dabei, das Grab auszuheben und die Trauerfeier auszurichten.

Quelle: Foto: Thorsten Richter

Hatzbach . Es gibt Traditionen, an deren Anfang bittere Tränen und an deren Ende echter Trost stehen. Traditionen, deren emotionaler Wert unermesslich und deren Fortbestehen unerlässlich ist. Stirbt ein Mensch, egal ob Alt oder Jung, greift in vielen Dörfern die Nachbarschaftshilfe. So auch in Hatzbach. Dort, wo es diese Form der Hilfe gibt, stehen die Menschen nach der Nachricht über den Tod eines Nachbarn, Freundes oder Bekannten zwar häufig sprach- aber niemals tatenlos gegenüber. Denn in den schwersten Stunden rücken alle ein Stück enger zusammen. Gemeinsam wird dafür gesorgt, dass die Angehörigen Raum zum Trauern haben. Die Männer kümmern sich um die Grabaushebung, die Frauen organisieren das Kaffeetrinken. Eine Belastung? Nein, eine große Ehre, darin sind sich Ortsvorsteher Frank Drescher und Günter Schmidt vom Kirchenvorstand sicher. Egal ob frisch ins Dorf gezogen oder schon seit Lebzeiten angesiedelt – alle wissen im Todesfall genau, was von ihnen erwartet wird. In der Trauer wachsen die Menschen in Hatzbach zu einem eingespielten Team zusammen. Still, unaufgeregt, beschäftigt. Schablone gibt an, wie tief das Grab werden soll Die Männer greifen zu Schaufel und Spitzhacke. Die Frauen beginnen mit den Vorbereitungen für die Trauerfeier. Es wird Kuchen gebacken, tröstende Worte gesprochen und immer wieder versucht, den plötzlich so schweren Alltag für die Trauernden zu entlasten. Sechs Männer aus der unmittelbaren Nachbarschaft, so zumindest schreibt es die Tradition vor, treffen sich auf dem Friedhof. Häufig sind es aber deutlich mehr. Alle wollen mit anpacken, wollen in den Momenten der Sprachlosigkeit ein Zeichen der Unterstützung setzen. Ortsvorsteher Frank Drescher weiß wovon er spricht. Auch er hat schon zweimal zur Schaufel gegriffen und bei der Grabaushebung auf dem Hatzbacher Friedhof geholfen. Ein Friedhof, auf den die Dorfbewohner besonders stolz sind. Denn seit 2002 ist die Ruhestätte der Hatzbacher, als einziger Stadtteil von Stadtallendorf, in Kirchenhand. Für die Pflege des Friedhofes sind die Angehörigen und Dorfbewohner selbst verantwortlich. Keine Stadtgärtnerei, die Hecken schneidet, keine öffentlichen Mülltonnen, die für teures Geld entleert werden müssen. Alles basiert auf Vertrauen. Im Geräteraum der kleinen Kapelle ist alles für die Helfer vorbereitet. Dort liegt der Kunstrasen, mit dem das Grab ausgekleidet wird, eine massive Plane, auf der die Erde zwischenlagern kann und auch eine Art Schablone, damit jeder der Helfer genau weiß, wie tief und breit das Erdloch werden muss. Schließlich ist diese Art der Nachbarschaftshilfe auch für die Dorfbewohner keine Routineangelegenheit. Ehre hin oder her – es ist eine schweißtreibende Arbeit. Muskelkraft, sechs Männer und mindestens drei Stunden braucht es, um das Grab auszuheben. Vorausgesetzt, es läuft alles nach Plan. In den Wintermonaten etwa, wenn der Boden gefroren ist, reichen die Schaufeln oftmals nicht aus. Dann muss die Schlagbohrmaschine her. Es kam auch schon vor, dass selbst damit die Helfer nicht weiterkamen. Das Klirren der Schaufeln auf Stein machte deutlich: Hier wird schwereres Material benötigt. Mit dem Anhänger ging es zur Baufirma in den Nachbarort – mit einem großen Kompressor wieder zurück. Aufgeben gilt nicht. Auch dann nicht, wenn unter den Parzellengräbern Sandsteinfels liegt. Und weil sich auch in Hatzbach zwar nicht die Tradition, wohl aber der Lebensrhythmus der Bewohner geändert hat, wurde auch die Friedhofssatzung offiziell angepasst. Bestattet werden darf auch an Sams- und Sonntagen. So können auch die Berufstätigen, die nicht vom Arbeitgeber frei bekommen, ihrer Pflicht nachkommen und beim Ausheben der Gräber behilflich sein. Die Änderung wurde extra, und als einziger Friedhof in Stadtallendorf, in die Satzung mit aufgenommen. Grabausheber sind häufig auch Sargträger Die Männer, die abends noch mit erdverschmierten Händen die Schaufeln in den Boden rammten, sind es auch, die am nächsten Tag mit weißen Handschuhen den Sarg tragen und ins Grab hinab lassen. Die Ruhestätte mit einem Bagger ausheben, sechs Mann durch eine Maschine ersetzten – das ist für die Hatzbacher undenkbar. Zum einen, wäre dies aufgrund der Parzellengestaltung der Friedhofsanlage unmöglich, zum anderen wäre das in den Augen der Dorfbewohner respektlos. Immerhin ist es die letzte Ehre, die sie dem Verstorbenen erweisen können. Und die körperlich harte Arbeit – sie tut auch den Trauernden gut. Sprach- aber niemals tatenlos eben. Kennen auch Sie eine Tradition oder einen Brauch, der vom Aussterben bedroht ist? Dann rufen Sie uns an (0 64 21 / 40 93 64) oder schreiben Sie eine Mail: serie@op-marburg.de

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr