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Mitarbeiter schenken Kollegen fast 3.300 Überstunden

Sohn an Leukämie erkrankt Mitarbeiter schenken Kollegen fast 3.300 Überstunden

Um für seinen an Leukämie erkrankten Sohn zu sorgen, hat Andreas Graf sogar über eine Kündigung nachgedacht. Doch so weit ließen es seine Kollegen nicht kommen.

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Dr. Andreas Ritzenhoff (links), Geschäftsführender Inhaber von Seidel, Pia Meier von der Geschäftsleitung und der stellvertretende ­Betriebsratsvorsitzende Kai Deuker (rechts) freuen sich darüber, dass es Andreas Grafs Sohn Julius wieder besser geht.

Quelle: Tobias Kunz

Fronhausen. Mitarbeiter der Firma Seidel und des Tochterunternehmens Carus haben fast 3.300 Überstunden für ihren­ Kollegen Andreas Graf gesammelt. Das ermöglichte dem ­alleinerziehenden Vater, mehr als ein Jahr bei seinem schwer kranken Sohn Julius zu sein. „Ohne diese großartige Unterstützung wäre ich jetzt arbeitslos“, sagt der 36-jährige Montagearbeiter.

Julius ist drei Jahre alt, als bei ihm im Januar 2017 Leukämie diagnostiziert wird. Die Therapie ist aufwendig und fesselt ihn ans Krankenbett. Ein Schicksalsschlag nicht nur für den aufgeweckten Jungen, sondern auch für seinen alleinerziehenden Vater. Der braucht zunächst seinen Urlaub auf, ehe er seinen Arbeitgeber um eine unbezahlte Freistellung bittet. Pia Meier von der Geschäftsleitung wird hellhörig – und plant zusammen mit der Belegschaft eine in dieser Größenordnung wohl einzigartige Aktion.

„Die Reaktion unserer Mitarbeiter war unglaublich“, sagt Meier. Binnen zwei Wochen kamen insgesamt 3.264,5 Überstunden zusammen. Zahlreiche Angestellte trugen sich in die ausgehängten Listen ein. „Es gibt niemanden, der nicht gespendet hat“, freut sich Meier. Als Andreas Graf von dieser Unterstützung erfährt, weint er vor Freude. Und nicht nur den Betroffenen rührt die Hilfsbereitschaft seiner Kollegen. „Als ich die Liste gesehen habe, war das überwältigend. Da standen mir Tränen in den Augen“, sagt Kai Deuker, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender.

Ein Dreivierteljahr könnte Andreas Graf jetzt noch zu Hause bleiben. 1.000 Überstunden ließ er sich aber auszahlen, um seine Wohnung umzubauen und seinen Sohn Julius vor gut zweieinhalb Monaten nach Hause zu holen. Höchste Zeit, wie Graf findet. „Julius hat so viel Energie“, freut er sich.

Mutter stirbt an Herzleiden

In den ersten neun Wochen seiner Therapie ist Julius, der Ende Februar fünf Jahre alt wird, an sein Bett gefesselt, darf sein Krankenzimmer nicht verlassen. Zwischenzeitlich kann er sogar nicht mehr laufen. Stattdessen thront er in dieser Zeit auf den Schultern seines Vaters, der ihn durch die Gegend trägt – das Markenzeichen der beiden.

Ende Oktober müssen beide­ einen weiteren Unglücksfall hinnehmen. Zu dieser Zeit, als Julius eigentlich das Krankenhaus verlassen soll, aber wegen einer Infektion noch einmal zurückkehren muss, stirbt seine Mutter an einem Herzleiden.

Nun wollen Vater und Sohn nur noch nach vorne blicken, auch wenn die Behandlung noch nicht abgeschlossen ist. Seine Chemotabletten wird Julius noch einige Zeit einnehmen müssen, sagt sein Vater.

Immerhin gibt es aber jetzt etwas, auf das sich der Vierjährige freuen kann. In den nächsten Tagen will er zurück in seinen Kindergarten im Lollarer Stadtteil Ruttershausen. Dort hat man ihm einen Platz freigehalten. „Wir werden das testen und schauen, wie er sich entwickelt“, sagt Andreas Graf. Das gilt auch für ihn. Im Februar will Andreas Graf wieder langsam anfangen, zu arbeiten.

von Tobias Kunz

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