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Südkreis Ex-Landärztin: Empathie ist das Wichtigste
Landkreis Südkreis Ex-Landärztin: Empathie ist das Wichtigste
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08:58 13.01.2019
Dr. Michaela Kern in ihrer Praxis in Hachborn. Mit 65 Jahren ist die Ärztin Anfang des Jahres in den Ruhestand gegangen. Quelle: Dominic Heitz
Hachborn

Es gibt wohl nur wenige Häuser im südlichen Landkreis, in denen Dr. Michaela Kern nicht schon ­gewesen ist. Insgesamt 37 Jahre lang kümmerte sich die Ärztin um die Menschen in und um Hachborn, versorgte sie medizinisch und stand so manchem in schweren Zeiten zur Seite.

Am 1. April 1982 hörte ihr ­Vater als Landarzt auf und Kern übernahm dessen Praxis. Anfang Januar hat ihre Tochter es ihr gleich getan und wiederum den Platz der Mutter übernommen. Drei Generationen Ärzte,­ das ist schon eine besondere ­Geschichte. Ihre zweite Tochter ist ebenfalls Ärztin geworden. Insgesamt gebe es neun Ärzte in ihrer Familie, sagt Kern.
OP: Wenn Sie sich an Ihre Kindheit und die Praxis Ihres ­Vaters erinnern, woran denken Sie dann?
Dr. Michaela Kern: Ich denke daran, dass mein Vater fast immer um sechs Uhr anfing. Als ich dann die Praxis übernahm, war es ein bisschen schwierig mit meiner Familie, weil die Leute schon um sechs anriefen und kommen wollten. Ich erinnere mich auch daran, dass Patienten auch an Wochenenden und in der Nacht bei uns klingelten, mit offenen Wunden, immer bei uns zu Hause. Man ging damals nicht in die Klinik. Man klingelte erst mal beim Hausarzt. Das gab es bei mir auch noch sehr lange. Es gab ja keinen geregelten Notdienst zu dieser Zeit. Und ich denke noch daran, dass mein Vater in den ersten Jahren noch Hausentbindungen machte. Dann war er ewig weg. Er hatte einen Koffer, den er immer mitnahm, ein ganz spezieller Koffer. Darin waren die Zangen für die Entbindung.

Ich hatte einen Vertrauensvorschuss

OP: Sie wussten damals schon, wofür die Zangen gebraucht wurden?
Kern: Ja. Wenn mein Vater den Koffer nahm, wusste ich, dass es länger dauern wird. Als ich anfing, gab es keine Hausgeburten mehr.

OP: Sie übergeben den Staffelstab jetzt an Ihre Tochter. Welchen Ratschlag hat Ihr Vater Ihnen damals gegeben? Und was haben Sie nun Ihrer Tochter gesagt?
Kern: Mein Vater riet mir, mich in die politischen Diskussionen im Ort nicht einzumischen, weil man alle Patienten behandelt. Das war seine Überzeugung. Daran habe ich mich auch gehalten. Meiner Tochter gebe ich keinen konkreten Ratschlag. Wir haben ja die vergangenen beiden Jahre schon zusammengearbeitet. Das ist also nicht so eine Übergabe wie bei meinem Vater. Meine Tochter und ich haben das sozusagen schon gelebt.

OP: Das Verhältnis eines Arztes zu seinen Patienten ist in erster Linie ein Vertrauensverhältnis. Mussten Sie sich das Vertrauen neu erarbeiten, als sie die Patienten Ihres Vaters übernahmen?
Kern: Ich hatte sicher einen gewissen Vertrauensvorschuss. Ich bin hier geboren worden und in die Volksschule gegangen. Ich wurde hier auch konfirmiert. Das alles habe ich ja mitgebracht. Später muss man sich das aber an jedem einzelnen Fall selbst erarbeiten. Da wird man schon geprüft. Aber insgesamt waren die Leute hier sehr wohlwollend, als ich anfing.

Patienten recherchieren vorher im Internet

OP: Hatten Sie so etwas wie ­eine Maxime oder Überzeugung, nach der Sie handelten, um diesen Vertrauensvorschuss zu rechtfertigen? Oder haben Sie sich einfach auf Ihre fachliche Kompetenz verlassen?
Kern: Ich glaube, dass es für einen Landarzt besonders wichtig ist, Empathie aufzubringen. Das ist das Wichtigste. Die Art der Medizin, die man macht, ist ­natürlich auch wichtig.

OP: Womit kommen die Menschen heute zu Ihnen? Hat sich das gewandelt?
Kern: In erster Linie natürlich mit medizinischen Problemen. Aber die Menschen kommen zu einem Landarzt auch mit persönlichen oder familiären Schwierigkeiten. Das hören wir häufig. Neu ist, dass der Patient schon vieles im Internet recherchiert hat.

OP: Der heutige Patient weiß es schon besser als sein Arzt?
Kern: Nein, aber man muss mindestens viele Aspekte diskutieren, die die Menschen aus dem Internet erfahren haben. Ich finde das aber in Ordnung.

