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Südkreis Seit 70 Jahren Organist
Landkreis Südkreis Seit 70 Jahren Organist
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00:21 22.11.2018
Helmut Lengemann begleitet an der Orgel in der Kirche zu Haddamshausen nicht nur regelmäßig die Gottesdienste, er stellte das Instrument auch vor 40 Jahren selbst her. Quelle: Sabine Jackl
Oberweimar

Ein Mann großer Worte ist der Jubilar nicht. Seit 70 Jahren begleitet er das Kirchspiel Oberweimar, und er hätte viel zu erzählen: Über seine Hingabe zur Musik, die Liebe zur „Königin der Instrumente“ und seine Verbundenheit zur evangelischen Kirche in Haddamshausen. Doch der 82-Jährige nimmt schweigend an der Orgel Platz und überreicht seine „Orgel-Liste“, eine Bilanz seiner jahrzehntelangen Arbeit als Schreinermeister.

Durch die Sprossenfenster bietet sich eine herrliche Aussicht ins idyllische Allnatal, rechts vom Instrument steht der zierliche Altar. Die Inschriften an den beiden massiven Deckenbalken künden von Zuspruch und Verheißung. Dann ein Blick auf die Liste: Sie reicht von 1967 bis ins Jahr 2015 und führte Helmut Lengemann quer durch Deutschland, auch nach Wien.

An 72 Orgeln habe er mitgearbeitet, sagt er leise. „Ich baute Pfeifen von fünf Zentimeter bis fünf Meter lang.“ In seiner Schreinerei, die der Großvater zu Hause in Allna 1907 gründete, entstanden vor exakt 40 Jahren die Holzpfeifen und das Eichengehäuse der Haddamshäuser Orgel. Vielleicht stünde noch immer das zusammenklappbare amerikanische Feldharmonium in dem sakralen Kleinod, hätte nicht Lengemanns Vater mit dem damals Sechsjährigen einen Spaziergang nach Oberweimar gemacht und ihm die Barockorgel gezeigt. „Ich war sofort fasziniert.“ Dem kleinen Helmut war klar: Dieses Instrument möchte er spielen können. 

„Meine Mutter brachte eine Harmoniumschule mit heim, das war meine Grundlage.“ Als Autodidakt lernte er auf einem geliehenen Harmonium. Bald darauf wurde er von Kantor Rose an der Orgel in der Marburger Kugelkirche unterstützt. Nach dem Willen des Großvaters sollte er die heimischen Gottesdienste musikalisch begleiten. Dies war zwar der Part des Lehrers, doch der wurde eingezogen. „Also musste der Pfarrer die Lieder nehmen, die ich konnte“, sagt der Senior verschmitzt.

Sein erster Gottesdienst, er weiß es noch genau, war im Mai 1948. „Was war ich nervös! Der Opa saß mir genau gegenüber.“

Jetzt könnte eine Anekdote die nächste jagen, in 70 Jahren Orgelspiel ist bestimmt viel passiert. Helmut Lengemann neigt den Kopf: „Ich wüsste nichts …“. In diesem Moment gesellt sich Pfarrer Dirk Wilbert dazu: „Was war mit jener Trauung 1949?“ Ach ja, starker Regen habe das frisch vermählte Paar in der Kirche gehalten, „und ich musste ein Lied nach dem anderen spielen, bis sie rausgehen konnten“. Für das Paar spielte er übrigens noch einmal – bei dessen Beerdigung. „Der Organist ist immer auch ein Lebensbegleiter“, sagt Dirk Wilbert. Ob Taufe, Hochzeit, Tod: „Helmut Lengemann spielt auf geistvolle Weise.“

Wenn er auch in allen sechs Kirchen der Gemeinde zu Hause ist, die eine kleine in Haddamshausen ist sein Herzstück. Dort lernte er seine Frau Eva (80) kennen. Deren Mutter hatte die Stifterin der Kirche gepflegt, als das schmucke Fachwerkgebäude noch eine Scheune war. Und die Tante seiner Frau wirkte dort als erste Küsterin. Es war quasi Familiensache, 1978 den Bau der Orgel zu übernehmen.

Neben der Orgel mag der 82-Jährige aber auch andere Instrumente. Bei ihm zu Hause stehen ein Pedalharmonium, ein Cembalo und ein elektrisches Klavier, doch Lengemann sagt bescheiden: „So gut kann ich gar nicht spielen.“ Viel mehr Zeit verbringe er am Computer: „Da gibt’s im Internet die ,Ewige Orgel‘.“

Das möchte Pfarrer Wilbert nicht so stehen lassen und erwähnt die diesjährige Auszeichnung Helmut Lengemanns mit der Walter-Blankenburg-Medaille für seinen engagierten Dienst und die lange Treue zur Kirchenmusik. „Wir haben mit einem großen Empfang zu Erntedank und dem Auftritt unseres Landeskirchen-Musikdirektors Uwe Maibaum gefeiert.“ Von diesem habe er sich sein Lieblingslied „Jesu, meine Freude“ gewünscht, erzählt Helmut Lengemann. 

Versonnen streicht er über die schlichte Tastatur seiner Orgel. Spielen kann er zurzeit nicht, eine Augenoperation zwingt ihn zum Pausieren. Kommende Gottesdienste mit Pfarrer Wilbert hat er aber bereits im Visier: „Sobald die passende Brille fertig ist, spiele ich wieder.“

von Sabine Jackl