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"Guck mal, Mama, ganz ohne Hände"

Abenteuer Sport: Kunstrad "Guck mal, Mama, ganz ohne Hände"

Jahrelang war unsere Redakteurin Marie Lisa Schulz stolz darauf, freihändig Fahrrad fahren zu können. Bis sie auf eine Gruppe Kunstradturner in Fronhausen traf und feststellen musste: Da ist noch Luft nach oben.

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Da kann unsere Redakteurin nur staunen: Der sogenannte "Reitstand" gilt als Einsteigerübung.

Quelle: Michael Hoffsteter

Fronhausen. Mädchen, die auf Rädern turnen - das können nur kleine Diven sein. Solche, die sich in glitzernde Turnanzüge zwängen und bei jedem Sturz vom Rad in Tränen ausbrechen. Ich gebe es zu: Meine Vorurteile lassen sich nicht so schnell abstreifen wie meine Straßenschuhe, die ich widerwillig gegen zu große Turnschläppchen tauschen muss. Prompt fühle ich mich um 20 Jahre zurückversetzt. In eine Zeit, in der ich beim Kinderturnen an einer einfachen Kerze scheiterte und Mädchen, die Spagat konnten, für Heilige hielt. Oh, wie habe ich diese Turnstunden verflucht. Und nun trage ich die Schläppchen wieder mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte ich sie nie abgestreift. Mein Gang wird eleganter - zumindest bilde ich mir das ein. Irgendwie möchte ich in Turnschläppchen und Leggings lieber tänzeln als poltern.

 

Und so schreite ich durch eine Turnhalle der Grundschule Fronhausen. Stets darauf bedacht, nicht über den Haufen gefahren zu werden. Um mich herum herrscht reges Treiben. Die Kunstradturner des Radfahrer-Verein-Rennsports 1920 Oberwalgern drehen ihre Runden. Auf dem Sattel stehend, auf einem Rad fahrend, freihändig tretend. Immerhin. Eine junge Turnerin fährt einfach nur im Kreis. Rückwärts versteht sich. Meine Vorurteile weichen Hochachtung. Das ist kein Sport für Zimperliesen. Hier ist Mut gefragt. Kraft, Konzentration und Koordination sowieso. Trainerin Melanie Fenner-Maresanu schafft es, auch meine letzten Vorurteile wegzuwischen.

Hinfallen, aufstehen,weitermachen

„Bei Wettkämpfen treten wir im weißen Trikot und schwarzer Hose an“, erklärt sie. Kein auffälliges Make-up, keine Frisuren, die nur durch hunderte Klammern und tonnenweise Haarspray halten. Hier zählt einzig und allein das Zusammenspiel zwischen Mensch und Rad. Die Räder, erklärt Melanie Fenner-Maresanu, seien ohnehin kleine Schätze. Einige von ihnen sind krachneu. Andere haben schon mehr als 50 Jahre auf dem Sattel. „Die Firma, die hier das ein oder andere Rad hergestellt hat, gibt es schon gar nicht mehr“, erklärt die erste Vorsitzende des Vereins, Gabriele Nuhn. „Wir sind kein Schicki-Micki-Verein“, fügt sie hinzu.

Und so wird im Training nicht nur geturnt, sondern auch gewerkelt. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die rollenden Sportgeräte nur wenig von einem gewöhnlichen Holland-Rad. Gebogener Lenker, breiter Ledersattel, zwei Pedale, zwei Reifen. Ein gewöhnliches Fahrrad eben. Bei näherem Hinschauen wird aber klar: Die Fahrradkette ist aus Gummi, Bremsen sucht man vergebens. Dafür gibt es an den Achsen sogenannte „Dorne“, auf die sich die Turner stellen können.

Soweit die Theorie, ab in die Praxis. So ein bisschen Turnen auf dem Rad - ein Klacks für eine Vielfahrerin wie mich. Schließlich kann ich so einiges auf dem Drahtesel. Freihändig einen Apfel essen beispielsweise. Aber ein Rad ohne Bremse ist und bleibt ein Rad ohne Bremse. Ich muss lernen, das Tempo gezielt zu drosseln und wieder zu steigern. Muss ein Gefühl für das Fahrrad bekommen.

Auf dem Hinterrad fahrend, überholen sie mich

Neidische Blicke wandern zu meinen Mitturnern. Sie steuern ihre Räder sicher im Kreis. Allen voran: Salome Oehler und Laura Bremer. Die beiden 15 und 18 Jahre alten jungen Frauen treten bei Wettkämpfen gleich im Doppelpack an. Sie sind ein eingespieltes Team. Verstehen einander ohne Worte. Vertrauen sich blind. Auf dem Hinterrad fahrend überholen sie mich. Laut schnatternd. Während ich es nach fünf Minuten zum ersten Mal wage, meinen linken Fuß auf eine der Dorne zu setzen, richten sie sich - noch immer auf nur einem Rad fahrend - die Haare.

Ich schaue mich lieber bei den jüngeren Sportlern um. Solche, die gerade erst aus dem Stützrad-Alter herausgewachsen sind. An denen kann ich mich messen. Konzentriert beiße ich mir auf die Lippe. Langsam, ganz langsam setze ich den linken Fuß auf die Dorne neben das Vorderrad. Den rechten will ich gerade neben dem Hinterrad platzieren, als ich merke, dass mein Drahtesel nur noch langsam eiert anstatt rasant zu rollen. Vor lauter Konzentration habe ich vergessen, Schwung zu holen.

Also noch einmal. Treten, Beine sortieren, aufstellen. Geschafft. Jetzt will ich mehr. Ich will schneller fahren und spektakulärer turnen. Aber Trainerin Melanie Fenner-Maresanu bremst meine Euphorie: „In der Regel fängt man jung an - dann bekommt man auch ein Gefühl für das Rad.“ Mit anderen Worten: Ich bin zu alt, um in diesem Sport noch etwas zu reißen. Nicht aber zu alt, um meine Vorurteile zu begraben. Wer auf dem Kunstrad besteht, der hat eine Lektion fürs Leben schon gelernt: aufstehen, hinfallen, weitermachen.

von Marie Lisa Schulz

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