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"Wir werden immer füreinander da sein"

Politikerin heiratet Flüchtling "Wir werden immer füreinander da sein"

Eine "Herzensbeziehung" kennt kein Alter, finden Elisabeth Newton (66) und Kashan Sehar (34). Die stellvertretende Bürgermeisterin von Ebsdorfergrund und der Flüchtling aus Pakistan sind seit November 2017 miteinander verheiratet.

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Im November 2017 heirateten Elisabeth Newton und Kashan Sehar im Dreihäuser Rathaus.

Quelle: Privatfoto

Hachborn. „Es ist, was es ist, wenn man sich liebt, dann vergisst man Alter und Körperlichkeit“, sagt Elisabeth Newton, Erste Beigeordnete der Gemeinde Ebsdorfergrund, über ihre Beziehung zu dem 32 Jahre jüngeren Kashan Sehar. Er formuliert es so: „Es ist eine Herzensbeziehung, die wir miteinander haben, da gibt es kein Alter.“

Als der heute 34-Jährige im Februar 2014 über Frankfurt und Gießen nach Ebsdorf kommt, hat er noch keine Vorstellung davon, was seine Zukunft in Deutschland ihm bringen wird. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie, die in der Großstadt Faisal Abat in Pakistan zu Hause ist. Er engagierte sich dort in einer muslimischen Gemeinde. Aufgrund seiner religiösen Ausrichtung wurde er bedroht, geschlagen und verfolgt, berichtet er. Sein Freund sei bei einem blutigen Anschlag ums Leben gekommen. Sehar entschließt sich zur Flucht, wird von einem Schlepper nach Frankfurt gebracht. Er verbringt 28 Reisetage in völliger Dunkelheit.

Ein Neuanfang mit 20 Euro Handgeld

Sein neues Leben beginnt ohne Papiere und mit 20 Euro Handgeld, die er von seinem Schleuser erhält. Eine bescheidene Ausgangssituation. „Aber als ich hier war, war alles gut für mich. Die Leute waren freundlich zu mir, sie haben sich um mich gekümmert. Ich war in ­Sicherheit.“

Schon an seinem zweiten Tag in Ebsdorfergrund lernen sich Kashan Sehar und Elisabeth Newton kennen. „Ich war im Dorf unterwegs, traf den Bürgermeister und wir sind gemeinsam zu den Neuankömmlingen gegangen, um sie willkommen zu heißen“, erzählt Newton. Sie hinterlässt ihre Visitenkarte. Schon am nächsten Tag stehen Kashan Sehar und ein weiterer Flüchtling aus Pakistan vor ihrer Haustür. Sie bittet die beiden Männer herein. Das Eis ist gebrochen.

"Wir hatten von Anfang an einen Draht zueinander"

In den Wochen und Monaten darauf hilft Newton, wo sie kann. Sie begleitet ihn bei Behördengängen, stellt Kontakte her, ist Ansprechpartnerin, wenn es um Fragen des täglichen Lebens geht. Kashan Sehar ist dankbar für diese Unterstützung. Es entwickelt sich ein enges freundschaftliches Verhältnis.

Als Sehar seine Arbeitserlaubnis erhält, übernimmt er einen Job bei einem Pizza-Lieferservice in Marburg. Wenn es keine geeignete Busverbindung gibt, fährt er mit dem Fahrrad. Oder Elisabeth Newton fährt ihn und holt ihn wieder ab. „Wir hatten von Anfang an einen Draht zueinander“, sagt Newton, die mit ihrem Ehemann einen Mix aus Englisch und Deutsch spricht. Sein Deutsch wird immer besser. Demnächst will er sein Sprachzertifikat ablegen und danach eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

Das Kochen ist für ihn zur Leidenschaft geworden

Newton steht am Ende ihres Berufslebens. Die studierte Psychologin, gelernte Krankenschwester und Heilpraktikerin ist im Ruhestand.

