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Südkreis Ehemalige Flüchtlinge erinnern sich
Landkreis Südkreis Ehemalige Flüchtlinge erinnern sich
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00:18 29.09.2018
Freunde fürs Leben: Jean Shongo (von links), Lothar Potthoff, Lydia Schneider, ­Yeboah Bediako, Mechthild Schmitt und Wiltrud Lambinet-Potthoff. Quelle: Götz Schaub
Niederweimar

Da, wo heute ein Behelfs-Kindergarten steht, auf dem Platz am Haddamshäuser Weg, stand einst einmal ein „Grünes Schloss“ – das ist kein Anfang eines Märchens, sondern Realität. Das „Grüne Schloss“ hatte auch nicht wirklich etwas von einem Schloss. Es war die gängige, vielleicht auch etwas ironische oder auch sarkastische Bezeichnung eines Containerdorfes am Rande Niederweimars.

Dort fanden ab 1993 über 70 Flüchtlinge eine Unterkunft, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Unter den vielen Menschen unterschiedlicher Nationen befanden sich im Sommer 1993 auch Yeboah Bediako und Jean Shongo. Sie waren im besten Mannesalter, Yeboah war Ende 20, Jean Anfang 20 Jahre alt. Sie kamen als politische Flüchtlinge, ihre Zukunftsplanungen lagen wie ein Scherbenhaufen vor ihnen.

„Ich war froh, erst einmal in Deutschland zu sein und dann ging es zunächst um die Alltagsbewältigung, sich zu versorgen, zu überleben“, erinnert sich Yeboah Bediako. Wie Jean Shogo entwickelte er aber schnell neue Gedanken, wie er die Chance nutzen will, in Deutschland neu anzufangen. Dabei trafen die beiden auf einige Menschen aus Weimar, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den vielen Menschen, die in den Containern lebten, zu helfen und in dem für sie neuen Land zurechtzukommen. Sei es durch ganz praktische Hilfen im Alltag, bei der Behördenkorrespondenz oder beim Deutschlernen.

„Sie waren wie Ersatzeltern für mich“

Wiltrud Lambinet-Potthoff, Mitglied der heutigen Flüchtlingshilfe Weimar (Lahn), war schon damals mit ihrem Mann Lothar bei diesen Freiwilligen aus Weimar, die sich ab 1994 als Internationaler Kontaktkreis Asyl e.V. organisierten, dabei. Auch Mechthild Schmitt und Lydia Schneider gehören zu denen, die von Anfang an dabei waren. Sie pflegen noch heute, 25 Jahre später, freundschaftlichen Kontakt mit Bediako und Shongo. Sie freuen sich, dass die beiden Männer ihre Chance ergriffen haben und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben. Das haben längst nicht alle geschafft. Von den wenigsten wissen sie, was aus ihnen geworden ist.

Yeboah erinnert sich: „Sie haben uns beigebracht, wie man hier Fuß fassen kann, sie waren wie Ersatzeltern für mich.“ Shongo erzählt: „Alle, die noch nicht anerkannt waren, hatten praktisch keinen Anspruch auf irgendwas. Ich wollte aber vom ersten Tag an lernen, wollte Deutsch lernen und Jura studieren. Ich habe in meinem Heimatland das Abitur gemacht. Ich hatte aber kein Bus­ticket, um nach Marburg zu kommen um dort einen Kurs an der Volkshochschule zu besuchen.“

Barfuß auf dem Tenniscourt

Er hat sogar an den damaligen Oberbürgermeister geschrieben, dass er hier gerne sein unterbrochenes Jura-Studium wieder aufnehmen möchte.
Doch als Asylbewerber kann man nicht einfach anfangen zu studieren. Man musste warten, ob man anerkannt oder eben wieder zurückgeschickt wird. Man wird zum Warten und Nichtstun verbannt, zwei, drei, ja sogar vier Jahre lang.

Yeboah Bediako und Jean Shongo haben für sich entschieden, durchzuhalten und in der Zeit zu lernen, was möglich ist. Dabei haben sie sich auf die Besuche der Mitglieder vom Kontaktkreis Asyl gefreut, sich am sozialen Leben im „Grünen Schloss“ beteiligt, mit dafür gesorgt, dass es mehr Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung gab, etwa durch Einladungen zum gemeinsamen Essen. Yeboah half auch seine Liebe zum Musikmachen weiter.

Lothar Potthoff erinnert sich noch gut daran, wie viele der rund 70 Männer, die im Containerdorf lebten, sich dem Trainingsbetrieb des TSV Niederweimar annäherten mit dem Wunsch, einfach mitspielen zu dürfen. „Die meisten in Schlappen oder barfuß“, sagt Potthoff. Später waren auch einige richtig in der Mannschaft aktiv.

