Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Niederweimar hat neues Ärztehaus
Landkreis Südkreis Niederweimar hat neues Ärztehaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 29.12.2018
Dr. Timo Schneider und Marc Naumann haben seit 2013 eine Gemeinschaftspraxis in Niederweimar – seit 1. Dezember an der Ecke Herborner Straße/Huteweg. Quelle: Marcello Di Cicco
Niederweimar

Genügend Parkmöglichkeiten direkt neben dem Haus, ein heller Eingangsbereich und reichlich Platz für die tägliche Arbeit mit Patienten: Die neuen Räumlichkeiten ihrer Gemeinschaftspraxis lassen für Dr. Timo Schneider und Marc Naumann kaum etwas zu wünschen übrig. „Bilder müssen wir noch aufhängen“, stellt der 39-jährige Naumann, Facharzt für Innere Medizin, fest, der mit seinen Kollegen gerade einen Umzug hinter sich hat – wenn auch nur über einige Hundert Meter Entfernung.

Im Januar 2013 übernahmen beide im Ort die Praxis von Dr. Joachim Lehmann. „Das war eine Einzelpraxis mit vier Behandlungsräumen. Sie war super, wurde aber über die Jahre zu klein“, erzählt der 43-jährige Schneider, der Facharzt für Allgemeinmedizin ist. Da ein Kauf des ehemaligen Praxis-
Gebäudes und damit eine ­Erweiterung der Fläche, etwa durch einen Anbau, nicht möglich gewesen sei und weil schon zu Beginn der Praxis-Übernahme die Patientenzahl um 25 Prozent nach oben geschnellt war, schauten sich beide nach etwas Neuem um – und dies erwies sich als gar nicht so leicht, denn: „Niederweimar boomt gefühlt“, sagt Naumann, der gebürtig aus Oberrosphe stammt und in Wetter wohnt. „Aber es gibt wenig Gewerbefläche, fast gar keine.“

Praxis ist doppelt so groß wie vorher

2014 ergab sich schließlich die Möglichkeit, ein zentral gelegenes Grundstück zu bekommen: an der Ecke Herborner Straße/Huteweg, wo zuvor das ehemalige Streusalzlager der Gemeinde Weimar und zuletzt eine alte Scheune stand. Unter Berücksichtigung auf das Gesamtbild des alten Dorfes wurde der Neubau angepasst und schließlich umgesetzt. Im November 2017 war Baubeginn, seit dem 1. Dezember läuft der Praxis-Betrieb im neuen Ärztehaus, in dem weitere Räumlichkeiten an eine­ psychotherapeutische Praxis und eine Rechtsanwältin vermietet sind – und in der es zwei Eigentumswohnungen gibt.

„Man hätte das Bauprojekt auch an einen Investor geben können. Aber dann hat man es nicht in eigener Hand, Entscheidungen zu treffen“, begründet Naumann. „Es war aber nicht die treibende Feder, in irgendeiner Form zu investieren. Wir brauchten Platz, um ordentlich weiterzuarbeiten“, ergänzen­ sich die Ärzte, die beide die Martin-Luther-Schule in Marburg besuchten, sich aber erst später im Krankenhaus in Korbach kennenlernten, als sie auf derselben Station arbeiteten.

Die Fläche der neuen Praxis, die sich über das gesamte, barrierefrei zu erreichende Erdgeschoss erstreckt, ist (inklusive­ Büro) exakt doppelt so groß wie die vorherige – und dies sei auch nötig, um vernünftig arbeiten zu können. „Früher stand die IT neben dem Wasserkocher, es gab keinen abschließbaren Raum, in den man sich zurückziehen konnte. Es war ­alles sehr gedrängt“, veranschaulicht Schneider – zumal es im Vergleich zum Vorgänger auch mehr Mitarbeiter gibt.

Dr. Elisabeth Henninghausen, Fachärztin für Innere Medizin, und Weiterbildungsassistentin Katja Schultheis gehören noch zum Ärzteteam. Daniel Berg, Facharzt für Allgemeinmedizin, scheidet zum Jahresende aus. Neben der Praxis in Niederweimar gibt es noch eine Praxis in Marburg.

Vertrauensverhältnis zu den Patienten bindet

Für die jungen Ärzte stand schon vor ihrer Zeit in Niederweimar fest, dass sie aufs Land wollten – ursprünglich nach Wetter. „Dort haben wir uns aber nicht mit dem Besitzer einigen können“, erzählt Naumann, der die Entscheidung, sich als Hausarzt in der Südkreis-Gemeinde niederzulassen, nie bereut hat, denn: „Wenn man einmal einen Sitz hat, dann geht man nicht mehr weg. Man hat seine Patienten, mit denen man ein wunderbares Miteinander­ pflegt und sehr viel zurückbekommt“, sagt der 39-Jährige.  Schneider ergänzt: „Man ist vielmehr an seine Patienten gebunden. Die Arbeit als Hausarzt hat eine familienmedizinische Komponente“, vergleicht es Schneider etwa mit einem Job im Krankenhaus, in dem eher spezifische (Einzel-)Fälle abgearbeitet würden.

Abgesehen davon, dass der Umzug in eine andere Ortschaft eine Genehmigung der Kassen­ärztlichen Vereinigung (KV) Hessen bedurft hätte, nennt Schneider einen wirtschaftlichen Faktor, dort zu bleiben, wo man gerade praktiziert, denn: „Wenn man woanders hingeht, kommen die Patienten nicht mit“, weiß der 43-Jährige.

Obwohl beide Feuer und Flamme für ihre Tätigkeit als Hausarzt sind, gebe es – ähnlich wie bei anderen Selbstständigen – Hindernisse in der Ausübung der täglichen Arbeit. Ein Beispiel: die neue Datenschutzgrundverordnung. „Ich verstehe den Sinn dahinter. Es macht unsere Arbeit aber nicht einfacher – und das, obwohl wir ja schon vorher ein Arztgeheimnis hatten und extrem auf Daten aufgepasst haben.“ Auch vorgeschriebene Qualitätssicherungsmaßnahmen seien wichtig. „Sehr häufig stehen wir uns diesbezüglich aber selbst im Weg.“ Diese Komplexität und die Bürokratie im Allgemeinen schreckten häufig ab.
Schaffung von Infrastuktur wichtig gegen Ärztemangel

Den Königsweg, wie dem Ärztemangel im ländlichen Raum entgegengewirkt werden kann, können auch die Niederweimarer Mediziner nicht aufzeigen. Doch sie haben eine klare Meinung, was für die Entscheidung, aufs Land zu gehen, nicht ausschlaggebend ist: der finanzielle Anreiz. „Allgemeinmediziner bekommt man nicht mit Geld. Für sie sind andere Dinge wichtig“, sagt Naumann – und Schneider ergänzt: „Früher wurde nur gearbeitet. Heute denkt man an die Familie, an die Kinder. Für sie müssen etwa Schulen und Sportangebote vorhanden sein.“ Die Schaffung von
Infrastruktur für die Verbesserung der Lebensqualität sei auch für die Ausübung des Hausarztberufs ganz entscheidend, sind sich beide einig.

von Marcello Di Cicco