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Südkreis Solidarität geben, Solidarität fordern
Landkreis Südkreis Solidarität geben, Solidarität fordern
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06:17 11.05.2012
„Mit uns nicht“ protestieren die Bürgermeister Peter Eidam (von links, Weimar), Georg Gaul (Lohra), Reinhold Weber (Fronhausen), Andreas Schulz (Ebsdorfergrund) und Dr. Bernd Wieczorek (Lollar) am Fronhäuser Bahnhof gegen Pläne zur Streichung von Zughalten zwischen Marburg und Gießen. Quelle: Martina Becker
Fronhausen

Außer der Stadt Marburg und der Initiative „Main-Weser-Bahn in Takt“ wolle die Streichung von insgesamt 12 Stationshalten keiner. Diesen Eindruck zumindest versuchten die fünf Bürgermeister aus den Gemeinden Weimar, Lohra, Fronhausen, Ebsdorfergrund und der Stadt Lollar am Montag bei einem Pressegespräch zu vermitteln. Dass dem nicht ganz so ist, wurde allerdings bereits in der vergangenen Woche im Kreistag deutlich (die OP berichtete).

Bislang sind die Pläne noch Zukunftsmusik, auch wenn eine Veränderung schon zum nächsten Fahrplanwechsel Ende des Jahres noch erreichbar wäre, wie der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Karsten McGovern, zugleich Vorstandschef des Regionalen Nahverkehrsverbandes des Landkreises(RNV) auf OP-Nachfrage berichtete. Bis zur Sommerpause müssten dafür die Voraussetzungen geschaffen werden.

„Mit uns nicht“, ist darauf die Antwort der fünf Bürgermeister, die sich auch der Unterstützung des Staufenberger Bürgermeisters sicher sind. Strikt dagegen sind die Verwaltungschefs, dass Züge der Hessischen Landesbahn (HLB) in Zukunft als Regionalexpress ohne Halt zwischen Marburg und Gießen verkehren. Das würde aber nicht für den gesamten Zugverkehr auf der Strecke gelten, sondern für fünf der sechs HLB-Zugpaare im Zeitraum zwischen 10.22 Uhr und 20.22 Uhr.

Von dieser Regelung betroffen wären insgesamt sieben Bahnhöfe: der Marburger Südbahnhof sowie die Haltestellen in Niederweimar, Niederwalgern, Fronhausen, Friedelhausen, Lollar und Gießen-Oswaldsgarten. Das würde nach Angaben der „Fahrplaninitiative Main-Weser-Bahn im Takt“, die vom Marburger Stadtparlament unterstützt wird, eine Zeitersparnis von 12 Minuten bringen, somit die Verbindung nach Frankfurt schneller machen, gleichzeitig aber auch die Anbindung von Marburg in Richtung Norden und Osten des Kreises und zu den Stadtbussen verbessern.

„Wegen 12 Minuten können unmöglich wichtige Haltestellen abgeschafft werden“, stellte Fronhausens Bürgermeister Reinhold Weber bei dem Treffen im Bürgerhaus Fronhausen am Montag die Sichtweise der Südkreisgemeinden dar. Unzählige Pendler aus den sechs Gemeinden würden mit dieser Regelung sozusagen auf der Strecke bleiben. Ökonomisch und ökologisch sei dies ein Aberwitz, so Weber.

Er erklärte, dass die Regelung für die Pendler aus den sechs Gemeinden eine Verlängerung des Weges und der Fahrzeit sowie eine zusätzliche finanzielle Belastung bringen würde. Sie müssten dann zu den Hauptbahnhöfen nach Gießen oder Marburg fahren, dort Parkplätze suchen, die es eigentlich nicht gäbe und wenn sie doch Glück hätten, noch teure Parkgebühren zahlen.

Bürgermeister fürchtenum Standortattraktivität

Darüber hinaus sehen die Rathauschefs den Wegfall der Haltestellen als Verlust von Standortattraktivität und befürchten, dass langfristig auch die Bus­anbindungen negativ betroffen sein werden. „Die Fahrzeitverkürzung klingt vordergründig attraktiv, verletzt in der Region aber die Interessen von sechs Städten und Gemeinden“, so Andreas Schulz, Bürgermeister aus Ebsdorfergrund.

