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Mit „Kampfwerten“ außer Rand und Band

Aus dem Gericht Mit „Kampfwerten“ außer Rand und Band

Mit 2,26 Promille Alkohol im Blut war ein 19-Jähriger im Dezember vergangenen Jahres kaum mehr zu bremsen. Im Amtsgericht musste er sich zwei Anklagen wegen Sachbeschädigung stellen.

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Marburg. „Das ist kein Pappenstiel, das sind Kampfwerte“, stellte Richter Cai Adrian Boesken über die Alkoholkonzentration im Blut fest, die die Polizei in der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember vergangenen Jahres bei einem 19-jährigen Marburger gemessen hatte.

Gemeinsam mit drei Freunden besuchte er eine Diskoveranstaltung im Bürgerhaus Niederwalgern. Ein 20-jähriger Freund des Angeklagten sagte aus, dass ihm dessen stark alkoholisierter Zustand während der Veranstaltung auffiel. Nachdem er ihn kurzzeitig aus den Augen verloren hatte, hörte er auf der Straße Lärm.

Der Angeklagte riss gegen 1.40 Uhr ein Zaunelement von einem Grundstück in der Nähe des Bürgerhauses und warf dieses auf die Motorhaube eines parkenden Autos. Die Fahrerin, eine 56-jährige Fronhäuserin, wartete darin auf ihren Sohn, den sie von dem Diskoabend abholen wollte. Sie berichtete, dass der Angeklagte ihr Auto mit Schlägen und Tritten bearbeitet habe. Sie bekam einen „Riesenschrecken“ und an ihrem Mercedes der B-Klasse entstand ein Schaden von 6400 Euro.

Der 20-jährige Freund des Angeklagten konnte ihn schließlich von dem Auto wegzerren und ihn dem Sicherheitsdienst übergeben. Nachdem ein 18-jähriger Diskobesucher die Polizei verständigt hatte, schickte die Polizei den Randalierer mit seiner Freundin nach Hause. „Seine Freundin sagte, sie habe alles im Griff, kurz danach kam sie jedoch weinend zu uns, weil ihr Freund weggelaufen war“, schilderte eine 40-jährige Polizeioberkommissarin den weiteren Verlauf des Abends.

Von einer zweiten Polizeistreife wurde der Angeklagte einige Straßen weiter aufgegriffen. Gegen 2.06 Uhr zerschmetterte er Blumentöpfe auf dem Grundstück eines älteren Ehepaares. Außerdem beschädigte er mit einem Stock ein Kunststoffrolladen an ihrem Haus und die Fensterscheibe dahinter. Es entstand ein Schaden von etwa 460 Euro.

Der Angeklagte gab an, sich an nichts mehr erinnern zu können und bekundete mehrfach, dass ihm sein Verhalten leid tue: „Ich war nicht ich selbst.“ Staatsanwältin Annemarie Wied zweifelte an dem Gedächtnisverlust des jungen Mannes: „Ich habe den Eindruck, dass dem Angeklagten das Ereignis so peinlich ist, dass er es ausgeblendet hat.“ Boesken und Wied befragten daher die sechs Zeugen vor allem zu ihrem Eindruck im Bezug auf den Zustand des 19-Jährigen. „Wenn er sich noch kontrollieren konnte, ist er schuldfähig“, erklärte der Richter.

Boesken und Wied waren sich nach den Zeugenaussagen einig, dass der Heranwachsende „extrem alkoholisiert“ war und daher „erheblich vermindert schuldfähig“ sei. Doch damit könne sein Verhalten nicht entschuldigt werden, betonte der Richter: „Sie haben erheblichen Schrecken verbreitet und großen Sachschaden verursacht.“

Allerdings wurden auch die positiven Aspekte bei der Urteilsfindung berücksichtigt. Der Angeklagte hatte ein Entschuldigungsschreiben bei der 56-jährigen Geschädigten abgegeben, bereute „glaubhaft“ und war noch nicht vorbestraft. Die Strafe wurde nach Jugendrecht festgesetzt, da der 19-Jährige noch bei seinen Eltern lebt, keine eigenen Einnahmen hat und erst vor Kurzem die Schulausbildung beendete.

Als „Erziehungsmaßregel“ muss er innerhalb von vier Monaten drei Gesprächseinheiten bei einer Beratungsstelle wahrnehmen, um den verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu erlernen, und 30 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Der Richter war davon überzeugt, dass dies „sein erster und letzter Auftritt auf der Anklagebank war“ und riet dem jungen Mann: „Sie sollten harte alkoholische Getränke künftig meiden.“

von Simone Schwalm

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