Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 13 ° heiter

Navigation:
Von verlorener Zeit und Fahrzeugmängeln

Parlament Ebsdorfergrund Von verlorener Zeit und Fahrzeugmängeln

Wenn es brennt, zählt für eine erfolgreiche Lebensrettung praktisch jede Sekunde, bis die Feuerwehr eintrifft. Doch nicht jede Idee zur Zeitreduzierung ist umsetzbar, auch wenn sie erst einmal plausibel klingt.

Voriger Artikel
Mutmaßlicher Dieb betrunken verhaftet worden
Nächster Artikel
Geschichte und „Geschichterchen“

Zum Glück nur eine Übung: Unter Atemschutz bahnen sich die Retter ihren Weg in das total verrauchte Treppenhaus einer Grundschule. Versierte Atemschutzträger sind laut Kreisbrandinspektor Lars Schäfer in 15 bis 20 Sekunden am Ort des Geschehens einsatzbereit.

Quelle: Andreas Schmidt

Dreihausen. In den Reihen der ÜBE/FWG-Fraktion (Überparteiliche Bürgervereinigung Ebsdorfergrund / Freie Wählergemeinschaft) im ­Gemeindeparlament Ebsdorfergrund sitzt in Marcell Büttner ein Mann vom Fach. Er ist Berufsfeuerwehrmann. Und er hat den Bedarfs- und Entwicklungsplan insbesondere zum Investitionsprogramm Feuerwehrfahrzeuge genau gelesen. Dort heißt es: „Die zu beschaffenden TSF-W [Tragkraftspritzenfahrzeuge mit Wasser] sollen seitens des feuerwehrtechnischen Aufbaues so beschafft und ausgestattet werden, dass während der Anfahrt zum Einsatz der Atemschutz angelegt werden kann.“

Bedarfs- und Entwicklungsplan überarbeiten

Das neue TSF-W, das der Freiwilligen Feuerwehr Beltershausen im vergangenen Dezember zugeteilt wurde, biete aber gar nicht diese Möglichkeit. Deshalb forderte die ÜBE/FWG in der Parlamentssitzung am Montagabend per Antrag, dass der aktuelle Bedarfs- und Entwicklungsplan der Gemeinde aufgehoben und in einem neuen Ausschuss überarbeitet wird.

Drei Minuten versus 15 Sekunden

Die dazu nötige Mehrheit ­bekam die ÜBE/FWG allerdings nicht. SPD und Grüne stimmten geschlossen dagegen, zudem gab es noch sieben Enthaltungen, im Ganzen letztendlich nur sechs Ja-Stimmen. Trotzdem wurde das Thema zuvor sehr emotional diskutiert. Als Begründung für den von Büttner und Reiner Nau unterschriebenen Antrag führt die ÜBE/FWG an, dass diese Nichtberücksichtigung „einen Eingriff in die Einsatztaktik der Feuerwehr bedeute und zu einer verlangsamten Reaktion im Brandfall führe, was letztendlich zu Lasten der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde führe.
Büttner sprach von einer ­Reaktionsverzögerung bis zu drei Minuten, bis die Atemschutzträger einsatzbereit seien. Deshalb sei es ja so wichtig, einfach dafür die Zeit der Anfahrt zum Einsatzort zu nutzen.

Das wollte Bürgermeister Andreas Schulz so nicht stehen lassen und wurde in seiner Wortwahl sehr deutlich. „Das ist ausgemachter Blödsinn, was Sie da schreiben.“ Die Behauptungen seien falsch und würden nur unnötig das Vertrauen in den Brandschutz schmälern. Das sei schon „bösartig“. Atemschutzträger könnten vor Ort in 15 Sekunden einsatzbereit sein, diese Information habe er direkt von Kreisbrandinspektor Lars Schäfer erhalten.

Atemschutzgerät muss im Gerätefach liegen

Drei Minuten versus 15 Sekunden. Wir fragen bei Kreisbrandinspektor Lars Schäfer nach. „Sofern die Atemschutzgeräte im Fahrzeug gelagert sind, können sie direkt nach dem Aussteigen aus dem Gerätefach genommen und aufgezogen werden. Das sollte für einen geübten Atemschutzträger in 15 bis 20 Sekunden möglich sein“, sagt Schäfer.

Die ÜBE/FWG vertritt die Meinung, dass auch diese Sekunden noch eingespart werden könnten, wenn die Atemschutzträger die Geräte schon auf haben, wenn sie aus dem Fahrzeug steigen.
Nun, das geht aber nicht, sagen Schäfer und Schulz. Auch wenn es im Bedarfs- und Entwicklungsplan der Gemeinde Ebsdorfergrund so festgeschrieben wurde, wird in Hessen kein TSF-W so ausgerüstet. Weder Hersteller noch das zuständige­ Ministerium geben dazu ihre Zustimmung.

