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Handgemachte Schärfe aus Weiershausen

Vom Aussterben bedroht Handgemachte Schärfe aus Weiershausen

Mit der Sense umgehen, das können nur noch wenige Menschen. Eine stumpfe Sense dengeln, das können noch viel weniger. Konrad Beimborn ist einer, der die alte Handwerkskunst noch beherrscht.

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Den alten Amboss hat Konrad Beimborn von seinem Großvater geerbt. Auf ihm dengelt er die Sensen noch selbst.

Quelle: Schulz

Weiershausen. Es sind Konrad Beimborns Augen, die sein Leben erzählen. Hellblau sind sie. Hellblau und durchdringend. Kleine Lachfältchen lassen seinen Blick weich wirken, einige tiefe Sorgenfalten erzählen von harten Zeiten.

Gedankenverloren lässt Konrad Beimborn seinen eisblauen Blick durch das kleine Dorf schweifen. Nichts ist hier mehr so, wie es mal war. Zahlreiche Höfe stehen leer, kaum jemand bewirtschaftet noch Land. Ja, das Leben in Weiershausen, es hat sich verändert.

Irgendwie ein bisschen schneller, irgendwie ein bisschen moderner ist es geworden. Und Konrad Beimborn? Der hat nichts gegen ein modernes Leben. Aber seine Tradition, seine Wurzeln, die will er schützen. Solange es seine Kräfte noch zulassen.

Mit einer kräftigen Handbewegung öffnet der 79-Jährige die schwere Tür zu der alten Schmiede. Der Boden ist naturbelassen, die Wände rußverschmiert. Es riecht nach Arbeit, nach Vergangenheit, nach einer Zeit, in der das Schmiedefeuer brannte und Konrad Beimbaum noch ein gefragter Mann war.

Pferde hat er hier beschlagen, Arbeitsgeräte wieder repariert und jeden Tag Sensen gedengelt. „Früher hatte jeder eine Ziege oder ein Schaf, da musste etwas Grünes her.“

Statt zum Rasenmäher griffen die Menschen damals zur Sense. Zu Konrad Beimborn kamen sie immer dann, wenn die Schneide stumpf und somit auch die Sens-Arbeit anstrengend wurde.

Zehn Minuten brauchte er damals, um eine stumpfe Sense wieder messerscharf werden zu lassen. Und zehn Minuten, die braucht er auch noch heute. Mit einem geübten Handgriff hängt er den Stiel in eine alte Kette ein, so dass das Sensenblatt in einem bestimmten Winkel auf dem alten Amboss liegt. „Auf dem hat schon mein Großvater gearbeitet“, erklärt Beimborn voller Stolz.

Bevor Beimborn zum Hammer greift, packt er noch einmal in die Manteltasche und wühlt nach seiner Brille. Dengeln ist schließlich Millimeterarbeit, Ungenauigkeit eine Sünde. „Man muss genau auf Winkel schlagen“, erklärt der 79-Jährige und lässt den Hammer auf das Sensenblatt fallen.

Dong, Dong, Dong. Immer wieder. Millimeter für Millimeter. Kraft braucht er für diese Arbeit nicht. Wohl aber eine ruhige Hand und jahrelange Dengel-Übung. Mit dem Daumen prüft der 79-Jährige den Schärfegrad des Sensenblattes. Passt.

von Marie Lisa Schulz

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