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Südkreis Hachborner will die schönste Rute bauen
Landkreis Südkreis Hachborner will die schönste Rute bauen
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00:16 02.10.2018
In seiner Wohnung hat sich Thomas Schmidt eine Werkstatt für den Angelrutenbau eingerichtet. Quelle: Nadine Weigel
Hachborn

Thomas Schmidt sitzt kerzengerade auf einem Stuhl an seinem Rutenbock und wickelt leuchtend blaues Nylon­garn um einen Rutenrohling. Viel mehr als eine Gerte aus Kunstfaser ist die künftige­ ­Angelrute im Moment noch nicht. „Man braucht Geduld“, sagt der 46-Jährige und wickelt und ­wickelt und wickelt.

Wie viele Stunden er in sein liebstes Hobby, das Anfertigen von Angelruten steckt, weiß Thomas Schmidt nicht so genau. Ganz genau­ weiß er, dass er an ­diesem Samstag acht Stunden Zeit hat, um fertig zu werden. Acht Stunden, keine Minute­ mehr. „Ich habe so ­geplant, dass mir noch Zeit für eine Mittagspause bleibt. Und ich werde fertig, garantiert.“

Der 46-Jährige tritt an diesem Samstag bei der Deutschen Meisterschaft im Angelrutenbau in Handzell bei Augsburg an. Er ist zum ersten Mal dabei.

Die Messer erinnern an chirurgisches Werkzeug

Thomas Schmidt hat sich in den vergangenen beiden Jahren­ in das Handwerk des Angelrutenbauers hineingefuchst und bereits Kunden gefunden. Ob es sich dabei um eine vergleichsweise dicke Karpfenrute, um ­eine schlankere Zanderrute für mittelgroße Raubfische oder um eine auffällig lange Rute fürs Fliegenfischen handelt: „Jeder hat sein Lieblingsstück und erwartet etwas Besonderes – die Optik ist sehr wichtig“, erklärt der 46-Jährige und führt seine Sammlung von Arbeitsmaterialien vor.

In seiner Wohnung hat sich Thomas Schmidt eine Werkstatt für den Angelrutenbau eingerichtet. Design spielt eine große Rolle, wie man an den gemusterten Griffen der Rute sehen kann. Sie werden unter anderem aus Korkringen (kleines Foto links) hergestellt. Quelle: Nadine Weigel

Skalpellartige Messer erinnern an chirurgisches Werkzeug. Die Sammlung von Garnen in allen Farben des Regenbogens, von Scheiben aus buntem Moosgummi und gemustertem Kork erinnern an einen Basteltisch beim Kinderfest. „Ich will immer etwas Schönes zeigen, deshalb nehme ich mir auch Zeit für die Farbauswahl“, sagt der 46-Jährige und stapelt Moosgummischeiben in Blau, Rot und Weiß sowie teils geschwärzte Korkscheiben übereinander. Unter dem Druck ­einer Schraubzwinge verleimt wird daraus einer von mehreren Griffen für die nächste ­Angelrute.

Im Wettbewerb mit voraussichtlich 120 Bewerbern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wünscht sich Thomas Schmidt eine „einstellige Platzierung“. Gekürt wird bis Platz zehn. Indes wickelt der Rutenbauer noch immer blaues Nylongarn um den Ruten-Rohling. Eine echte Sisyphusarbeit. „Wenn‘s nicht klappt, dann wird‘s ganz schön aufregend“, sagt der Rutenbauer und erinnert sich an seine ersten Versuche. „Die Übung macht‘s.“

Geduld bewahren, schauen und warten

Aber warum dauert das mit dem Garnwickeln überhaupt so lang? Die Rute braucht mehrere Ringe. Bei dem Modell, das Thomas Schmidt gerade fertig, werden es am Ende acht sein. Sie dienen später als Führung für die Angelschnur. Und diese Ringe werden mit sehr akkurat gewickeltem Nylongarn an der Rute befestigt (siehe kleines Foto).

Geduld bewahren, schauen und warten, bis ein Fisch anbeißt – das hat der Hachborner in den vergangenen Jahrzehnten ausgiebig trainiert. Thomas Schmidt angelt seit Kindheitstagen. Als Gewässerwart enga­giert er sich im Angelverein ­Allertshausen im Kreis Gießen. Die Verbindung in die Gemeinde Rabenau besteht von jeher, denn der 46-Jährige stammt aus dem Ortsteil Londorf und unterhält im benachbarten Winnen direkt an der Kreisgrenze noch eine Wohnung, in der er sich eine Werkstatt für den Rutenbau eingerichtet hat. Daheim fühlt sich Thomas Schmidt aber vor allem in Hachborn, wo er mit Lebensgefährtin Karin Keim und deren Sohn lebt. „Kein Wunder, schon mein Großvater war ein Hachborner“, sagt er und schmunzelt. 

Mit Nylonfäden werden die Rutenringe befestigt, durch die später die Angelschnur läuft. Quelle: Nadine Weigel

So wie beim Angeln ist Kontemplation auch beim Rutenbau nötig. Thomas Schmidt wickelt immer noch Garn um den ersten von acht Rutenringen. Bei der Arbeit am Angelgerät profitiert der bei der Post beschäftigte 46-Jährige von seiner früheren Berufsausbildung zum Tischler. Der Rutenbock ist Marke Eigenbau. Ein kunstfertig hergestelltes Regal, in dem die Angelruten aufgestellt werden, ebenfalls. „Mein Werkzeug nehme ich zur Meisterschaft mit – da weiß ich, was ich hab“, sagt der 46-Jährige und zeigt eine Vorrichtung, an die er den Motor einer Disko­kugel angeschlossen hat. „Nur drei Umdrehungen in der Minute, das ist ideal, um den Lack zu trocknen.“ Auf diese Weise fixiert der Rutenbauer später die Ringfassungen aus Nylongarn.

Welche Art von Angelrute die Teilnehmer der Deutschen Meisterschaft in Handzell anfertigen, entscheiden sie selbst. Thomas Schmidts Rute wird eine neun Fuß (1,75 Meter) lange Zanderroute mit acht Ringen. Damit fangen Angler mittelgroße Raubfische.

Mit der Garnwicklung für den ersten Rutenring ist er nun fast fertig. Durch eine Lupe schaut er sich sein Werk kritisch an. Mit einer Schlaufe zieht er dann das Endstück des Fadens äußerst geschickt durch die komplette­ Schnürung. „Alles hat ein Ende,­ nur die Wurst und die Rutenwicklung haben zwei“, sagt ­Thomas Schmidt und lehnt sich zufrieden im Stuhl zurück.

von Carina Becker-Werner