Tragische Momente bei Abschiebungen

Wiltrud Lambinet-Potthoff erinnert sich gerne an die vielen Gespräche, aber auch die Ängste und die Verzweiflung vieler Menschen sind ihr noch präsent. „Die Anerkennungsrate lag damals bei drei bis fünf Prozent. Wie will man auch beweisen, dass man in seinem Heimatland politisch verfolgt wird, dort aufgrund oppositionellen Engagements der Gefahr ausgesetzt war, bestraft oder gar getötet zu werden?“, macht sie deutlich.

Von den 70 Männern, die in Niederweimar lebten, wurde nach ihrer Kenntnis lediglich einem Mann aus Togo politisches Asyl gewährt. „Wir haben hier sehr viele tragische Momente erlebt, wenn Menschen nach vielen Jahren der Ungewissheit dann doch abgeschoben wurden“, erinnert sich Lydia Schneider.

Eine andere Möglichkeit, hier bleiben zu dürfen, bot einzig eine Heirat. Yeboah heiratet 1995, zwei Jahre später fängt er bei einem Baumarkt an. Er gehört zum festen Personal und bringt es bis zum stellvertretenden Leiter der Logistik. Zudem ist er erfolgreicher Musiker. Jean bleibt tatsächlich von 1993 bis 1997 Bewohner des „Grünen Schlosses“. Dann wendet sich für ihn alles zum Guten. 1997 absolviert er das Studienkolleg und beginnt danach sein Jurastudium. Er schließt es mit dem ersten und zweiten Staatsexamen ab. Seit 2001 verheiratet, arbeitet er zunächst als Anwalt. Seit 2015 bearbeitet er im IQ-Netzwerk die Anerkennung von Abschlüssen aus anderen Ländern.

Abbau des „Schlosses“ beendet nicht die Hilfe

Mechthild Schmitt sagt, dass auch die Menschen im Containerdorf für die Einheimischen eine Bereicherung waren. „Ich war zu jener Zeit neu in Niederweimar und habe das „Grüne Schloss“ auch als eine Art Fenster zur Welt angesehen. Sie selbst hatte zuvor auch in Afrika gelebt.

Als das „Grüne Schloss“ im Jahr 2000 abgebaut wurde, war für viele Mitglieder des Kontaktkreises die ehrenamtliche Arbeit keineswegs beendet. Eine Gruppe von Mitgliedern kümmert sich viele Jahre intensiv um die togolesische Familie Kpakou und auch als ab 2015 wieder Flüchtlinge in den Landkreis kamen, etwa nach Oberweimar, waren viele wieder dabei, wenn es darum ging, Hilfestellung zu geben.

Und ja, auch damals gab es Anfeindungen, nicht nur gegen die Asylbewerber, sondern auch gegen die Helfer. Lambinet-Potthoff hat noch einen Brief, indem dargestellt wird, dass die „Neger“ faul seien und trotzdem Geld bekommen würden, während die deutschen Staatsbürger einfach ausgebremst würden. Damals bekam ein alleinstehender Asylbewerber 355 D-Mark, also etwa 177 Euro, im Monat für seine Versorgung, sprich Essen, Körperpflege, Waschmittel, Telefongespräche. „Damit konnte nicht viel unternommen werden, selbst die Fahrten zu den Behörden mussten davon bestritten werden“, sagt Schneider.

von Götz Schaub

Eine Aufnahme des „grünen Schlosses“, wie die grünen Wohncontainer genannt wurden. Archivfoto

Hintergrund

„Es hat sich in Bezug auf die Situation der Geflüchteten heute und vor 25 Jahren vieles geändert“, sagt Wiltrud Lambinet-Potthoff. Genannt seien hier die hohen Quoten von Geflüchteten mit einer Anerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder aber mit subsidiärem Schutz. Es gibt jedoch auch immer wieder mehr Flüchtlinge, die genauso wenig Chancen haben dauerhaft in Deutschland zu bleiben, wie in den 90er-Jahren. Die Stimmung, die eine Willkommenskultur ermöglicht hat, droht zudem umzuschlagen.

„Glücklicherweise gibt es jedoch immer noch eine Mehrheit von Menschen in Deutschland, die eine Integration für möglich halten“, sagt Lambinet-Potthoff und führt dazu das Integrationsbarometer 2018 an. Die in der Unterstützung der Geflüchteten Aktiven, auch solche, die schon seit 25 Jahren dabei sind, sehen aktuell in der Gemeinschaftsunterkunft in Oberweimar ermutigende Beispiele für gelingende und gelungene Integration.