Eine Resolution, unterschrieben von den fünf anwesenden Bürgermeistern richtet sich nun an die Landkreise sowie Städte Marburg und Gießen, den Regionalen Nahverkehrsverband (RNV), den Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe (ZOV) und den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Darin werden die genannten Argumente für den Erhalt der Stationshalte dargelegt und die Beibehaltung der jetzigen Standards gefordert.

„Das Ganze ist ein unsolidarisches Ansinnen und unverschämtes Eigeninteresse der Stadt Marburg und der Initiative Main-Weser-Bahn in Takt“, sagte Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek. „Wir hätten uns alle gewünscht, dass die Stadt Marburg vorher ein paar Worte mit uns gewechselt hätte“, meinte Weimars Bürgermeister Peter Eidam. „Hier geht es um Pendler und nicht ein paar Professoren, die schnell nach Hause wollen“, stichelte Schulz.

Die Gruppe sieht sich in ihrem Ansinnen bereits auf breiter Front gestärkt. „Die Stadt und der Landkreis Gießen sind unserer Meinung und auch in der Region Marburger Land gibt es einen einstimmigen Beschluss für die Zughalte“, berichtete Schulz. Das sei ebenfalls der Fall in den eigenen Gemeindeparlamenten. Die hier noch fehlenden Beschlüsse, in Fronhausen bereits gefasst, seien andernorts nur noch Formsache, so die Bürgermeister. Erwartet wird auch eine deutliche Unterstützung durch den RNV. „Wir sind hier Mitglieder und fordern die Vertretung unserer Interessen“, machte Weber deutlich.

Doch auch hier gibt es mehr als eine Meinung. Die Einstimmigkeit des Beschlusses in der Region Marburger Land basiert auch darauf, dass sich die ebenfalls in der Region vertretene Stadt Marburg bei diesem Beschluss der Stimme enthielt.

Der RNV selbst sucht noch eine Position zum Thema, wie McGovern gegenüber der OP sagte. Morgen steht das Thema auf der Tagesordnung des RNV-Vorstands, zu dem neben Schulz auch die Ostkreis-Vertreter Jochen Kirchner (Kirchhain) und Manfred Vollmer (Stadtallendorf) gehören, deren Bürger von einer neuen Taktung profitieren würden. McGovern hofft, dass die Position im RNV-Vorstand möglichst breit ausfällt - wie auch immer sie ausfällt. Entschieden wird am Ende auf der Ebene des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV).

Die Gegenposition zu den „Mit-uns-nicht“-Bürgermeistern vertritt unterdessen Kirchhains Stadtoberhaupt Jochen Kirchner, der derzeit zugleich Sprecher der Bürgermeister im Kreis ist. Er zählt die Gegenargumente auf, die für den Vorschlag der Fahrplaninitiative sprechen. „Der Stundentakt der Züge in Marburg wird dafür sorgen, dass der gesamte Regionalverkehr im Kreis besser aufeinander abgestimmt werden kann. Insbesondere die Übergänge von Bus auf Bahn und von Bahn auf Bahn werden dadurch attraktiver - für alle Nutzer im Landkreis“, argumentiert Kirchner.

Aus seiner Sicht hätten „mehr Bahngäste Vorteile als Nachteile“. Nicht nur für die Fahrgäste in Marburg, sondern auch die aus Cölbe, Kirchhain, Stadtallendorf und Neustadt werde die Bahnfahrt attraktiver. „Jenseits von Marburg“ wohnten rund doppelt so viele Menschen an der Bahnstrecke wie im Südkreis. Betrachte man das Einzugsgebiet, seien es fast dreimal so viele Menschen. Der gesamte Ostkreis als ein Bevölkerungsschwerpunkt des Kreises, würde dadurch wesentlich besser an Rhein-Main angebunden, so Kirchner. Er verweist zudem darauf, dass in Stadtallendorf, aber auch in Marburg, Kirchhain und Neustadt, an den Bahnhöfen viel getan werde oder noch getan werden solle, um den Regionalverkehr zu stärken.

Uneinigkeit herrscht unterdessen über die Zahl der von der Streichung direkt Betroffenen. Rund hundert Pendler wurden im Kreistag genannt. Dies zweifelte beim Termin der SüdkreisBürgermeister der Fronhäuser Ernst Becker aber an. Er pendele seit 30 Jahren nach Frankfurt und schätze die Zahl auf mehrere Hundert.

von Martina Becker und Michael Agricola

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