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Kahlschlag an der Landesstraße

Rodung von Sträuchern und Bäumen Kahlschlag an der Landesstraße

Für Hessen Mobil ist es ­eine Pflegemaßnahme, für die Anlieger ein Verlust an Lebensqualität: Dass in drei Abschnitten Bäume und Sträucher vollständig entfernt wurden, können die Hachborner nicht nachvollziehen.

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Fünfzig Meter Grünstreifen entlang von Philipp Fischers Grundstück wurden neben der Landstraße abgeholzt. Weitere fünfzig Meter könnten im kommenden Jahr dran sein. Weil Bäume und Sträucher gefällt wurden, ging für Fischer und andere Anlieger Lebensqualität verloren.

Quelle: Freya Altmüller

Hachborn. Philipp Fischer war nur für ein paar Stunden weg. Als er wiederkam, bot sich ihm in seinem Garten ein ganz anderes Bild: Der Hang zur L 3048, die durch Hachborn führt, war abgeholzt, Bäume und Sträucher fast vollständig entfernt. Seit fast 40 Jahren versperrte den Blick auf die Straße ein üppiger Grünstreifen.

So sei es seinem Vater und anderen Anliegern versprochen worden, als sie Teile ihrer Grundstücke für den Bau der Landesstraße veräußerten, sagt Fischer. „Sonst hätten wir hier doch nie gebaut, direkt an der Straße.“ Er habe sich damit arrangiert und sich sein Idyll aufgebaut. Mit Gartenhäuschen, Nutzgarten und Pferdestall. In all den Jahren war die Straße kaum zu erkennen, denn sogar Rosen und Kirschbäume hatte das Land Hessen auf dem Grünstreifen pflanzen lassen.

Pferde galoppierten wild

Bisher habe Hessen Mobil immer nur ein paar Bäume entfernt, der Kahlschlag sei neu, sagt Fischer. Und dann auch noch unangekündigt. Sonst sei ihm immer vorher Bescheid gesagt worden, sodass er die Pferde wegbringen konnte. Denn bei den Geräuschen von Motorsägen und der Holzernte-Maschine Harvester hätten sie angefangen, in ihren Gehegen zu galoppieren.

Besonders für ein Pferd, das einen Sehnenschaden hat, sei das gefährlich gewesen. Besitzerin Kathrin Jacobi, die sich an Fischers Stallgemeinschaft beteiligt, erklärt, dass es sich im Moment nicht schnell bewegen darf. „Seit einem Dreivierteljahr führe ich es nur am Strick“, sagt Jacobi. Fischer sagt, es sei Glück, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Der Hang an Fischers Grundstück war der erste Abschnitt, an dem Bäume und Sträucher bis auf die Stümpfe geschnitten wurden. „Auf den Stock setzen“, so lautete der Auftrag. Auch gegenüber des Hauses der Jacobis wurde abgeholzt. Nur drei Birken sind stehen geblieben. Wenn Kathrin Jacobi nun in ihrem Garten steht, blickt sie direkt auf die Landesstraße. Die Autos fahren auf Augenhöhe. Sie zeigt ein Foto auf ihrem Handy von ihren Kindern auf der Straße vorm Haus. Hinter ihnen eine grüne Wand, die keine Straße dahinter vermuten lässt. Selbst Lkw habe der Bewuchs verborgen, so Jacobi.

Bevor die L 3048 gebaut wurde, war an der Stelle ein kleiner Bachlauf, sagt sie. Die Grundstücke verliefen bis ans Wasser, Nutzgärten waren zwischen Bach und Häusern angelegt, bevor die Eigentümer unter dem Vorbehalt der Grünstreifen Teile ihrer Grundstücke verkauften. Lebensqualität ist durch die Abholzung verloren gegangen, darin ist sie sich mit Fischer und anderen Hachbornern einig. Im Sommer gemütlich im Garten zu sitzen, wenn Autos und Lkw vorbeirauschen, können sie sich gerade nicht vorstellen.

Aber auch Gefahr geht von der Straße aus, sagt Fischer. „Vor zweieinhalb Jahren flog bei einem Unfall der Reifen eines Lkw über unser Haus.“ Nun hat ­Fischer den Reifen auf dem abgeholzten Grünstreifen gefunden. „Wenn die Bäume nicht da gewesen wären, hätte der Reifen jemanden erschlagen können“. Auf dem Reitplatz, unmittelbar neben dem Hang, findet regelmäßig Reitunterricht statt.

