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Vom Aussterben bedroht Gefriergemeinschaften liegen bald auf Eis
Landkreis Vom Aussterben bedroht Gefriergemeinschaften liegen bald auf Eis
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11:42 11.07.2011
Walter Kaiser (rechts) und Wolfgang Mink (links) sind Einfrierer der alten Schule. In ihren Kühlfächerm liegen selbstgebackene Brote und Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten Quelle: Nadine Weigel

Ebsdorf. Das kleine Gefrierhäuschen im Herzen Ebsdorfs ist schon lange zu hören, bevor es überhaupt zu sehen ist. Weißer Putz, kleine, mit Spitzengardinen behangene Fenster, aus denen ein dumpfes Brummen dringt. Nicht laut – aber unüberhörbar. Und das schon seit mehr als 50 Jahren Damals, Anfang der 60er, sprossen Gefrierhäuser wie Pilze aus dem Boden. Tiefkühltruhen waren noch unerschwinglich. Die Möglichkeit, Fleisch und Gemüse durch Einfrieren frisch zu halten, relativ neu. Allein drei Gefrierhäuser wurden binnen eines Jahres in Ebsdorf gebaut. Und sie alle boten den Dorfbewohnern die Chance, ein Gefrierfach für kleines Geld zu mieten. Heute, in einer Zeit, in der in jedem Haushalt mindestens eine Tiefkühltruhe steht, ist in Ebsdorf trotzdem noch ein Gefrierhaus übrig geblieben – und das ist komplett ausgebucht.

Blaue Fliesen, gelber Anstrich – es grüßt die Flower-Power-Zeit. Alles in dem kleinen Gefrierhaus ist noch im Originalzustand. Nur die Produkte, die in den Fächern gelagert werden verraten, dass das 21. Jahrhundert angebrochen ist. Statt Wurst und Fleisch aus Hausschlachtungen, lagert nun die ein oder andere Fertigpizza in den Eisregalen. Statt Obst und Gemüse aus eigenem Garten, hat sich auch die Supermarktmischung eingeschlichen. 44 einzelne Gefrierfächer reihen sich in der Mitte des Raumes um die große Kühlanlage. Auch Ortsvorsteher Walter Kaiser ist stolzes Mitglied der Gefriergemeinschaft. Und das schon seit mehr als 20 Jahren. Mit einem Generalschlüssel öffnet er die Tür zu dem kleinen Häuschen, steuert mit schnellen Schritten auf sein privates Fach zu. Ein dickes Vorhängeschloss sichert seine wertvolle Kühlware. Kaiser weiß: Mundraub, den gibt es überall. Der 57-Jährige ist ein Einfrierer der altem Schule. Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten liegen im untersten Fach, zahlreiche Brote stapeln im oberen. „Selbstgebacken“, erklärt Kaiser stolz. Seit einiger Zeit backt er im gegenüberliegenden Backhaus sein Brot. Keine 20 Meter trennen die beiden Traditionshäuschen voneinander. Für Walter Kaiser ein Luxus. Trotzdem bekennt er: „Zuhause haben wir auch eine Tiefkühltruhe. Wenn ich etwas kochen will, dann muss ich nicht immer hier hin laufen.“

Wie viele andere im Dorf fährt er die Taktik „Umschichten“. Von der großen Truhe im Gefrierhaus in die kleinere im Keller. Galgenfrist des Gefrierhauses verlängert So wirklich auf das alte Grefrierhäuschen angewiesen ist hier niemand. Missen will es aber auch keiner. Und während Walter Kaiser umschichtet, springt mit einem ohrenbetäubenden Scheppern der Kühl-Kompressor wieder an. „Das ist noch die Technik von 1960“, erklärt der Vorsitzende der Gefriergemeinschaft Wolfgang Mink. Nur ein einziges Mal habe der Kompressor die Gefriergemeinschaft im Stich gelassen. Und das war vor 20 Jahren Seither brummt er wieder unermüdlich vor sich hin. Ein Brummen, das auch Peter Kornmann, Technik-Verantwortlicher, abends noch in seinem Bett hört. Störend? Nein, im Gegenteil. Für ihn ist es wie eine Einschlafmelodie. Denn Brummen bedeutet lediglich, dass alles in bester Ordnung ist. Kornmann kann sich noch gut an die Anfänge der Kühlbewegung erinnern. Ganz Ebsdorf war im Einfrierfieber. „Das war eine Sensation. Früher musste alles eingekocht, eingelegt oder eingesalzen werden. Das Sachen einfach frisch und haltbar bleiben können – das war unglaublich. Die Leute, die ein Fach im Gefrierhaus haben wollten, haben geholfen, das Haus hochzuziehen,“ so Kornmann. 400 Deutsche Mark zahlten damals jeder der 44 Fachanwärter für die Materialkosten. Heute kann ein Gefrierfach für 40 Euro im Jahr gemietet werden. Ein Schnäppchen – darin sind sich die Verantwortlichen einig. Und doch wissen sie: Diese Tradition wird aussterben. „Wer baut denn heutzutage noch sein eigenes Gemüse an? Wer schlachtet noch selbst?“, fragt Mink in die Runde. „Wer braucht überhaupt so ein großes Gefrierfach?“, ergänzt Peter Kornmann. Mit der Wiederbelebung des Backhauses, erklärt Mink, sei auch die Galgenfrist des Gefrierhauses verlängert worden. Die drei Männer wollen weiterhin an der Tradition festhalten. Einfach weil sie praktisch, günstig und ein bisschen nostalgisch ist. „Solange der Kompressor noch brummt...“.

Sind auch Sie ein Traditionsschützer? Kennen auch Sie einen Brauch oder eine Sitte, die aus dem alltäglichen (Dorf-)Leben zu verschwinden droht? Wir suchen Ihre Geschichten. Schreiben Sie uns eine Mail an serie@op-marbug.de.

von Marie Lisa Schulz

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