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Südkreis Brot backen wie in der Steinzeit
Landkreis Südkreis Brot backen wie in der Steinzeit
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13:01 20.04.2018
Zupfen fleißig: Amelie Lefebvre (von links), Moritz Klecha, Rasmus Michel und Museumspädagogin Sarah Fräßdorf. Quelle: Dominic Heitz
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Argenstein

Sarah Fräßdorf ist vor den Kindern da. Sie legt die abgebundenen Weidenruten für den Zaun bereit. Genügend Saatgut hat sie auch besorgt, Emmer, Einkorn und Nacktgerste sollen die Mädchen und Jungen heute aussähen. Vorher kommen aber noch hakenförmige Stöcke zum Einsatz, um den rund 40 Quadratmeter großen Acker umzugraben. So wie es unsere Vorfahren in der Steinzeit schon getan haben. Klingt nach Knochenarbeit.

27 Grundschüler aus der zweiten Klasse sind am Dienstagmorgen nach Argenstein auf die Zeiteninsel gekommen. Zum vierten Mal veranstaltet das Freilichtmuseum dieses Projekt: Die Kinder bestellen ein Feld, ernten es später ab, mahlen das Korn zu Mehl und backen schließlich ihr eigenes Brot. ­Alles möglichst so, wie es schon unsere Ahnen in der Steinzeit taten. Dort, wo sich heute das Freilichtmuseum in Argenstein befindet, hatten damals Menschen gesiedelt und vermutlich auch Getreide angebaut. So ähnlich, wie es die Grundschüler derzeit auch wieder tun.

Sozialkompetenz wird geschult

Die Archäologin Sarah Fräßdorf arbeitet dort seit 2017 als Museumspädagogin und ­betreut das Schulprojekt zum zweiten Mal. Die Ziele der Arbeit mit den Schülern seien mannigfaltig, sagt sie. Zum einen sollen die Kinder etwas über die komplexeren Zusammenhänge von Natur, Ackerbau und Nahrung lernen, von der Pflanze bis zum Brot sozusagen. „Sie sehen, wie mühsam es einmal war“, sagt Fräßdorf, „und wie viel Pflege ein Acker braucht“. Zum anderen schule die Arbeit auch die Sozialkompetenz der Mädchen und Jungen. Sie sehen, was sie schaffen können, wenn sie zusammenarbeiten. Und sie teilen den Erfolg der Arbeit.

Vom Aussäen bis zur Ernte

Von diesem gemeinsamen ­Erfolgserlebnis sind die Kinder noch einige Zeit entfernt. Jetzt gilt es, die Grundlagen zu legen. Nachdem die Archäologin ihnen im März in einer Doppelstunde Hintergründe über die steinzeitliche Arbeit auf einem Getreideacker nahegebracht hatte, ging es am Dienstagmorgen ans Werk. Die Grundschüler besserten den Weidenzaun aus, der den Acker umfasst. Sie zupften Unkraut aus dem Boden. Einige hatten dazu Werkzeug von zu Hause mitgebracht. Und sie gruben das Feld um und säten das Getreide.

Von nun an müssen die Kinder regelmäßig auf der Zeiteninsel nach dem Rechten sehen. Nachwachsendes Unkraut wird gezupft. Falls nötig, wird gegossen. Nebenbei führen die Mädchen und Jungen ein Lerntagebuch, in dem sie ihre Arbeit dokumentieren. Im Juli, spätestens im August steht die Ernte an. Beim Mähen kommt eine sogenannte Feuersteinsichel zum Einsatz. Das ist ein kleiner Stock, an dem mit Birkenpech scharfkantige Feuersteine angebracht wurden.

Einen Mahlstein aus der Steinzeit gebaut

Das Getreide wird anschließend getrocknet, bevor es in der Schule gedroschen und geworfelt wird. Mit einem nachgebauten steinzeitlichen Mahlstein werden die Körner dann zu Mehl verarbeitet. Wie viel Mehl bei der Aktion abfällt, hängt von der Witterung der nächsten Wochen ab. Im vergangenen Jahr sei die Ausbeute dürftig gewesen, sagt Fräßdorf, verweist aber sogleich auf den pädagogischen Effekt: „Das kann ja früher auch so passiert sein.“

Sollte die Ernte zu schlecht sein, wird Mehl nachgekauft, natürlich nur von den angebauten Sorten. Am Ende, im Oktober, sollen alle ein Brot backen können. Mit dem Mehl, Wasser und Salz kneten die Grundschüler ihre eigenen Fladen. In einem Lehmbackofen auf der Zeiteninsel wird daraus schließlich Brot – Emmerbrot zum Beispiel. „Das schmeckt nussig“, sagt Fräßdorf.

Auch andere Schulen haben Interesse

Die Museumspädagogin möchte gemeinsam mit den anderen Verantwortlichen die Zeiteninsel als außerschulischen Lernort etablieren. Bei Lehrern kommt das Angebot schon gut an. Auch weiter entfernte Schulen fragen an, wollen die Zeiteninsel besuchen. Und die Mädchen und Jungen sind begeistert. „Die Kinder sind sehr motiviert“, sagt Fräßdorf über das Anbau-Projekt. Und neugierig seien sie auch. „Sie fragen, ob die Menschen damals in Höhlen lebten, ob sie Haustiere hatten und wie sie kochten.“ Und sie wollen wissen, was die Kinder damals den ganzen Tag lang machten. Vielleicht mussten sie ja beim Ackerbau helfen.

von Dominic Heitz

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