Auch zehn bis fünfzehn Radkappen sammelten er und seine Frau jährlich aus dem Gebüsch, so Fischer. Auch vor Staub, Feinstaub und Lärm schützten die Bäume. 100 Stundenkilometer darf auf der Strecke, quasi innerorts gefahren werden. „Jeder einzelne Punkt ist etwas, wo ich sagen würde: ‚Reg dich nicht auf!‘ Aber alles zusammen ist ein bisschen viel“, sagt Fischer. Seine Sorge ist nun, dass auch auf den verbleibenden rund 100 Metern Hang noch alles abgeholzt wird. Und im übrigen Ort.
Hessen-Mobil-Sprecherin Sonja Lecher zufolge könnte­ das auf Fischers Grundstück rein theoretisch im nächsten Jahr der Fall sein. Bei der Pflege der Grünstreifen gehe man

abschnittsweise vor. 50 Meter werden auf den Stock gesetzt, 150 Meter bleiben unberührt – bis zum nächsten Jahr. Ob tatsächlich in Hachborn 2019 weitere Grünstreifen abgeholzt werden, hinge aber von der Einschätzung von Baumgutachtern ab. Ziel sei es, zu alt gewordene­ ­Gehölze zu verjüngen. Denn ­totes Holz stelle eine Gefahr da, so Lecher. „Wir haben am Donnerstag gesehen, dass bei Sturm immer wieder Bäume umfallen, deshalb muss man sie pflegen, um das Risiko so gering wie möglich zu halten.“

Unzählige Vögel in Hecke

Fischer und Jacobi können nicht nachvollziehen, wieso auch Büsche und Bäume, die nicht auf die Fahrbahn hätten fallen können, weichen mussten. Lecher sagt, der Rückschnitt trage zur Gesundheit der Pflanzen bei und sie würden nachwachsen.

Als Beispiel schickt sie der OP ein Foto von einem Grünstreifen an der Bundesstraße 254 bei Fulda. Darauf ist ein Abschnitt zu sehen, der bis auf den Stock geschnitten wurde und daneben einer, bei dem die Maßnahme zwei Jahre zurückliegt. An der Stelle sind wieder kleine Büsche zu sehen. Bis die aber wieder zu einem meterhohen Sichtschutz geworden sind, dauert es viele Jahre.
In welchem Turnus auf den Stock gesetzt wird, dazu gibt es keine Vorgabe, sagt Lecher. „Je nach Bedarf.“ Und in Hachborn sei der Rückschnitt längst überfällig gewesen.

Philipp Fischer kann sich nicht vorstellen, dass das rechtens war. Eine schriftliche Zusicherung über einen Grünstreifen als Sichtschutz zu dem Kaufvertrag von damals hat er bisher nicht gefunden. Aber er will das von einem Rechtsanwalt prüfen lassen.

Auch für die Tiere sei der Grünstreifen wichtig, sagt Fischer. Selbst jetzt im Winter hört man unzählige Vögel in den Büschen. Sogar ein Nest ist noch auf einem der Baumwipfel. Fischers Frau füttert regelmäßig Rotkehlchen, Meisen und Dompfaffen, sagt er. „Sogar Greifvögel haben dort genistet“, so der 59-Jährige.

Die untere Naturschutzbehörde, die der Maßnahme in Hachborn vorher zugestimmt hat, teilt auf Nachfrage mit, dass genug Brutmöglichkeiten für Vögel erhalten blieben. Dadurch, dass jeweils 150 Meter Grünstreifen neben einem bearbeiteten Abschnitt unberührt blieben. Bis Ende Februar, wenn die Brutsaison beginnt, müssten die Pflegearbeiten abgeschlossen sein.

Fischer will sich weiter für den größten Erhalt der Bäume und Büsche auf den Grünstreifen einsetzen, als Schutz. Er erwartet, dass die Landesstraße mit dem Autobahnanschluss der A 49 bei Stadtallendorf noch mehr frequentiert wird. Umso wichtiger werde da ein Schutz der Anlieger in den Dörfern.

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