Kritik an Manipulationen von Erbgut

OP: Schürt es nicht eher die Ängste der Patienten, wenn sie versuchen, sich im Netz zu informieren?
Kern: Damit kann man umgehen. Ich sehe es eher positiv. Früher habe ich manchmal fortgeschrittene Brustkrebs-Tumore gesehen, so dass ich dachte: Es kann nicht wahr sein, dass da keiner reagiert hat. Ich habe Patienten mit Prostata-Karzinom gesehen, die sind erst gekommen, als Knochen-Metastasen da waren. Ich denke durch das Internet werden die Leute auch wacher, sind informierter und nehmen mehr Vorsorgen in Anspruch. Die eigene Recherche der Patienten belastet die Praxis nicht.

OP: Grundsätzlich: Gehen wir zu schnell zum Arzt? Sind wir ein Volk von Jammerlappen geworden?
Kern: Ich glaube nicht. Die Landbevölkerung sowieso etwas weniger. Die haben immer viel zu tun mit Haus und Hof. Wir Ärzte haben ja auch einiges dafür getan, dass sich die Einstellung zur Vorsorge ändert. Das finde ich positiv. Man kann natürlich viele Arztbesuche auch streichen oder mit eigener Behandlung reduzieren. Ich empfinde es bis jetzt aber nicht als schlimm.

OP: Die Entwicklung der Medizin schreitet mit Riesenschritten voran. Wohin soll das führen? Sehen Sie Grenzen?
Kern: Was ich kritisch sehe, sind Manipulationen am Erbgut. Da setze ich persönlich ­eine Grenze.

OP: Warum?
Kern: Wer sagt mir denn, dass dann nur Krankheiten behandelt werden? Kann man dann nicht auch noch Verhalten behandeln? Kann man die Menschen nicht noch schöner machen?

Training des Immunsystems spielt große Rolle

OP: Nochmal zur Entwicklung der Medizin: Was sorgt Sie noch?
Kern: Die Kosten der Therapie. Bei der individuellen Tumor-Behandlung zum Beispiel gibt es unglaubliche Fortschritte. Es gibt mittlerweile Therapien, die auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Das ist die Zukunft. Aber ich wage gar nicht daran zu denken, was das alles kosten wird. Wird das auch zu bezahlen sein? Ich denke, dass unser System da vor irrsinnige Aufgaben gestellt­ ­werden wird, wenn wir das ­jemals finanzieren wollen oder müssen. Die Politik muss dieses Problem dann lösen.

OP: Lassen wir die Kosten mal außen vor: Können wir den Krebs besiegen?
Kern: Vielleicht. Zumindest kann man ihm den großen Schrecken nehmen. Man kann sagen: Wir können den Krebs vielleicht bändigen.

OP: Sind Ärzte eigentlich seltener krank als andere Menschen, weil sie sich besser auskennen und schützen, oder häufiger, weil sie ständig mit Kranken in Kontakt kommen?
Kern: Was Infektionskrankheiten betrifft, sind Ärzte seltener krank. Ihr Immunsystem wird ja trainiert, weil sie ständig ­infektiösen Einflüssen ausgesetzt sind. Ich habe bei meinem Vater beobachtet, dass er immer schwer krank wurde, wenn er mich sporadisch vertrat. In seiner ganzen Karriere vorher war er aber nie krank. Das Training des Immunsystems spielt eine­ große Rolle. Desinfektion ist ­natürlich auch immer gut.

Krebskrankes Kind bot traurigstes Erfahrung

OP: Welcher Fall ist Ihnen ­besonders in Erinnerung geblieben, vielleicht weil er so ungewöhnlich, dramatisch oder traurig war?
Kern: Spontan denke ich an ein ganz trauriges Erlebnis. Kurz nachdem ich angefangen habe,­ hatte ich einen dreijährigen Jungen, der an Tumor und Leukämie erkrankte. Der Junge wurde damals von seinen Eltern zu Hause gepflegt. Die haben das alles mit mir abgesprochen. Ich habe die Betreuung des Jungen übernommen. Damals gab es noch keinen ambulanten Hospizdienst. Es gab keine Palliativ-Station, nichts. Das Kind wurde zu Hause gepflegt und das war wirklich schwer für alle Beteiligten. Die Eltern haben damals Wahnsinniges geleistet. Immer, wenn der Junge nachts krampfte, bin ich hingefahren. Wir haben das zu Ende­ ­gebracht. Damals habe ich nur gedacht: Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben müssen. Es war so schwer. Dieser kleine Junge war das Schwierigste, was ich in meinem ganzen Leben erlebt habe.

OP: Wie prägte es das eigene Bild von anderen Menschen, wenn man sie nur sieht, wenn sie krank sind?
Kern: Ich glaube, dass das keinen Einfluss auf einen Landarzt hat. Dafür sehen wir zu viele verschiedene Dinge. Das ist auch mal was ganz Banales,­ ein verstauchter Fuß zum Beispiel. Zum Glück werden ja auch fast alle wieder gesund. Dass es mich prägt, könnte ich mir vielleicht vorstellen, wenn ich ­Tumor-Doktor wäre. Dann hat man immer mit diesen schweren Schicksalen zu tun. Aber der Allgemeinarzt hat diese Mischung. Das empfindet man nicht immer als Krankheit und das färbt dann auch nicht ab. Hier auf dem Land begegne ich den Menschen ja auch beim Einkaufen, in der Bank und überall.

OP: In drei Worten: Was bleibt für Sie von Ihrer Zeit als Ärztin?
Kern: Guter zwischenmenschlicher Kontakt.                

von Dominic Heitz