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Südkreis Michael Giersbeck ist Wikipedia-Profi
Landkreis Südkreis Michael Giersbeck ist Wikipedia-Profi
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00:16 02.10.2018
Passt auf, dass keiner in der Wikipedia vandaliert: Michael Giersbeck (49) aus Beltershausen. Von Beruf ist er Lehrer für Mathematik und Physik. Quelle: Friederike Heitz
Beltershausen

Oberhessische Presse: Herr Giersbeck, wann haben Sie die Wikipedia entdeckt?

Michael Giersbeck: Ungefähr im Jahr 2003. Damals war noch ziemlich viel Mist in der deutschen Wiki. Nehmen Sie den ersten Eintrag über die Nordsee. „Die Nordsee ist ein Mehr”, stand da. So fing vieles an.

OP: Sie sind inzwischen ein gestandener Wikipedianer. Was genau machen Sie für die Online-Enzyklopädie?

Giersbeck: Ich nutze sie im Wesentlichen als Notizblock. Wenn ich etwas neues lerne, notiere ich es. Früher habe ich so Aktenordner gefüllt, heute schreibe ich Wikipedia-Artikel. Das hat diverse Vorteile. Andere ergänzen und korrigieren meine Notizen. Und wenn ich etwas Notiertes suche, finde ich es schneller wieder. Außerdem haben auch andere etwas von meinen Notizen.

OP: Was ist besser: die Wikipedia oder die handelsübliche Enzyklopädie?

Giersbeck: Das wurde von unabhängiger Seite mal stichprobenartig untersucht. Klar war, dass die Wikipedia mehr Informationen hat. Der Brockhaus muss ja irgendwie ins Regal passen. Die Wikipedia hat dieses Platzproblem nicht. Tatsächlich schneidet sie aber auch bei der Qualität besser ab. Das hat uns selber erstaunt, da viele von uns ja in dem, worüber sie schreiben, Laien sind, während der Brockhaus von renommierten Professoren geschrieben wurde. Aber die machen eben mehr Fehler, als man annimmt.

OP: Wie anfällig ist die Wikipedia für Manipulationen?

Giersbeck: In unwichtigen Bereichen sehr anfällig. In der Wikipedia steht mitunter totaler Quatsch, gerade bei Themen, die so gut wie niemanden interessieren, wie Produkte bestimmter Firmen. In einem Artikel über Marburg aber würde wohl nie Quatsch stehen, weil da zu viele Leute reinschauen.

OP: Von welcher Seite kommen denn die meisten Manipulationsversuche – von Wirtschaft, Politik oder Scherzbolden?

Giersbeck: Von allen Seiten. Manche Versuche sind übrigens durchaus gewitzt. Ein Scherzbold hat mal einen Artikel über Fischhörnchen verfasst, was angeblich die Kreuzung aus einem Fisch und einem Streifenhörnchen ist. Der Artikel war ganz seriös gemacht, mit Infobox und allem. Er ist inzwischen ins Humorarchiv der Wikipedia gewandert. Eher einfallslos ist dagegen unser allmorgendlicher Schülervandalismus.

OP: Was genau ist das?

Giersbeck: Quasi jeden Morgen schreibt irgendein Schüler in irgendeinen Artikel das Wort Penis hinein. Man sollte ja meinen, dass Schüler vormittags brav in der Schule lernen. Aber den Schülervandalismus, den haben wir immer vormittags.

OP:  Warum habe ich davon noch nichts mitbekommen?

Giersbeck: Nicht jede Änderung ist sofort für jedermann sichtbar. Änderungen von neuen oder nicht registrierten Nutzern muss erst ein erfahrener Wikipedianer freischalten. Dieses Artikelsichten schützt vorm gröbsten Unfug.

OP: Gibt es noch andere Schutzmechanismen?

Giersbeck: Die Wachsamkeit der Nutzer. Manipulationen fallen in vielen Bereichen relativ schnell auf. Artikel über Politiker halten viele Leute im Auge, insbesondere die von AfD- und FPÖ-Politikern. Der Artikel über Björn Höcke wird derzeit von 162 angemeldeten Benutzern beobachtet.

OP: Nehmen Manipulationsversuche vor Wahlen zu?

Giersbeck: Natürlich. Und wenn wir sehen, dass jetzt an einem bestimmten Politiker-Artikel viel herumgedoktert wird, insbesondere wenn das von neuen oder nicht angemeldeten Nutzern gemacht wird, dann wird dieser Artikel für IPs (Anm. der Redaktion: gemeint sind nicht angemeldete Nutzer) und neu angemeldete Nutzer dicht gemacht. Dann sind durch diese erst mal keine Änderungen mehr möglich.

OP: Können Sie den Hessen also guten Gewissens empfehlen, sich in der Wikipedia über Politiker und Parteien zu informieren?

Giersbeck: Ja, aber sie sollten Artikel stets mit wachem Verstand lesen. Eine Grundregel lautet zwar, dass alle Autoren einen neutralen Standpunkt einnehmen müssen. Aber es schreiben auch Parteigänger und bezahlte Werber mit. Über einen AfD-Politiker gibt es also möglicherweise einen zu positiven Artikel, der Artikel über einen unbescholtenen FPD-Politiker hat vielleicht einen kritischen Unterton. In der Wikipedia kann man zwar nicht einfach irgendetwas behaupten – wir legen Wert auf seriöse Quellen. Aber Artikel lassen sich färben.

