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Südkreis Neue Chance für die Salzbödebahn?
Landkreis Südkreis Neue Chance für die Salzbödebahn?
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20:00 29.01.2019
Ein Blick von der stillgelegten Trasse ins Neubaugebiet. Quelle: Götz Schaub
Niederwalgern

Im vergangenen Jahr ließ eine Meldung zu heimischen Bahnstrecken aufhorchen: die Überlegungen der Kurhessenbahn zur Reaktivierung der 2006 stillgelegten eingleisigen Aar-Salzbödebahn, die einst in Niederwalgern ihren Anfang nahm.
Deshalb war das Thema nun auch auf der Tagesordnung der gemeinsamen Sitzung der Ortsbeiräte Niederwalgern und Wenkbach.

Der Pro Bahn ­Regionalverband Mittelhessen begrüßte diese Überlegungen, um den ländlichen Raum in der ­Mobilitätsfrage zu stärken. Ein Regional-Sprecher von Pro Bahn ist Reinhard Ahrens, der für die Grünen im Weimarer Gemeindeparlament sitzt. Er wohnte der Ortsbeiratssitzung bei und erhielt von den Ortsbeiräten ­Rederecht zum Thema.

Zachow rechnet mit Ergebnissen ab Mai

Zunächst sagte er, dass noch „nichts in trockenen Tüchern“ sei, es zunächst einmal eine Voruntersuchung zu einer Machbarkeitsstudie gibt. Zwölf Jahre haben eben auch vieles auf der Trasse verändert. In Lohra gibt es beispielsweise jetzt einen Supermarkt, der auf Höhe der ehemaligen Trasse gebaut wurde. Und in Niederwalgern wurde ­direkt neben der Trasse im Wissen um die Stilllegung der Bahnstrecke das Baugebiet "Auf der großen Hohl" entwickelt.
Dort würde die Bahn quasi­ ­direkt an den Gärten der ­Bewohner vorbeiführen. „Das kann wirklich niemand wollen“, meinte Dr. Thorsten Hoß vom Ortsbeirat Niederwalgern.

Aufgrund der Nähe der Trasse zu den Grundstücken werde es tatsächlich auch als problematisch angesehen, direkt auf der Trasse einen Radweg einzurichten, wie es sich Hessen Mobil vorstellen könne, weil die Trasse parallel zur Straße verläuft. „Der Radweg könnte ohnehin nur bis Lohra-Damm gehen“, schränkte Ahrens schon mal ein. Er könnte dabei aber auch nur ein Platzhalter sein, die Trasse von anderen Bebauungen freizuhalten, falls die Überlegungen einer ­Reaktivierung tatsächlich konkret werden sollten.

Die Vorstudie zu einer Machbarkeitsstudie ist derweil am Werden. Das bestätigt der ­Erste Kreisbeigeordnete Marian­ ­Zachow. Er geht davon aus, dass im Korridor Mai bis Juni die ­interessierte Öffentlichkeit über die Ergebnisse informiert werden kann. Volker Haupt, ­Geschäftsführer des ­Regionalen Nahverkehrsverbandes Marburg-Biedenkopf (RNV) erläutert, dass die Vorstudie nur ­dazu da ist, „Daten und Fakten“ ­zusammenzutragen, eine Ist-Situation darzustellen, von der aus Optionen aufgezeigt werden sollen. Von einer Entscheidungsfindung sei man dann noch weit entfernt.

Heute würde man die Strecke niemals aufgeben

Die Entscheidung könne schließlich erst gefällt werden, wenn tatsächlich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben wird und ­deren Ergebnisse vorliegen. Zachow weiß natürlich, dass es in Niederwalgern ein Neubaugebiet gibt, das nun direkt an der stillgelegten Trasse grenzt. Doch er sieht das jetzt nicht als Totschlag-Argument, wie auch die Tatsache, dass auch Teile der Trasse bis Hartenrod mittlerweile überbaut wurden. Es müsse ja nicht alles genau so wieder angelegt werden, wie es einmal war. Das Große und Ganze müsse aber noch stimmen. Und da müsse er aus heutiger Sicht ­sagen, „dass die Stilllegung der Salzbödebahn verkehrspolitisch ein Fehler war“.

Und er sagt: „Die Bestandsaufnahme geht schon in die Richtung, dass wir es uns schlimmer als es tatsächlich ist vorgestellt haben. Mit dem Wissen von heute, würde eine solche Strecke niemals mehr aufgegeben werden.“ Zur Stärkung der Mobilität im ländlichen Raum sei diese Bahn ein ordentliches Pfund.