Sehar war in seiner früheren Heimat im Management eines internationalen Konzerns tätig.  Jetzt arbeitet er seit etwa drei Jahren bei einem Pizzabäcker. Er hat Ambitionen für sein weiteres Berufsleben. „Ich würde gern wieder einen Job im Management übernehmen. Ich werde mich nach und nach hocharbeiten müssen. Das ist okay für mich, Hauptsache, ich muss nicht untätig sein.“
Elisabeth Newton und Kashan Sehar sind glücklich. Sie lachen miteinander. Kochen, essen und genießen miteinander. Meistens steht er am Herd, serviert Gerichte aus Pakistan. Das Kochen ist für ihn in Deutschland zu einer Leidenschaft geworden, seit er in der Gastronomie arbeitet. „So ist er. Was auch immer er macht, er macht es mit ganzer Hingabe“, sagt Newton über ihren Ehemann.

Kollegen im Rathaus stärken Newton den Rücken

Die Papiere für die Hochzeit zusammenzubekommen erwies sich als echte Schwierigkeit. Sehars Familie hat sich dafür in Pakistan ins Zeug gelegt. Allein drei Ledigkeitsbescheinigungen, ausgestellt von verschiedenen Behörden, waren nötig, bis alle Unterschriften vorlagen. „Aber nach und nach haben sich die Dinge gefügt“, sagt Elisabeth Newton.

Es ist eine kleine Hochzeit, die am 27. November 2017 im Rathaus in Dreihausen gefeiert wird. Neben dem Paar und der Standesbeamtin sind vier Gäste mit dabei, langjährige Freunde der Braut. Elisabeth Newton hat schon eine Ehe hinter sich. Sie ist Mutter eines Sohns, der fast so alt ist wie ihr neuer Ehemann. „Das ist sehr schwierig für ihn“, sagt sie über ­ihren Sohn.

Ein Spalier aus roten Rosen

Die gebürtige Ebsdorferin, die unter anderem in Südafrika, London und im Iran gelebt hat und eines Tages wieder in ihre alte Heimatgemeinde zurückgekehrt ist, gab für Kashan Sehar eine langjährige Partnerschaft und ihr Zuhause in Ebsdorf auf. Mit 66 Jahren hat sie die Beziehung gefunden, nach der sie sich gesehnt hat: eine Partnerschaft mit „Herzensverbundenheit“. „Viele stören sich an den kulturellen Unterschieden, doch wir spüren davon nichts, im Gegenteil. Wir fühlen uns verbunden in einem Glauben an einen Schöpfer, der alle liebt und nicht zwischen gut und böse differenziert“, sagt Newton.

Die Kollegen im Rathaus stärken der Ersten Beigeordneten den Rücken. Als das Brautpaar nach der Trauung nach draußen kommt, stehen sie mit roten ­Rosen Spalier. Die Kindergartenkinder singen  für die Frischvermählten. Bürgermeister Andreas Schulz gratuliert. Und bei einem Festakt wenige Wochen später fordert er die beiden zu einem nachgeholten Hochzeitstanz auf. „Ja, das war schon eine Überraschung“, sagt Newton etwas verlegen, „aber es war schön, wir haben uns gefreut.“

Miteinander glücklich

Das wohl ungewöhnlichste­ Paar von Ebsdorfergrund hat am Hachborner Dorfrand eine gemeinsame Wohnung gefunden. Die beiden sind sich einig, dass sie nicht viel mehr brauchen vom Leben als ihr Zusammensein. „Für mich ist nicht wichtig, was die Menschen über unsere Beziehung denken, über den Altersunterschied. Manche Menschen sterben jung, andere werden alt. Was sagt das Alter schon aus? Wir werden füreinander da sein und einander lieben, so lange wir leben“, sagt Kashan Sehar, legt den Arm um seine Frau und küsst sie zärtlich.

von Carina Becker-Werner

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