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Südkreis Tafel und Broschüre gegen das Vergessen
Landkreis Südkreis Tafel und Broschüre gegen das Vergessen
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06:15 23.05.2012
Schülerinnen enthüllen die Informationstafel zum jüdischen Friedhof im Schlosspark von Rauischholzhausen. Quelle: Martina Becker
Rauischolzhausen

Der Abgrund des Menschseins - er sei erreicht, „wenn Menschen Mitmenschen entmenschlichen, ihnen das Menschsein absprechen“, sagt Dr. Egbert Schlarb, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Rauischholzhausen, anlässlich einer Gedenkfeier für die früher in Rauisch­holzhausen lebenden Juden. Während des Naziregimes wurden auch sie von diesem Abgrund nicht verschont. Sie gingen den gleichen Weg wie die jüdische Bevölkerung in anderen Dörfern und Städten des Deutschen Reichs. Das Konzentrationslager Theresienstadt war die Endstation von denen, die nicht emigriert waren.

Vor genau einem Jahr veranstaltete die Gesamtschule Ebsdorfer Grund (GSE) am jüdischen Friedhof eine sehr emotionale und einfühlsame Gedenkfeier, die an das Schicksal der jüdischen Gemeinde in Rauischholzhausen erinnerte. Dreihausens Pfarrerin Angelika Kaese hatte das Thema mit Schülern der GSE aufgearbeitet. Der Veranstaltung wohnten damals auch die Brüder Alfred und Walter Spier bei. Als Überlebende des Holocaust waren sie an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt. Gefesselt von der Veranstaltung und dem Bewusstsein, dass das Erinnern damit noch nicht abgeschlossen sein könne, hatten sich im Wahlpflichtunterricht sechs Schülerinnen der 10. Gymnasialklasse mit ihrer Lehrerin Angela Kafitz dem Thema ein weiteres Jahr lang gestellt.

Die Schüler gingen vielen Fragen nach: Warum haben die jüdischen Grabsteine auf beiden Seiten Schrift? Wie rechnet man die hebräische Zeitrechnung um?, das nannte Kafitz als Beispiele. Das Recherchieren im Staats- und im Gemeindearchiv, die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Ämtern oder mit professionellen Grafikern - all das habe sehr viel Zeit und Engagement gefordert. Am Ende seien „tolle“ Ergebnisse herausgekommen.

Zu den Ergebnissen zählte zum einen eine Informations­tafel zum jüdischen Friedhof, die im Schlosspark von Rauisch­holzhausen am Dienstag enthüllt wurde. Die Gestaltung der Tafel hatte die Gemeinde Ebsdorfergrund in die Hände von Kafitz und ihren Schülerinnen gegeben. Ihren Platz hat sie am Wegrand unterhalb des Friedhofs gefunden. Hier steht sie „unter einem Baum, der so mächtig ist, wie unsere Bewegung mächtig sein soll, dass nie wieder so etwas passiert“, sagte Bürgermeister Andreas Schulz in seiner Ansprache. Er betonte, dass in der Gemeinde die Erinnerungskultur nicht durch Parlamentsbeschlüsse, sondern durch Taten aus dem Inneren der Bevölkerung heraus geprägt sein müsse.

Zusammen mit dem Marburger Grafiker Helge Neubauer gestaltete die Projektgruppe mit viel Feingefühl eine Informationstafel. Die Bilder auf der Tafel zeigen den Friedhof als Gesamteindruck sowie einzelne Grabsteine. Erklärt werden die Anlage sowie die Gestaltungs­elemente auf den einzelnen Grabsteinen. Darüber hinaus erfährt der Leser, dass jüdische Friedhöfe „ein Ort der ewigen Ruhe sind“. Niemals würde es hier eine Neubelegung geben, wie es häufig auf christlichen Friedhöfen der Fall ist.

Neubauer ging nach der Enthüllung auf die einzelnen Gestaltungselemente ein. Damit sich die Tafel ins Bild des Parks einfügt, ist sie in Grüntönen gehalten. Die Grabsteine sind nach Osten ausgerichtet, gen Jerusalem, was die Hoffnung auf Auferstehung widerspiegle, so der Grafiker. Aus diesem Grund wurde für das Foto des Friedhofs der Sonnenstand im Osten gewählt. Ein weiteres Element ist ein Zitat von dem in Amerika lebenden Walter Spier. Dieses stammt aus seiner Rede im vergangenen Jahr: „Es ist wichtig, dass man die deutsche Geschichte und die Geschichte von Rauischholzhausen kennt. Dass man weiß, dass hier einmal gleichberechtigte jüdische Bürger gelebt haben, bis die Nazis an die Macht kamen. Es ist unerlässlich, dass man diese Geschichte kennt, damit sie sich niemals wiederholen kann.“ Diese Worte stehen in ameri­kanischer Schreibmaschinenschrift geschrieben auf der Tafel.

Im Anschluss an die Enthüllung der Tafel trafen sich mehr als 100 Bürger in der alten Schule von Rauischholzhausen. Dort wurde die Veranstaltung in der Hauptsache von den sechs Schülerinnen fortgeführt. Ihre zweite Arbeit in der Projekt­gruppe war die Produktion einer Informationsbroschüre. Diese berichtet über den Friedhof, die Synagoge oder überhaupt das jüdische Leben in Rauisch­holzhausen.

Viele Juden verließen Rauisch­holzhausen bereits vor 1933. Zwanzig jüdische Bürger aus sechs Familien blieben zurück. Das waren die Familien Spier, Frenkel, Mendel, zweimal Rülf und Stern. 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Über diese Menschen, ihre Lebensumstände zwischen 1933 und 1942, berichten die Schülerinnen Tabea Hirt, Lisa Reumke, Jessica Bloh, Ann-Christin Rauch, Luisa Campe und Alina Weigel. „Wir sind stolz auf euch, Ihr habt etwas gemacht, das über den normalen Geschichtsunterricht hinausgeht“, lobte Schulleiter Lothar Potthoff. Die zudem erstellte Broschüre mit dem Titel „Vergesst uns nicht“ und dem Untertitel „Gegenwart des Vergangenen“ bezeichnete er als „ganz tolle“ Arbeit. Bei der Erstellung gab es professionelle Hilfe. Der Rauischholz­häuser Bürger Andreas Frick, Besitzer einer Werbeagentur in Marburg, gestaltete die fünfzig Seiten kostenfrei. Das ansprechende Werk fand auf Anhieb viele interessierte Leser.

Aufklärung im Sinne von Erinnern, dieser Art des Arbeitens fühle sich die GSE verbunden, was mit dem umfassenden Projekt sehr gelungen sei, betonte der Schulleiter. Mit viel Einfühlungsvermögen waren auch die Musikstücke ausgesucht, die die Veranstaltung begleiteten: Klezmer von der „Musikschule Harmonie Kunterbunt“ sowie Gesang, Querflöten-, Gitarren- und Geigenspiel von Schülern der GSE. „Ich wandere durch Theresienstadt“ war eins der dargebotenen Stücke.

Mit dem Thema „Jüdisches Leben in Rauischholzhausen“ hat sich auch Annamaria Junge umfassend befasst. Die mit Rauisch­holzhausen familiär verwurzelte und in Berlin studierende Historikerin hat ihre Magisterarbeit zu diesem Thema geschrieben. Sie veröffentlichte im Jonas Verlag ein Buch mit dem Titel „Niemand mehr da“ - Antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung in Rauisch­holzhausen 1933 bis 1942.

von Martina Becker

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