Derzeit müssen Arbeitnehmer aus Lohra, Gladenbach und Bad Endbach, die aufgrund ­ihrer ­Arbeitsstelle nach Süd- oder Nordhessen pendeln, immer zunächst in ihr Auto steigen, um zu einen Bahnhof zu gelangen, der Anschlüsse nach Frankfurt und Kassel bietet. „Wie viele das sind, kann man an den Parkplätzen rund um die Bahnhöfe ablesen, auch in Niederwalgern“, sagt Zachow. Dazu kämen dann noch die mehr als 3.000 Einsteiger werktäglich auf der Buslinie 383 Bad Endbach Marburg.

Zachow macht eine weitere Rechnung auf, die für eine Einrichtung der Bahnstrecke spricht. Für viele junge Leute ist ein eigenes Auto nicht der Schlüssel zur Mobilität. Besaßen 2000 noch 50 Prozent der unter 30-Jährigen ein Auto, waren es 2015 nur noch 35 Prozent. Mit der Reaktivierung der Salzbödebahn bis mindestens Hartenrod würde die Lebensqualität für solche Pendler zunehmen, die dann bereits per Bahn nach Niederwalgern kommen könnten und das wohl ohne mehr dafür zahlen zu müssen als von Niederwalgern aus zu ihren Zielorten.

Bis zum ersten Zug vergehen wohl mehr als 20 Jahre

Zachow weiß ­natürlich nicht nur von Niederwalgern, er kennt auch die übrigen Probleme an der Strecke, denn auch dort, wo noch keine Überbauung stattgefunden hat, gibt es durchaus andere Interessen, etwa in Lohra-Damm, wo eigentlich ein Unternehmen ­expandieren möchte. Zachow bleibt zuversichtlich, dass Kompromisse und neue Denkansätze auch einvernehmliche Lösungen bringen können. Er setzt auf neues Denken rund um die alte Trasse, geht aber auch davon aus, dass gut 20 Jahre, eher noch mehr, vergehen werden, bis auf der Strecke wieder ein Zug fährt.

So soll zunächst ein Radweg die Trassen sichern, der später dann bahnparallel geführt werden soll. Die Bahnstrecke könne gerne auch in zwei Bauabschnitte unterteilt werden, wobei der erste Bauabschnitt die Strecke Niederwalgern-Gladenbach wäre. Haupt und Zachow glauben, dass, wenn die Bahn reaktiviert werden kann, sie auch wirklich als Gewinn angesehen wird. Was die Fahrzeuge betrifft, sind sie auch optimistisch. „Wir müssen uns vom klassischen Bild eines alten Schienenbusses verabschieden“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete. Die Leichttriebwagen von heute seien schon kein Vergleich mehr zu denen aus dem vergangenen Jahrhundert, und die Technik bliebe ja nicht stehen. Elektro- und Wasserstoff-Trieb­wagen läuten eine ganz neue Generation ein.

von Götz Schaub

Standpunkt: "Bitte nicht stur zerreden"

Ein Neubaugebiet mit einer Eisenbahnlinie hinter dem Haus klingt zunächst einmal gar nicht so doll. Krach, Lärm, Gestank, Menschen, die einem im Stundentakt aufs Grundstück schauen. Doch halt. Dieses Thema sollte jetzt in Niederwalgern nicht aus einem Impuls heraus emotional zerredet, sondern besser mal ganz nüchtern betrachtet werden. Es besteht keine Gefahr, dass jetzt irgendwelche Fakten geschaffen werden. Wichtig ist, dass ­alles auf den Tisch kommt, wenn tatsächlich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden sollte. Dabei sollte aber dann auch berücksichtigt werden, dass eine Reaktivierung mindestens 20 Jahre, eher mehr, Zeit in Anspruch nehmen wird.

Was bis dahin technisch alles möglich sein wird, kann man jetzt nur erahnen. Jedenfalls darf man sich sicher sein, dass die Schlagworte „leise“ und „sauber“ sowie „umweltfreundlich“ eine tragende Rolle spielen werden. Es werden dann Menschen in den Häusern wohnen, die mehr darüber wissen, was Klimawandel bedeutet, was Nachhaltigkeit bedeutet, welche „persönlichen Opfer“ man für ein gutes Miteinander bringen möchte.

Da die Trasse auf Höhe des Neubaugebiets sowieso keine Gefahr läuft, überbaut zu werden, gibt es vielleicht auch Möglichkeiten, einen offenbar gewünschten Platzhalter-Radweg nach Damm dort nicht auf, sondern neben der Trasse zum Feld hin zu bauen.

von Götz Schaub