OP: Warum heuern Politiker nicht einfach Wikipedianer an, die das mit der Propaganda für sie regeln?

Giersbeck: Theoretisch ist das möglich. Aber da bräuchte es gestandene Wikipedianer. All das, was neue oder nicht registrierte Nutzer schreiben, wird ja wie gesagt noch von erfahrenen Wikipedianern gesichtet. Aber auch bei Manipulationen durch gestandene Wikipedianer gibt es keine Garantie, dass das nicht irgendwann irgendwem auffällt.

OP: Hat mal jemand versucht, Sie anzuheuern, um einen Wikipedia-Artikel aufzuhübschen?

Giersbeck: Nein. Warum sollte jemand mich ansprechen? Ich schreibe über Naturräume. Das ist nichts, wofür Leute Geld bezahlen würden.

OP: Würden Sie es denn machen?

Giersbeck: Nein. Ich habe an der Uni mal ein Seminar gegeben. Ich wollte Studenten zeigen, wie sie über ihr Fachgebiet Wikipedia-Artikel schreiben können. Der Professor wollte dann Vorgaben machen, was von seiner Lehre im Artikel stehen soll. Da habe ich ihm klipp und klar gesagt: So nicht. Da ging es nicht mal um Geld. Es geht nicht, dass jemand von oben Ansagen macht. Wikipedianer schreiben unabhängig.

OP: Wo sind die meisten Wikipedianer politisch zuhause?

Giersbeck: Dazu wurde mal eine Umfrage unter den Administratoren gemacht. Herauskam: Sie stehen etwas links der Mitte.

OP: Und wie steht die Wiki-Gemeinschaft zur AfD?

Giersbeck: Die AfD ist ein Aufreger. Ich erinnere mich an eine Skype-Konferenz des Schiedsgerichts. Da wurde über die AfD gelästert, bis einem der Kragen platzte, der in der AfD war, was bis dahin aber keiner gewusst hatte. Eine Wikipedianerin mit Migrationshintergrund verließ daraufhin das Gremium, zwei andere aus Solidarität auch. Der AfDler kandidierte nicht mehr – er wäre auch nicht wiedergewählt worden – und bekommt seither auf Wikipedia kein Bein mehr auf die Erde.

von Friederike Heitz

Zur Person

Einer der ersten Handschläge, die Michael Giersbeck für die Wikipedia machte, ist eine Korrektur im Artikel über die Sesamstraße. Da hatte einer Harry und Lulatsch verwechselt. Inzwischen hat Giersbeck etwa 500 Artikel verfasst, darunter viele über Naturräume und Flüsse, weshalb er unter den Wikipedianern zu den  Flusspferden zählt. In der Wiki-Gemeinschaft ist er außerdem als Konfliktmediator bekannt. Über 300 Wikipedianer kennt er persönlich. (fgk)

Vom CDU-Praktikanten zum falschen Wilhelm

Wikipedia ist immer eine ernste Angelegenheit. Oder etwa doch nicht?

Der Donauturmstreit

Wikipedianer sind ein streitlustiger Haufen. Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussions-Seite, auf der Nutzer über Fakten und Formulierungen streiten können. Die Debatten ufern mitunter in verbale Schlachten aus. Legendär ist der Krieg um den Donauturm in Wien. Er währte Monate. Es ging um die Frage, ob der Turm ein Fernseh- oder ein Aussichtsturm ist. Der Streit wurde inzwischen beigelegt. Die Aussichtsturm-Seite setzte sich durch. Dann wurde gestritten, ob der Streit so legendär war, dass er einen eigenen Absatz im Donauturm-Artikel verdient hat.

Platz für Humor

Auch wenn die meisten Wikipedianer keinen Spaß verstehen, wenn es um die Qualität des Lexikons geht, zollen sie einem gut gemachten Scherz durchaus Respekt, und zwar im Humorarchiv, zu finden unter goo.gl/kvS5Gc. Dort gibt es zum Beispiel einen Artikel über Wykiwars, ein über das Internet spielbares Computer-Rollenspiel, bei dem Spieler Charaktere wie „Artikelschreiber“ oder „Vandalenjäger“ verkörpern
können.

Der falsche Wilhelm

Freiherr zu Guttenberg, einst Verteidigungsminister, hat viele Vornamen. Wilhelm gehört nicht dazu. Als der CSU-Politiker 2009 Wirtschaftsminister wurde, mogelte ein anonymer Scherzbold in dessen Wikipedia-Biografie einen Wilhelm rein. Der Fehler stand nur kurz auf der Seite, zahlreiche Journalisten nahmen ihn aber für bare Münze.

Der CDU-Praktikant

Im Jahr 2007 wurde von einem Rechner der hessischen CDU-Zentrale aus der Eintrag über den grünen Landespolitiker Tarek Al-Wazir bearbeitet. Zur Rede gestellt, verwies die Union auf einen Praktikanten. (fgk/dpa)