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Südkreis Pfarrer Schlarb bleibt „in Rufweite“
Landkreis Südkreis Pfarrer Schlarb bleibt „in Rufweite“
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18:01 07.05.2018
Der Talar von Dr. Egbert Schlarb hängt schon am Bügel, seit wenigen Tagen ist der Gemeindepfarrer von Rauischholzhausen im Ruhestand. Dem Ort verloren geht er nicht. Quelle: Ina Tannert
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Rauischholzhausen

Für Pfarrer Dr. Egbert Schlarb waren die vergangenen Jahre immer ein abwechslungsreicher Mix aus akademischer und seelsorgerischer Arbeit und so manches Mal ein Spagat innerhalb der Gemeindearbeit. Ende April wurde der 65-Jährige offiziell vom Dienst entpflichtet und von Gläubigen, Wegbegleitern und Vertretern der kirchlichen wie politischen Gemeinde feierlich verabschiedet.

Schon zum Vikariat in Rauischholzhausen

Seitdem ist er aus dem Kirchendienst entlassen, die Amtsbezeichnung behält er dennoch, nur mit dem Zusatz „i. R.“. Das kann verschiedene Bedeutungen haben, etwa „in Ruhe“ oder „im Ruhestand“ – für Schlarb ist es eher „in Rufweite“. Denn er verlässt seine Wahlheimat nicht, wird demnächst aus dem Pfarramt aus-, aber in ein anderes Haus im Ort umziehen. Dort ist er gut bekannt. In Rauischholzhausen absolvierte er bereits sein Vikariat, kam vor 19 Jahren dann fest als Pfarrer in das evangelisch-lutherische Pfarramt im Kirchenkreis Kirchhain.

Zuvor als Kaufmann gearbeitet

Den Weg des Theologen beschritt er dabei erst im zweiten beruflichen Anlauf. Zuvor versuchte er sich in Frankfurt am Main als Kaufmann, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete bei den Farbwerken Höchst. Mit seinem Beruf wurde er dabei nie so recht warm, suchte etwas Persönlicheres. „Bei mir entstand der Wunsch, aus dem Getriebe eines Großkonzerns auszubrechen.“

Aufenthalt in Rumänien

Das tat er, begann 1975 ein Studium der Theologie in Bonn und Marburg und trat 1983 eine Assistentenstelle an der Philipps-Universität an, wo er später promovierte. Seit 23 Jahren ist er ordinierter Pfarrer. Seine erste Station führte ihn in den Auslandsfahrdienst und nach Rumänien. Mitte der 90er, wenige Jahre nach der Rumänischen Revolution, ein Land im Umbruch, das ihn faszinierte. Er bekam die Lage und den Bruch innerhalb der Bevölkerung hautnah mit, wie sich ganze Gemeinschaften auflösten und abwanderten. „Es war eine interessante Erfahrung in einem Land, das seine Wende noch verarbeiten musste“, erinnert er sich.

Benefizkonzerte für hilfsbedürftige Kinder

1999 zog er mit seiner Ehefrau nach Rauischholzhausen, wo er auf eigenen Wunsch die Pfarrstelle antrat, eine Dreiviertel-Stelle, und parallel als Dozent an der Uni arbeitete. Nach Rumänien hat Schlarb bis heute eine enge Verbindung. Zu einem „Highlight“ in all den Jahren in Rauischholzhausen entwickelte sich unter anderem das musikalische Benefizprojekt, das er in Zusammenarbeit mit der Gitarrengruppe von Dieter Ebinger auf die Beine stellte. Mittlerweile findet zweimal im Jahr ein Benefizkonzert statt, zugunsten des „offenen Hauses“ im rumänischen Hermannstadt/Sibiu, eine Anlaufstelle für Kinder aus zerrütteten Familien.

Für Schlarb war die Gemeindearbeit spannend, wenn auch mit vielen Höhen und Tiefen, blickt er zurück. Doch auch immer wieder ein Balancieren zwischen einer breiten Aufgabenpalette und durch alle Generationen.

Pfarrer ist "Standby-Beruf"

An manchen Tagen unterhielt er am Morgen Kindergartengruppen oder führte Taufgespräche, sang mittags mit Schulkindern im Religionsunterricht und brachte danach Studenten das Neue Testament näher, bevor am Abend vielleicht noch die Planung einer Beerdigung anstand. Über Gebühr beansprucht fühlte er sich dabei trotzdem nicht, dennoch sei der Pfarrberuf stets „ein Standby-Beruf“, findet er. „Man ist einfach immer für die Menschen da, weiß aber nie, ob man an diesem Tag auch gebraucht wird oder nicht.“

Nachfolgerin schon im Amt

Am 1. Mai trat Nachfolgerin Pfarrerin Frauke Krautheim in seine Fußstapfen, die Pfarrstelle kam ganz ohne Vakanz aus. „Ein nahtloser Übergang – darüber bin ich froh.“
Und was plant er für die Zukunft? Das muss er noch überlegen, sich erst einmal an den Ruhestand gewöhnen – „das ist ja noch ein ganz unbekanntes Feld“. Langeweile wird er wohl keine haben, er unterrichtet weiterhin am Fachbereich Theologie zum Schwerpunkt Neues Testament und ist in verschiedenen Ausschüssen, dem Diakonischen Werk und am Studienhaus tätig. Und derzeit führt der Pfarrer i. R. die neue Gemeindepfarrerin herum, mischt zwar nicht mehr mit, aber ist immer noch da und bleibt „in Rufweite“.

von Ina Tannert

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