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Die Ortsrufanlage gibt den Ton an

Dautphetal Die Ortsrufanlage gibt den Ton an

Vor allem in der Gemeinde Dautphetal gibt es noch die aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammenden Ortsrufanlagen, doch sie werden immer seltener.

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Auf einem Zettel notiert sich Ortsvorsteher Rolli Messerschmidt seine Stichpunkte, die er am Mikrofon zu Durchsagen für die Friedensdorfer Bevölkerung umwandelt.

Quelle: Gianfranco Fain

Friedensdorf . Mornshausen/D., abgeschaltet! Silberg, nicht mehr funktionsfähig! Hommertshausen, außer Betrieb! Hartnäckig hielten sich die Ortsrufanlagen im Leben der Dorfbewohner, bis Kyrill den zumeist schon altersschwachen Anlagen den Todesstoß versetzte. Als der Orkan reihenweise Bäume entwurzelte und Leitungsmasten umknickte, kippte für viele Kommunikationsanlagen, die noch aus der Ära des Wirtschaftswunders stammten, auch die Kosten-Nutzen-Rechnung zu ihren Ungunsten. Nur in wenigen Orten, dort wo diese Mitteilungsart noch einen hohen Stellenwert hatte, wurden sie liebevoll gepflegt und Instand gehalten. So zum Beispiel in Friedensdorf, wo Ortsvorsteher Rolli Messerschmidt Herr über die Durchsagen ist. Die gute Akzeptanz beruhe auf der langen Tradition der Anlage, die aus den 1950er Jahren stammt, weiß der Ortsvorsteher.

Dass die rund 1 500 Einwohner des Dautphetaler Ortsteils an ihrer Ortsrufanlage hängen, beweist die Tatsache, dass Kyrill im Frühjahr 2007 nicht ihr Ende bedeutete. Damals hatte der Orkan fast alle Freileitungen der Anlage zerstört. Durch einen Spendenaufruf kamen von Gönnern und Vereinen 1 400 Euro zusammen, mit denen die Ortsrufanlage wieder instand gesetzt wurde. Das, wie auch die Pflege der Anlage, ginge nur so kostengünstig, weil „wir vor Ort einen Elektriker haben, der sehr kooperativ ist und wegen der Anlage nicht auf jeden Euro schaut“, gesteht Messerschmidt. Denn von der Gemeinde sei für die Ortsrufanlagen keine geldliche Hilfe mehr zu erwarten. Die sehe ihre Pflicht mit dem Mitteilungsblättchen als getan an. Seit die Anlage wieder funktioniert, verkündet Messerschmidt nun schon in seiner dritten Amtszeit an seinen Dienstabenden zweimal pro Woche die von Vereinen, Burschenschaften, Straßen- oder Religionsgemeinschaften eingereichten Mitteilungen.

Durchschnittlich 10 Durchsagen seien es im Monat, die früher auch mit jeweils 2 Euro vergütet werden mussten. Sein Vorgänger wollte immer fertig verfasste Texte vorgelegt bekommen, berichtet Rolli Messerschmidt, er begnüge sich mit Stichpunkten, die er am Mikrofon in einen Text umwandelt. Jede Durchsage kündigt Messerschmidt durch ein Musikstück aus seinem reichhaltigen Fundus an. Als Beweis spielt er gut gelaunt einen Schlager an. Ein Dorfbewohner hatte der OP gesagt, dass man an der Auswahl der Lieder die Laune des Ortsvorstehers erkennen könne. Dies dementiert Messerschmidt: Er wähle die Musikstücke danach aus, was durchzugeben sei. Das könne bei Vereinsnachrichten ein Schlager sein oder bei kirchlichen Mitteilungen durchaus auch mal „Die Trompeten von Jericho“, die dann zwei bis drei Minuten zu hören sind. Manchmal brächten die Auftraggeber auch Kassetten mit, weil sie ein bestimmtes Lied vor ihrer Durchsage haben wollen. Doch meistens ist die Fantasie des Orts- vorstehers gefragt.Schmunzelnd erzählt er von einem Ereignis, das schon länger zurückliegt. Damals wusste er, dass in der Nachbarschaft Besuch aus Gelsenkirchen zu Gast war. Also spielte er vor den Nachrichten eines Fußballvereins das Schalke-Lied „Blau-Weiß wie lieb ich dich“. „Das hat für Aufsehen gesorgt“, erzählt er.

Mitten im Gespräch klingelt das Telefon. Messerschmidt hebt den Hörer ab, hört zu, legt wieder auf, geht zur Anlage und stellt sie ab. Sie funktioniert! „Papa, man hört hier unten alles, worüber ihr schwätzt“, habe ihn seine Tochter informiert. Neun Stationen mit Lautsprechern sind meist auf Hausdächern im Dorf verteilt. „Unsere leistungsstärkste ist gerade außer Betrieb, weil der Stromversorger sich von seinen Hochständern trennt “, erklärt der Ortsvorsteher. Somit ist ein kleiner brauner Kasten das einzige Gerät, das noch aus den Anfangsjahren stammt und auch funktionsfähig ist. Damit schalte er zwischen den Lautsprechern im Ober- und Unterdorf um, erklärt Rolli Messerschmidt. Der Verstärker, das Mikrofon und die Lautsprecher sehen dagegen modern aus. „Wir werden unsere Anlage eventuell noch aufs Neubaugebiet ausdehnen.“ Damit deutet der Friedensdorfer Ortsvorsteher an, dass dem geliebten Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert noch eine lange Zukunft bevorsteht. In Hommertshausen gibt‘s bald wieder Durchsagen Das ist auch in zwei weiteren Ortsteilen der Gemeinde Dautphetal so.

In Allendorf wurde die Rufanlage vorletztes Jahr erneuert. Dazu habe sich die Dorfgemeinschaft entschlossen, als für eine Familie nach einem Großbrand Dank der Durchsagen innerhalb von vier Stunden eine neue Bleibe organisiert wurde, verrät Ortsvorsteherin Gunhild Krämer-Kornja. Das sei mit dem Mitteilungsblatt nicht machbar. Die lange Vorlaufzeit für ­Ankündigungen im Mitteilungsblättchen und auch der Wunsch der Bevölkerung sind auch für die Hommertshäuser ein Grund, ihre seit Kyrill ausgefallene Rufanlage zu modernisieren und wieder in Betrieb zu nehmen. Um die dazu benötigten 2 500 Euro zusammenzubekommen, organisierte die Interessengemeinschaft ein Dorffest, berichtet Uwe Wohnrade. Die noch fehlenden 400 Euro will die Jagdgenossenschaft beisteuern, verrät der Ortsvorsteher. Im Zuge der Modernisierung wird es in Hommertshausen künftig nur noch einen Lautsprechermast auf dem Dach des Dorfgemeinschaftshauses geben. Dieser sei drehbar, sodass der ganze Ort beschallt werden kann.

von Gianfranco Fain

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