Test würde 75.000 Euro kosten

„Es ist uns schlicht nicht erlaubt worden“, sagt Schulz. Was spricht jetzt konkret dagegen? Lars Schäfer antwortet: „Es ist ein technisches Problem. Die Gerätschaften dürfen sich nicht einfach im Inneren des Fahrzeugs befinden, weil niemand sagen kann, was mit ihnen passiert, sollte es bei der Einsatzfahrt zu einem Unfall kommen. Um das zu klären, müsste wohl ein 1:1-Versuch unternommen werden. Das heißt, es müsste ein Fahrzeug im Wert von gut 75.000 Euro gegen eine Wand fahren.“

Das stehe aber in keinem Verhältnis zum Nutzen, weil die Atemschutzträger auch so schon nach wenigen Sekunden einsatzbereit seien. Schulz: „Es war eine Idee, die wir aber nicht umsetzen können, weil sie nicht zulässig ist. Das müssen wir akzeptieren wie übrigens­ ­alle anderen Gemeinden in ­Hessen auch.“

ÜBE/FWG moniert „erhebliche Fahrzeugmängel“

Über eine Anfrage brachte Büttner am Montagabend noch ein zweites Feuerwehr-Thema zur Sprache. Dabei bemängelte­ er, dass er diese Frage eigentlich schon während der letzten Sitzung des Jahres 2017 aus aktuellem Anlass stellen wollte, ihm der Bürgermeister dies aber verwehrte. Schulz stand dazu, dass diese Frage zum damaligen Zeitpunkt nicht als „Frage aus aktuellem Anlass“ deklariert werden­ konnte, weil sich die Frage auf ein Anordnung bezog, die er bereits fast zwei Monate zuvor, ausgegeben hatte. Um was geht es?

Im Oktober 2017 zeigte­ der Technische Prüfdienst des Landes Hessen an, dass die Gemeinde Ebsdorfergrund gleich sechs Fahrzeuge sofort aus dem Einsatz- und Übungsdienst zu nehmen habe, weil an diesen Mängel festgestellt wurden.­ Büttner sprach von „erheblichen Mängeln“ und das, wo doch der Bürgermeister noch im März 2017 der Öffentlichkeit versichert habe, dass keines der Fahrzeuge der Feuerwehr Ebsdorfergrund Mängel aufweise.

Die ÜBE/FWG führt aus, dass sie die Anordnung nicht verstehen könne, zumal sie „auf den Grundschutz der Bevölkerung und somit auf den Schutz der Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde Ebsdorfergrund ausgewirkt hat“. Selbstverständlich gehe die Sicherheit der Feuerwehrkameradinnen und -kameraden vor. „Nicht auszudenken, dass durch Fahrzeugmängel ­ehrenamtliche Feuerwehrangehörige zu Schaden kommen“, heißt es in der Begründung zur Anfrage.

Fahrzeuge waren lediglich überladen

Diese Ausführungen brachten den Bürgermeister ein weiteres Mal in Rage. Denn die festgestellten Mängel waren gleicher Natur: Die Fahrzeuge, darunter auch zwei Mannschaftstransporter der Feuerwehrvereine, waren lediglich überladen. Sie kamen auf die Waage und wurden entsprechend abgerüstet, bestätigte Gemeindebrandinspektor Wilfried Eucker der OP. Nach einer Woche seien alle Fahrzeuge wieder einsatzbereit gewesen. Dadurch, dass immer mehrere Wehren alarmiert werden, habe es auch keine Aussetzung des Grundschutzes gegeben.

„Wenn ich doch weiß, dass die Fahrzeuge überladen sind, dann müssen sie stehen bleiben, wie jeder Lkw, dem eine Überladung nachgewiesen wurde.“ Die ÜBE/FWG warf dem Bürgermeister vor, in diesem Zusammenhang „bewusst den Paragraf 3 des Hessischen Gesetzes über den Brandschutz außer Acht gelassen zu haben, in dem die Aufgaben einer Gemeinde zum Brandschutz definiert sind. Schulz werte diese Aussage als „einen schweren Angriff“ und gab Marcell Büttner, mit dem er schon in der Februarsitzung über Feuerwehrangelegenheiten­ gestritten hatte (die OP berichtete), noch ein paar persönliche Worte mit auf dem Weg: „Es ist nur gut, dass Sie hier keine Verantwortung mehr tragen.“ Und: „Sie wollen als Beschützer der Feuerwehr auftreten, dabei sind Sie der Gefährder.“

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr