Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 17 ° wolkig

Navigation:
Schock nach versuchter Entführung sitzt tief

Neunjährige rettet sich in letzter Sekunde Schock nach versuchter Entführung sitzt tief

Am Dienstagabend zerschlug sich die Hoffnung vieler Eltern, dass die Polizei Marburg den mutmaßlichen Kindes-Entführer bereits kurz nach der Tat gestellt haben könnte. Die Fahndung nach dem Täter läuft auf Hochtouren weiter. Die Verunsicherung in den Familien ist groß.

Voriger Artikel
Polizei sucht weiter nach dem Täter
Nächster Artikel
Klinikum: „Wenn es möglich ist, wollen wir den Rückkauf“

In der Straße "Baumgarten" in Niederweimar spielte sich die versuchte Kindes-Entführung am Montag um 16.50 Uhr ab. Nahe des Sportplatzes und in Sichtweite zum großen Neubaugebiet, in dem vor allem Familien mit Kindern leben.

Quelle: Fotos: Tobias Hirsch

Niederweimar. Es sah zunächst nach einem sehr schnellen Fahndungserfolg der Polizei aus: Aufgeschreckt durch die Schreie und Hilferufe des neun Jahre alten Mädchens, das sich offenbar in letzter Sekunde aus den Fängen eines Entführers befreien konnte (die OP berichtete), hatten Anwohner nicht nur umgehend die Polizei alarmiert, sondern auch einen Motorradfahrer angehalten und ihn aufgefordert, dem wegfahrenden Fremden in einem silbernen Kombi zu folgen.

Der Motorradfahrer nahm vom Neubaugebiet in Niederweimar aus die Verfolgung auf – verlor das Fahrzeug nach OP-Informationen aber wohl für einige Zeit aus den Augen. Würde der Täter innerorts Richtung Marburg fliehen oder Richtung Bundesstraße? Der 53 Jahre alte Mann jedenfalls, den eine Polizeistreife wenige Minuten nach dem Vorfall am Montagabend in Gisselberg stoppte und wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der versuchten Geiselnahme verhaftete, wurde am Dienstagabend wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Das junge Opfer konnte den Mann auf den vorgelegten Bildern laut Staatsanwaltschaft Marburg nicht identifizieren, Zudem beschrieb sie den Täter als dunkelhaarig, was auf den Festgenommenen nicht zutreffe. Hinreichende Beweise gab es keine, der Verdächtige hatte bereits gegenüber der Polizei alle Vorwürfe bestritten. Lediglich die Ergebnisse der Spurensicherung am Auto stünden noch aus. Der Haftrichter erkannte auf dieser Grundlage keinen dringenden Tatverdacht, der 53-Jährige kam frei.

Mit erhöhter Vorsicht und Wachsamkeit organisieren die Familien im Ort gegenwärtig die Wege zu Schule und Kindergarten.

Die Ermittlungen der Kripo Marburg, die nach eigenen Angaben bereits eine weitere Spur verfolgt, dauern nunmehr an. Die Beamten suchen allerdings noch ganz konkret Zeugen, denen ein silberner Kombi aufgefallen ist - womöglich schon vor der Tat in Niederweimar.

Am Dienstag hatte ein massives Polizeiaufgebot die Straßen und Hecken in  Niederweimar und hinaus bis Gisselberg erfolglos nach Beweismaterial durchkämmt - unter anderem auf der Suche nach einer Rolle Klebeband. Als Gegenstück zu dem Streifen, den sich das Mädchen bei ihrer Flucht vom Mund gerissen hat. Über den Schock hinaus erlitt die Neunjährige dabei nach Polizeiangaben eine leichte Verletzung an der Lippe.

„Wir sind extrem erleichtert,  dass dem Mädchen die Flucht gelungen ist“

Von einem Moment auf den anderen war der sonnige Herbstabend am Montag zur völligen Nebensache im Ort geworden. Zur Kulisse eines im Landkreis bisher beispiellosen Kriminalfalls. Einen Steinwurf vom Neubaugebiet „Am roten Weg“ entfernt – einem Gelände mit fast 50 Grundstücken, auf denen vor allem Familien mit Kindern ihre Häuser gebaut haben – ereignete sich in der Straße „Baumgarten“ ein Verbrechen, das etliche Erwachsene und viele Kinder in Reichweite des neuen Spielplatzes, in ihren Gärten und vom Fenster aus hilflos mitverfolgten.

Ein Fremder hatte ihre Schulfreundin angesprochen, plötzlich gepackt, den Mund zugeklebt und auf den Rücksitz seines Wagens geschleudert. Nach Schilderungen von Zeugen wehrte sich die Neunjährige mit allen Kräften. Als der Mann um das Auto herumlief, um sich hinter das Steuer zu setzen, nutzte sie geistesgegenwärtig die Chance zur Flucht, riss die Tür auf und rannte zurück in die Obhut der Erwachsenen.

 „Ich bin schockiert über diesen Vorfall und zugleich extrem erleichtert, dass dem Mädchen noch die Flucht gelungen ist“, sagte Weimars Bürgermeister Peter Eidam der OP.

Der Fall, der in Windeseile den ganzen Ort in Aufruhr versetzte, bestimmte am Dienstag auch den Alltag in der Grundschule und dem Kindergarten. So versammelte Schulleiterin Dörte Schönherr das Kollegium kurz vor Unterrichtsbeginn zur Dienstversammlung: „Jeder Klassenlehrer hat sich am Morgen Zeit genommen, um in seiner Gruppe über den Vorfall zu sprechen, auf die Fragen und Sorgen der Kinder einzugehen und sie dafür zu sensibilisieren, stets wachsam zu sein.“ Praktisch alle Kinder hätten auf dem Schulhof aufgeregt über den Vorfall gesprochen, viele hatten das Geschehen aus nächster Nähe miterlebt.

Vor diesem Hintergrund saß der Schreck und die Verunsicherung auch bei den Jüngeren offenbar so tief, dass der Fall außerdem im morgendlichen Stuhlkreis des Kindergartens thematisiert wurde. „Auch wir haben aus diesem Anlass noch einmal die wichtigsten Verhaltensregeln besprochen“, so Bettina Witt-Weber. Nach Angaben der Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte werden gegenwärtig auch Schulanfänger, die bereits allein den Heimweg antreten dürften, wieder von den Eltern gebracht und abgeholt. Zu tief sitzt der Schock der Vorkommnisse.  

Hinweise im Zusammenhang mit dem Fall erbittet das Fachkommissariat 10 der Kripo Marburg unter der Rufnummer 06421/4060.

von Christoph Linne

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Polizei fahndet weiter nach dem Täter

Mädchen entkommt seinem Entführer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr