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00:15 28.12.2018
Dalmatiner Timmi auf dem Unterwasserlaufband. Quelle: Freya Altmüller
Niederwalgern

Hund Timmi sieht sich leicht irritiert um. Seine Pfoten werden nass. Als ihm das Wasser im Becken bis zu den Ellenbogen steht, setzt sich unter ihm ein Laufband in Bewegung. Timmi läuft mit. Seine Besitzerin Elisabeth Groos hat seit Kurzem eine Physiotherapie-Praxis für Vierbeiner in Niederwalgern. Dort können sie auf einem Unterwasser-Laufband trainieren. „So können Muskeln gestärkt werden, ohne dass dabei viel Kraft auf die Gelenke gegeben wird“, erklärt Groos. Durch die Entlastung fällt das Laufen Hunden mit Schmerzen leichter. Der Wasserwiderstand sorgt für einen zusätzlichen Trainingseffekt.

Mittlerweile kann Timmi schon wieder alleine ins Auto springen. Vor drei Wochen sah das noch ganz anders aus. Chronische Krankheiten sorgten dafür, dass er sein rechtes Hinterbein nicht mehr richtig ausstrecken konnte. Groos begann mit dem Training auf dem Laufband. Sie empfiehlt zwei Termine pro Woche. Bis zu 15 Minuten kosten 20 Euro. Ziel sind zwanzig Minuten.

Dalmatiner Timmi auf dem Unterwasserlaufband mit Besitzerin und Tierphysiotherapeutin Elisabeth Groos. Quelle: Freya Altmüller

Dass heute viel mehr für die Gesundheit von Hunden und Katzen getan werden kann und getan wird, hängt laut Professor Martin Kramer, Leiter der Kleintierchirurgie der Uni Gießen mit dem allgemeinen Wohlstand der Gesellschaft zusammen. „Hochtechnisierte Diagnostik, wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie, oder spezielle Implantate sowie Behandlungsmethoden kosten enorme Summen“, sagt Kramer. Diese müssten in der Regel vom Besitzer des Tieres aufgebracht werden. Denn Krankenversicherungen für Hunde seien immer noch selten.

Bei einem Vergleichsportal im Internet kostet der günstigste Vollschutz je nach Hund 22 bis 36 Euro pro Monat. Operationskosten werden bis zu 3 000 Euro übernommen, nicht aber die Kosten für anschließende Physiotherapie. Für einen speziellen Operationsschutz zahlt man mindestens zwischen 9 und 16 Euro, wobei die Leistungsgrenze 1 500 bis 2 000 Euro beträgt. Chirurg Kramer sagt: „Da es um die Gesundheit ‚eines Freundes‘ geht, sind die Besitzer bereit, praktisch alles auf sich zu nehmen, also auch finanziell, um das liebgewonnene Tier möglichst lange zu haben und gesund zu halten.“

Mehr chirurgische Eingriffe bei Hunden und Katzen

Die Tierphysiotherapeutin Elisabeth Groos lässt den vorderen Teil des Laufbands hochfahren, Timmi muss gegen die Steigung laufen. So können besonders seine Hinterläufe trainiert werden, die bei ihm schwach sind. Timmi hat aber schon ordentlich an Muskeln zugelegt. Schmerzmittel muss er keine mehr bekommen.

Nicht nur bei chronischen Krankheiten wie Arthrose oder Bandscheibenvorfall, unter denen Timmi leidet, kann das Unterwasser-Laufband zum Einsatz kommen, so Groos. Auch bei Hunden, die eine Operation hinter sich haben oder lahmen. So könne man beispielsweise einem älteren Hund mit Kreuzbandriss, den man nicht mehr operieren möchte, durch Muskelstärkung helfen.

Kramer von der Kleintierchirurgie in Gießen sagt: „Die große Anzahl an spezialisierten großen privaten Kleintierpraxen und Kliniken zeigt deutlich, dass der Bedarf in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat.“ So werden laut Kramer in Deutschland auch immer mehr chirurgische Eingriffe bei Hund und Katze vorgenommen.

Sogar Tumore werden bei den Tieren häufiger behandelt. Das hängt Kramer zufolge auch mit dem heutigen Wissensstand und der Spezialisierung zusammen. Durch entsprechende Untersuchungen könne man bestimmen, um welche Art von Tumor es sich handelt, wie er chirurgisch entfernt werden muss, wie die Prognose ist und welche zusätzlichen Behandlungen durchgeführt werden müssen.

Tierärzte spezialisieren sich zunehmend

Chemotherapie und Bestrahlung kommen zum Einsatz. Kramer ergänzt: „Auch ist das Wissen heute schon so weit, dass bestimmte Tumore gar nicht mehr operiert werden, da ein solcher Eingriff dem Tier nur schaden und nicht nützen würde.“ Als Beispiel dafür nennt der Chirurg bösartigen Nasentumor. Andere Tumore könnten von Spezialisten so gut chirurgisch entfernt werden, dass das Tier danach gesund weiterleben kann. Die Spezialisierung von Tierärzten habe in den letzten zwei Jahrzehnten rasant zugenommen. So könnten immer mehr Kollegen auch schwierige Operationen erfolgreich durchführen. Enorme Fortschritte hätten außerdem das Wissen und die bildgebende Diagnostik in der Veterinärmedizin gemacht, sagt Kramer. So könnten viel mehr Erkrankungen erkannt und erfolgreich behandelt werden. 

Dass es mehr chirurgische Eingriffe gebe, liege nicht zuletzt daran, dass beispielsweise Hunde heute keine Gebrauchstiere mehr seien, die man für die Jagd oder als Hütehund nutzt. Vielmehr seien sie Partner, Freund oder auch Ersatz für andere Menschen. Ihre Zahl ist laut Statista in Deutschland in den vergangenen 17 Jahren von 5 auf 9,2 Millionen gestiegen. Als Freunde seien die Hunde „eine ganz wichtige Säule im sozialen Netzwerk für ganz viele Menschen in unserem digitalen Zeitalter“, so Kramer.

Auch wenn Besitzer alles für ihr Tier tun würden, kann sich das nicht jeder leisten. Es werden schnell hohe Summen fällig. Laut Kramer zahlt man für die Behandlung eines Kreuzbandrisses bei einer Katze zirka 600 bis 800 Euro, bei einem mittelgroßen Hund 1 500 Euro. Diagnose und Operation eines Bandscheibenvorfalls kosten bei Hund und Katze 2 500 bis 3 000 Euro. Und auch für die Behandlung von Tumoren werden je nach Größe und Bösartigkeit sowie Folgetherapien mehrere hundert bis mehrere tausend Euro fällig.

von Freya Altmüller