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„Geschwätz gehört zur Gastwirtschaft“

Jubiläum in Dreihausen „Geschwätz gehört zur Gastwirtschaft“

Die Gaststätte „Zur Linde“ ist aus Dreihausen nicht mehr wegzudenken, und das seit 150 Jahren. Seit Generationen ist das schmucke Fachwerkhaus an der Hauptstraße Anlaufpunkt im Dorf, ob zum Feierabendbier oder zu festlichen Anlässen. Das wird am 31. Mai ab 12 Uhr groß gefeiert.

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Die Gastwirtsfamilie Kurt und Margret Peil und Sohn Philipp führen gemeinsam die Gaststätte und gelten als feste Institution in Dreihausen.

Quelle: Ina Tannert

Dreihausen. das Ehepaar Kurt und Margret Peil und mittlerweile auch Sohn Philipp führen die „Linde“ seit Jahren. Und in all der Zeit haben sie viel erlebt und vor allem gehört. Denn traditionell ist der Dorfwirt der Ansprechpartner für nahezu alles, ob Neuigkeiten, das aktuelle Tagesgeschehen oder für die Sorgen der Bevölkerung. Das ging auch den Peils immer schon so. „Was haben die Stammgäste uns schon viel erzählt – darüber könnten wir ganze Bücher schreiben“, erzählt Margret Peil mit einem Lachen.

Kummer im Privatleben, im Beruf oder Streitereien mit anderen Bewohnern und natürlich Geschwätz, ganz wichtig. „Es wird immer auch viel Blödsinn geredet, aber Geschwätz gehört eben in eine Gastwirtschaft – so offen wie hier, kann man sonst nicht reden“, sagt Kurt Peil. Beim Wirt des Vertrauens lassen sich alle Sorgen und Nöte abladen, heikle Details werden nicht verraten, auch das ist ­Ehrensache.

So sah die heutige „Linde“ in den 1920er- oder 30er-Jahren aus. Ihre Geschichte hat der Wirt akribisch dokumentiert.

Eine enge, herzliche Beziehung zu ihren Gästen war der Familie in all den Jahren besonders wichtig. Da wird auch mal dem Gast zuliebe ein Ruhetag verschoben oder die Kinder der Besucher mit an den eigenen Mittagstisch gesetzt. „Das ist bei uns ganz zwanglos, Gäste sind für uns Familie und die Leute kommen, weil sie sich gut aufgehoben fühlen“, sagt der 68-Jährige. Und die sind immer willkommen, zu jeder Gelegenheit. Zwischen zwei Bieren wurden da einem Gast auch schon die Haare im Hof geschnitten, „mit der alten Gartenschere“, erzählt seine Ehefrau amüsiert eine von zahlreichen Anekdoten.

„Zur Linde“ heißt die Gaststätte dabei erst seit rund 30 Jahren. Wie das so üblich ist in einer traditionellen Kneipe, entstand die Idee für den neuen Namen beim Schwatz mit den Gästen. Ein neues Schild sollte her, die Linden rund um das Gebäude sind kaum zu übersehen. Schnell wurde so ein neuer Name geboren. Zuvor trug die Gastwirtschaft einfach den Namen des Vorbesitzers, Konrad Mengel, der Großvater von Kurt Peil. Der Enkel übernahm den Betrieb vor rund 40 Jahren vom ­Vater.

„Die Leute sind nicht mehr so lustig wie früher“

Deutlich früher liegt der Ursprung der Kneipe. Offiziell erwähnt wird sie urkundlich bereits am 4. März 1868, gegründet wurde sie wohl schon vorher. Das früheste Dokument ist ein Erlaubnisschein von Christina Bender, die eine Verlängerung der Konzession beantragte. Bis heute darf ausgeschenkt werden, aber nur Getränke, Essen gibt es nicht. In den 1970er- und 80er-Jahren folgten einige­ Umbauarbeiten, es entstand ein Anbau und damit ein zweiter Gastraum. Die wohl größte Baumaßnahme musste zwangsläufig 2011 nach einem nächtlichen Brand folgen. Damals stand der halbe Hof und eine­ Seite des Fachwerkhauses in Flammen. Der Grund war Brandstiftung. Der Schock darüber ist der ganzen Familie heute noch anzumerken. Sie mussten eine Fachwerk-Front komplett erneuern lassen.

Wohl am meisten verändert haben sich innerhalb der letzten Jahrzehnte die Besucherzahlen. War die Kneipe früher noch wichtiger Anlaufpunkt im Ort und steter Treffpunkt unter Nachbarn, hat sich das geändert. „Damals saß hier alles voll, vor allem am Samstag war die Hölle los, heute geht keiner mehr weg, die Leute sind nicht mehr so lustig wie früher“, beschreibt Margret Peil die Entwicklung. Bis auf Montag öffnet die Familie immer noch täglich die Gaststube, doch sitzen sie mittlerweile häufiger alleine im Schankraum oder auf dem Hof. „Das ist schon auffällig, gerade in den letzten fünf Jahren hat sich die Gästezahl halbiert“, schätzt Kurt Peil.

Sohn will die Gaststätte im Nebenerwerb fortführen

Die Stammkundschaft besteht heute mehr aus Vereinsgemeinschaften. Für den TSV und den VFL aus Dreihausen sowie den Brieftaubenverein ist die Linde zugleich auch Vereinsheim. Auch andere Vereine treffen sich dort regelmäßig, wenn auch nicht mehr täglich. Wirtschaftlich ist das nicht, die Gaststätte wird längst nur noch im Nebenerwerb betrieben und ist „ein teures Hobby – wenn ich sie nicht mit im privaten Haus hätte, wäre sie schon geschlossen“, sagt der 68-Jährige.

Der Betrieb wurde über Generationen hinweg an Söhne oder eingeheiratete Schwiegersöhne weitergegeben – und das bis heute. Denn Philipp Peil hat fest vor, die Gaststube weiterzuführen, hat den Betrieb vor zwei Jahren offiziell übernommen. Heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr, aber für den 30 Jahre alten Nachwuchs-Wirt „eine feste Tradition, ich bin hier aufgewachsen und hab das schon im Blut“, sagt er lachend. Im wahren Beruf ist er Fachkraft für Trinkwasserversorgung – nach Feierabend steht er hinter der Theke und zapft Bier für die Gäste.

„Es ist stressig, aber ich werde das nicht aufgeben“. Und der junge Wirt hat Pläne für die Zukunft. So will er etwa die ­nahe Scheune stärker als Eventbereich nutzen, plant Glühwein- und Cocktailabende. „Das macht mir Spaß, solange noch ein paar Leute kommen, bleibt das hier erhalten“, sagt er.

Anlässlich des 150-jährigen Bestehens will die IHK der ­Familie am 30. Mai eine Jubiläumsurkunde überreichen. Am 31. Mai ab 12 Uhr steht ein großes Jubiläumsfest an. Für Musik sorgen die Rosshäuser.     

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