Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
„Musste einfach mal raus!“

Betrug und Urkundenfälschung „Musste einfach mal raus!“

120 Tagessätze à 20 Euro lautet die Strafe für einen erschlichenen Urlaub im Wert von 4800 Euro. Die Angeklagte war zuvor schon einmal wegen Betrugs verurteilt worden.

Voriger Artikel
Finanzierung für Zeiteninsel steht
Nächster Artikel
Kiga-Gebühren sollen steigen

Urlaubsland Thailand: Sommer, Sonne, Strand satt. Für viele ein unbezahlbarer Traum. Eine Frau erfüllte sich den Traum, ohne zu bezahlen und landete deshalb vor Gericht.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Die Fronten waren schnell abgesteckt. Die Angeklagte aus dem Südkreis erschien ohne Rechtsanwalt und verkündete, keine Aussage zur Sache zu machen. Einen Antrag auf Bestellung eines Pflichtverteidigers lehnte Richterin Isabel Rohjan mit der Begründung ab, dass die Angeklagte bereits seit Januar Kenntnis davon habe, angeklagt zu werden. Ihr Ehemann, der ebenfalls erschienen war, lehnte es ab, als Zeuge aufzutreten und verblieb somit die gesamte Verhandlung als Zuschauer im Raum.

Seine Frau versuchte, dem Prozess ohne merkliche Regung beizuwohnen, doch war eine innere Anspannung deutlich zu bemerken. Diese Anspannung machte sich schließlich Luft, als Richterin Rojahn nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft sie fragte, ob sie noch das Recht des letzten Wortes wahrnehmen wolle. „Ich musste einfach mal raus“, sagte sie tränenerstickt. Auf Nachfrage der Richterin, ob sie damit Abstand zu diversen Rückschlägen gewinnen wollte, nickte die Angeklagte. Der Staatsanwalt hatte zuvor eine zehnmonatige Gefängnisstrafe beantragt, die bei einer Zahlung von 100 Euro zur Bewährung auf vier Jahre ausgesetzt werden sollte. Warum eine Gefängnisstrafe? Weil die Frau nicht unvorbelastet war. So wurde sie noch vor dem aktuellen Fall wegen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jetzt war sie angeklagt, 2011 eine Urkundenfälschung und einen Betrug begangen zu haben.

„Das erste Strafmaß hat sie wohl völlig unbeeindruckt gelassen und sie hat sich auch jetzt in keinster Weise zur Sache eingelassen. Es gab keinen ernsthaften Versuch, die Reise mit dem Vorsatz, sie auch zu bezahlen, zu buchen. Im Gegenteil, sie unterschrieb als Bankangestellter „Schmidt“ auf einem Überweisungsträger der Bank, versah diesen mit einem Stempel der Bank und setzte damit drei Tage vor Reiseantritt das Reiseunternehmen unter Zeitdruck, die Reiseunterlagen herauszugeben, ohne das Geld auf dem Konto zu wissen“, sagte der Staatsanwalt. Er habe keine Einsicht wahrgenommen, keine Worte der Entschuldigung gehört. „Sie hat kalt lächelnd abgeräumt und jetzt sitzt sie hier und hält den Mund.“ Die Vorgehensweise der Angeklagten nannte er „dreist“, die Tat sei über Wochen geplant und durchgezogen worden, das spreche für eine vorhandene „kriminelle Energie“. Mittels Zeugen stellte sich folgendes dar: Die 43-Jährige hatte per E-Mail über ein Reisebüro, in dem sie schon öfters gebucht hatte, eine Reise für sich und ihre Familie nach Thailand gebucht. Wert der Reise: 4800 Euro. Als der Reisetermin näher rückte, machte der Reiseveranstalter darauf aufmerksam, dass die Reise noch nicht bezahlt worden sei.

Bank-Beleg soll Beweisfür Überweisung sein

Der Mann aus dem Reisebüro beruhigte offenbar noch den Reiseveranstalter mit dem Hinweis, dass diese Herrschaften schon öfters bei ihm gebucht hätten und es noch nie ein Problem gegeben habe. Am 5. Juli 2011 schließlich, drei Tage vor Reiseantritt, erhielt die Buchhaltung des Reiseveranstalters aus Hamburg einen Bank-Beleg über die Einzahlung des kompletten Reise-Preises. Nichtsdestoweniger war noch kein Geld eingegangen. Weil so eine Verzögerung durchaus mal vorkommen könne, habe er nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten die Reiseunterlagen herausgegeben, schilderte der als Zeuge geladene Buchhalter des Reiseunternehmens.

Er konnte nicht wissen, dass das angegebene Konto das Konto eines der beiden Kinder der Familie war und dies keinesfalls eine Deckung über 4800 Euro aufwies. Er konnte auch nicht wissen, dass es in der besagten Bank keine Mitarbeiterin mit Namen Schmidt gab. Er konnte nicht wissen, dass die Angeklagte den Überweisungsträger manipuliert hatte, und ein Zahlungsauftrag nie abgegeben worden war. So trat die Familie die Reise an, die Mutter mit dem Wissen, sie niemals bezahlt zu haben und sie auch niemals bezahlen zu können, schließlich hatte sie erst in diesem Jahr einen Offenbarungseid geleistet. Richterin Rojahn wertete anders als der Staatsanwalt das letzte Wort der Angeklagten schon als ein Ausdruck der Reue. Dies müsse „erheblich strafmildernd“ in das Urteil einfließen, sagte die Richterin und beließ es bei einer Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro, die sich aus 120 Tagessätzen à 20 Euro zusammensetzt.

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Südkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr