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Südkreis „Ältere denken nicht an die Zukunft“
Landkreis Südkreis „Ältere denken nicht an die Zukunft“
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09:30 29.12.2017
Erik Waldschmidt aus Haddamshausen und Paula Scheld aus Fronhausen haben im Jahr 2017 viel erlebt. Foto: Dominic Heitz Quelle: Dominic Heitz
Niederwalgern

Paula und Erik sind ein Paar und gehen gemeinsam zur Gesamtschule in Niederwalgern. Im Interview erzählen sie von 
ihren traurigsten und schönsten Momenten. Und ärgern sich über 
Donald Trump.

OP: Fangen wir mit der letzten Frage an: Was wünscht Ihr Euch für 2018 – außer dass Deutschland wieder Fußball-Weltmeister wird?
Paula Scheld: Einen guten Schulabschluss.
Erik Waldschmidt: Guter Ansatz. Erst mal einen einigermaßen guten Schulabschluss und dann weiter schauen.
Paula: Und ich würde gern nach Portugal. Weil es da so schöne Strände gibt.

OP: Vor einigen Wochen ist das Jugendwort des Jahres gekürt worden. Hätte ich mich eigentlich mit „I bims“ vorstellen müssen? Redet Ihr wirklich so?
Erik: Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich bescheuert.

Paula: Aber manchmal reden wir so.
Erik: Ja, aus Spaß. Angefangen hat das mit „vong“, glaube ich. Also anstatt „von“ sagt man „vong“.

OP: Worüber habt Ihr Euch in diesem Jahr besonders gefreut?
Paula: Erik war drei Wochen in Amerika, ich war zwei Wochen in Italien. Das Wiedersehen war schon schön.
Erik: Kitschige Antwort!

Schulsprecherwahl war großes Thema

OP: Was waren für Euch 2017 der beste Film, der beste Song und das beste Computerspiel?
Paula: „Fack ju Göhte 3“ vielleicht.
Erik: Der war witzig.
Paula: „Leave out all the rest“ von Linkin Park war mein Lied des Jahres. Und bei Computerspielen auf jeden Fall „GTA 5“.
Erik: „GTA 5“ würde ich auch sagen. Zur Musik würde ich aus dem Bauch raus sagen „Money for nothing“ von den Dire 
Straits. Das hab ich in diesem Jahr zum ersten Mal richtig wahrgenommen.

OP: Was war an der Schule in diesem Jahr das größte Thema?
Paula: Die Schulsprecherwahl. Und die Bauarbeiten sind immer ein Thema. Darüber reden wir jeden Tag. Es ist ziemlich laut während des Unterrichts.
Erik: Wenn man eine Arbeit schreibt, und auf einmal fangen sie an zu bohren, dann ist das ganz schön nervig.

OP: Was hat Euch in diesem Jahr besonders traurig gemacht?
Paula: Am traurigsten fand ich den Tod von Chester Bennington (Sänger von Linkin Park, die Redaktion). Das war schon ein Tiefpunkt.
Erik: Mein Opa ist gestorben. Wir haben zwar nicht im gleichen Dorf gelebt, hatten aber schon noch viel Kontakt.

Niemand haut einem Mädchen auf den Hintern

OP: Zeitsprung – Wir schreiben das Jahr 2050. Ihr habt Eure Enkel auf dem Schoß und sprecht über 2017. Was erzählt Ihr?
Erik: Damals, die Baustelle … 
(lacht). Ich würde vielleicht von meinem Amerika-Urlaub erzählen. Wir haben einen kleinen Roadtrip gemacht, sind in San Francisco gelandet und dann weiter nach Sonora. Von da ging es ins Death Valley. Da hatten wir 52 Grad, das war schon krass. Viel rumlaufen kann man da nicht. Aber wir haben welche gesehen, die sind mit dem Rennrad gefahren. Ich weiß nicht, was die genommen haben, bevor sie das gemacht haben.
Paula: Ich würde vielleicht erzählen, dass ich Schulsprecherin geworden bin.

OP: Ende dieses Jahres haben Frauen im Internet unter „#metoo“ auf sexuelle Belästigungen aufmerksam gemacht. War das auch an Eurer Schule ein Thema?
Erik: Wenn es mehr Leute mitbekommen hätten, wäre es bestimmt ein Thema geworden. Ich hab ehrlich gesagt nicht so viel davon gehört.

OP: Paula, wie verhalten sich aus Deiner Sicht die Jungs den Mädchen gegenüber an der Schule?
Paula: Es wird schon Mädchen hinterher geguckt. Aber niemand geht hin und haut einem Mädchen auf den Hintern. Die Jungs trauen sich schon vieles, aber so was nicht. Sie gehen bei uns einigermaßen respektvoll mit Mädchen um. Nicht immer, es gibt immer ein paar Ausschläge, aber sonst schon.

OP: Habt Ihr den Eindruck, dass sich an den Geschlechterrollen derzeit etwas ändert?
Paula: Ich glaube, wenn ich sagen würde, dass ich Lkw fahren möchte, würden mich schon viele fragen, warum.
Erik: Es ist immer noch so: Lkw-Fahrer, das sind Männer mit langem Bart, Kippe im Maul und so.
Paula: Aber wenn ich Maschinenbau studieren möchte, würde bestimmt niemand etwas sagen.

Merkel? Ein Wechsel ist ja nicht immer schlecht

OP: 2017 war weltweit überschattet von Terroranschlägen. Fühlt Ihr Euch sicher oder dachtet Ihr in diesem Jahr schon mal: Das kann mich auch treffen?
Paula: Wir waren im letzten Monat bei einem Konzert, und meine beste Freundin sagte: Wir sehen uns nie wieder. Es war eine Menschenmasse in der Festhalle in Frankfurt. Ich denke dann: Der neben mir könnte mir jetzt auch was Böses wollen. Das ist neu und mit den ganzen Anschlägen wie in Berlin gekommen.
Erik: Hier zu Hause und der Umgebung fühle ich mich schon sicher. Aber auf Konzerten oder anderen Veranstaltungen in großen Städten ist das Gefühl vielleicht nicht so schön.

OP: Würdet Ihr deshalb auf ein Konzert verzichten?
Erik: Je nachdem, welche Band spielt. Ich weiß auch nicht, ob ich an so was denken würde, wenn ich da wäre. Ich wäre wohl eher fokussiert auf die Sache.
Paula: Das ist der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Ich hab schon permanent daran gedacht und hatte Angst.

OP: Eure Eltern sind unter Helmut Kohl groß geworden, Ihr kennt nur Angela Merkel als Kanzlerin. Auch wenn wir in Deutschland keinen Kaiser mehr haben: Fühlt sich das nicht ein bisschen nach Monarchie statt Demokratie an?
Paula: Wir kennen das halt nicht anders.
Erik: Ich könnte mir locker jemand anderes da vorstellen.
Paula: Ich auch. Vielleicht wäre es auch mal gut, wenn wir was Neues bekommen. Ein Wechsel ist ja nicht immer schlecht.

Auch alte Menschen in Altersheimen sind Menschen

OP: Warum wechseln? Deutschland geht es wirtschaftlich gut. Wenn Ihr mit der Schule fertig seid und vielleicht sogar noch studiert, bekommt Ihr ziemlich sicher einen guten Job.
Paula: Warum nicht? Ich denke: Vielleicht wäre es mal Zeit für etwas Neues.
Erik: Es ist ja nicht alles schlecht, was so passiert. Was Geld angeht, könnte aber mal in andere Sachen investiert werden. Man sollte es ein bisschen ausgleichen.

OP: Wird in Deutschland mehr für junge oder mehr für ältere Menschen investiert?
Erik: Ich weiß es nicht genau, aber ich habe das Gefühl: eher für jüngere. Man hört immer, dass junge Menschen die Zukunft seien. Aber auch alte Menschen in Altersheimen sind Menschen.
Paula: Ich selber bekomme davon nichts mit, dass in uns investiert wird.
Erik: Man sollte jedenfalls nicht sagen, dass jüngere Menschen wichtiger sind als die anderen, nur weil sie irgendwann Arbeitskräfte werden. Nach dem Motto: Das sind Schüler, und die bringen uns irgendwann Kohle.

OP: Habt Ihr bei der Bundestagswahl mitgefiebert oder war Euch das egal?
Erik: Egal war es mir nicht. Ich hab aber erwartet, dass es so kommt.
Paula: Ich habe es im Fernsehen verfolgt und fand es nicht so berauschend.
Erik: An der Schule waren eher die US-Präsidentschaftswahlen ein großes Thema. Vor allem unter den Schülern. Während der Auszählung haben alle auf ihre Handys geguckt, um zu erfahren, wer vorne liegt.

Mehr Angst vor Rechtsruck als vor Terroranschlägen

OP: Ihr habt die US-Wahlen intensiver verfolgt als die Bundestagswahlen?
Paula: Auf jeden Fall.
Erik: Für mich war es gleich, glaube ich. Ich habe bei der Bundestagswahl auch oft reingeschaut. Dass die US-Wahlen an der Schule allgemein ein größeres Thema waren, lag wohl daran, dass da so ein Bekloppter am Werk war. Es wäre sicher nicht so interessant gewesen, wenn sich ein Normaler zur Wahl gestellt hätte. Das war halt überraschend, und ich habe mich gefragt: Warum macht der das? Der ist doch nicht geeignet.

OP: Was denkt Ihr über den Rechtsruck, den viele Demokratien in Europa in den vergangenen Jahren durchlebt haben?
Erik: Krank.
Paula: Ja, das ist das beste Wort dafür. Das ist unverständlich.
Erik: Ich glaube, viele Leute wählen aus Protest. Das finde ich traurig. Meinetwegen kann man alles wählen außer so was.

OP: Macht Euch das Angst? Fürchtet Ihr, dass diese Kräfte noch stärker werden könnten?
Paula: Auf jeden Fall. Davor habe ich sogar noch mehr Angst als vor Terroranschlägen. Das ist eben direkt bei uns und entscheidet auch über uns.

OP: Ihr sagt ja selber über unsere Politik: Etwas anderes wäre vielleicht gut. Habt Ihr Verständnis für die Protestwähler, die sich vom Polit-Establishment nicht mehr vertreten fühlen?
Erik: Ich verstehe, dass manche genervt sind. Aber das ist kein Grund dafür, rechts zu wählen. Ich weiß allerdings selbst auch nicht genau, was man ändern könnte. Aber man kann da sicher etwas finden und versuchen, das durchzusetzen.
Paula: Ich könnte mir auch vorstellen, mich politisch zu engagieren.

Brennstoffzelle wäre viel besser als Elektromotoren

OP: Donald Trump und die USA haben sich aus dem Pariser Klimaschutzabkommen verabschiedet. Was denkt jemand in Eurem Alter, wenn er hört, dass die älteren Politiker die Zukunft unseres Planeten aufs Spiel setzen?
Paula: Ich denke, das ist schon ziemlich dumm. Trump ist über siebzig und lebt vielleicht noch zehn, fünfzehn Jahre. Aber es gibt noch Millionen anderer Menschen. Wir wollen hier noch ein bisschen bleiben. Warum machen die denn unsere Zukunft kaputt?
Erik: Mal auf die Schule bezogen: Wir haben neulich im Physikunterricht die Brennstoffzelle durchgenommen. Unser Physiklehrer hat uns erklärt, dass das viel besser wäre, um Autos anzutreiben, als Elektromotoren. In die Entwicklung von Wasserstoffantrieben wird aber nicht so viel investiert wie in Elektroautos. Die Bevölkerung soll mit Elektroautos fahren, die mit Strom aufgeladen werden müssen. Und wo soll der herkommen? Dafür brauchen wir wieder Kraftwerke. Die Chefs der Energiekonzerne sind auch keine zwanzig. Die schauen nur auf das Geld. Da wird doch nicht an die Umwelt gedacht. Warum sollten die etwas ändern? Die bekommen das, was vielleicht irgendwann passiert, gar nicht mehr mit.
Paula: Diese Menschen denken mit fünfzig, sechzig Jahren vielleicht nicht mehr so sehr an die Zukunft.

OP: Zu guter Letzt: Welche tolle Erfindung sollte unbedingt im kommenden Jahr gemacht werden?
Paula: Ein Roboter, der einmal die Woche kommt, um mein Zimmer sauberzumachen.

von Dominic Heitz