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Hochwasser trifft Familie Bingel regelmäßig

Haus am Bach Hochwasser trifft Familie Bingel regelmäßig

Die Familie von Sabine und Matthias Bingel lebt schon seit Generationen in einem Haus, das immer wieder überschwemmt wird. Ausziehen kommt für sie trotzdem nicht infrage.

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So sah das Haus der Bingels im Dezember aus. Wenn der Bach entlang ihres Grundstücks über die Ufer tritt, überschwemmt er zuerst das Grundstück der Familie, dann die angrenzende Wiese eines Landwirts.

Quelle: Privatfoto

Oberweimar. „Man kann es nicht sehen, man hört es nur“, sagt Matthias Bingel über den Schaden, den das Wasser in seinem Keller angerichtet hat. Bis vor Kurzem stand es noch rund zehn Zentimeter hoch. Der 51-Jährige klopft mit einem Werkzeuggriff auf eine Fußbodenfliese. Der Untergrund klingt hohl. „Der Keller ist unterspült“, sagt Bingel. Von einem Bach, der aus dem Wald hinab, vorbei an seinem Grundstück fließt. Bei starken Regenfällen stehen Garten und Keller regelmäßig unter Wasser. Das Haus, das seit über 100 Jahren in Familienbesitz ist, wollen die Bingels trotzdem nicht aufgeben.

Katharina Hoppe, Matthias’ Bingels Schwiegermutter, hat die Überschwemmungen miterlebt, seit sie 1960 zu ihrem Mann in das Haus gezogen ist. Damals wurden in der heutigen Keller-Werkstatt noch Ziegen und Schweine gehalten. Manchmal mussten die Tiere hoch in die Wohnung geholt werden, erzählt Hoppe. Immer wieder hat sie Hochwasser erlebt. Aber so viel wie in diesem Winter schon lange nicht mehr.

Matthias Bingel aus Oberweimar. Privatfoto

Matthias Bingel aus Oberweimar.

Quelle: Privatfoto

Es war der 11. Dezember 2017, als das Wasser den Garten und den Keller überschwemmte. Von der Gemeinde bekamen Sabine Bingel und ihre Mutter Katharina Hoppe Sandsäcke geliefert. Die beiden Frauen verteilten Hunderte davon im Garten. Erst eine Reihe, die das Grundstück von dem Graben abgrenzen soll, in dem der Bach fließt. Dann eine entlang der Hauswand. Abends half die Freiwillige Feuerwehr, mitten durch den Garten noch einen kleinen Schutzwall zu legen.

Sandsäcke sollen bis zum Frühling liegenbleiben

Bis zum Frühling sollen die Sandsäcke zur Sicherheit liegen bleiben. Denn die Nachbarwiese eines Landwirts ist noch immer feucht. Sie kann bei Regen kein Wasser aufnehmen. Derzeit steht es zwar nicht mehr im Garten, aber wenn sie auf die Wiese wollen, laufen die Bingels über einen schmalen Holzsteg, den sie gebaut haben.

Wie lange Sabine Bingel im strömenden Regen Sandsäcke gestapelt hat, weiß sie nicht mehr. „Da vergisst man alles“, sagt die 49-Jährige. Wenn das Wasser sich durch die Wände und den Fußboden ins Haus drückt, wisse man gar nicht, wo man zuerst anpacken soll. Immer wieder habe sie aus den Kellerräumen mit Geräten das Wasser gesaugt, allein an einem Tag manchmal knapp 200 Liter in Eimern weggetragen.

„Das Schlimme ist, es regnet und regnet und du kannst nichts machen. Der Pegel steigt.“ Dann denke sie darüber nach, einfach abzuwarten, bis das Wasser seinen Höchststand erreicht hat. „Aber das kann man nicht, einfach dasitzen und zusehen“, sagt sie. „Man arbeitet gegen die Zeit.“

36.000 Euro würde die Trockenlegung kosten

Den Schaden, den das Wasser am Haus angerichtet hat, ließ Matthias Bingel von einer Firma berechnen. Rund 36 000 Euro würde es nach deren Angabe kosten, das Haus von außen und innen trocken zu legen, so Bingel. Im Keller findet er dann doch noch eine Stelle, an der der Schaden sichtbar ist. Unter einem PVC-Bodenbelag, der den Beton bedeckt, ist es feucht. Wasser setzt sich auf dem Kunststoff ab.

Die Kosten soll die Versicherung übernehmen. Aber für einen Hochwasserschutz am Graben würde sie nicht aufkommen, so Bingel. Dafür hofft er auf die Gemeinde. „Sie muss jetzt handeln“, sagt er.

"Für uns ist das eine absolute Katastrophe."

Sobald die Wiesen trocken sind, könnte man am Graben Steine oder Stahlwände als Schutz anbringen, meint Bingel. Dass es so weitergeht wie bisher, ist für ihn keine Option mehr. „Für uns ist das eine absolute Katastrophe.“ Das Haus gehe mehr und mehr kaputt. Schon seit Jahren setze er sich dafür ein, dass die Gemeinde tätig werde. Vor zwei Jahren sei der Graben saniert worden, besseren Schutz biete er dadurch aber nicht. Den Abschnitt des Bachs, der an sein Grundstück angrenze, halte er selbst frei, so Bingel. Weiter abwärts des Bachlaufs ist der Graben jedoch zugewachsen, was für einen Rückstau sorgt. Auch das trage zur Überschwemmung auf seinem Grundstück bei, sagt Bingel.

Das Paar wohnt seit 25 Jahren gemeinsam in dem Haus. „Es war noch nie so extrem wie in den letzten paar Jahren“, sagt Matthias Bingel. Auch im Sommer vergangenen Jahres, nach einem Gewitter, sah die Familie den Garten vollständig unter Wasser stehen. Im Januar vor zwei Jahren kam das Wasser durch den Gulli hoch. „Zum Glück nur klares Wasser“, sagt Sabine Bingel. Sie glaubt, dass es auch deshalb mehr Hochwasser als früher gibt, weil der Regen im Neubaugebiet auf versiegelte Fläche trifft und nicht mehr in den Boden versickern kann. Stattdessen laufe das Wasser dann in den Bach und schließlich bergab weiter zu den Bingels.

Bingels wollen ihr Zuhause nicht aufgeben

„Eine Belastung ist das Hochwasser, ja“, sagt Sabine Bingel. „Aber es ist unser Haus. Es war immer nass und wird immer nass sein.“ Mutter Katharina Hoppe sitzt am Fenster und blickt raus. „Wir haben die schönste Aussicht in ganz Oberweimar“, sagt die 80-Jährige. Die Wiese des Landwirts steigt leicht an, in der Ferne sieht man den Wald. Den Garten haben die Bingels erst vor 15 Jahren gekauft. Sie haben ihn mit Erde aufgeschüttet, damit er höher liegt. Ihr Zuhause wollen sie nicht aufgeben.

von Freya Altmüller

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