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Südkreis Ganz schön wild, dieses Café
Landkreis Südkreis Ganz schön wild, dieses Café
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16:55 31.05.2017
Vom kleinen Singvogel bis hin zu mächtigen Raubvögeln können Besucher im Wildcafé in Allna die Vielfalt der Vogelwelt kennenlernen. Quelle: Nadine Weigel
Allna

Wer hat dem Rehbock bloß diesen Fellbezug über die Stangen gestreift? „Das gibt’s tatsächlich in der Natur, das wächst so“, sagt Marita Markus und schaut sich den ausgestopften Kopf eines Rehbocks an, der im Wildcafé auf dem Falkenhof in Allna an der Wand hängt. Er trägt ein so genanntes Perückengeweih (Foto: Weigel), ein flauschig ummanteltes Etwas, das nur noch entfernt an das erinnert, was man gemeinhin unter Geweih versteht.

„Das sehen die Rehe wahrscheinlich auch so, Böcke mit solchem Fell an den Stangen kommen in der Damenwelt des Waldes schlecht an“, sagt Marita Markus und berichtet, dass es sich um ein krankes Tier gehandelt habe. Genetisch bedingt oder aufgrund von Hormonstörungen könnten sich solche Perückengeweihe bilden, erklärt die naturkundige 58-Jährige, die sich von jeher für Wildtiere begeistert und seit dem vergangenen Jahr auch ausgebildete Falknerin ist.
Der Rehbock ist eine der Kuriositäten in der Schau von Marita Markus. Das Präparat hat ihr ein Jäger aus Bischoffen zur Verfügung gestellt. In den vergangenen Jahren hat die 58-Jährige für das Wildcafé eifrig Tierpräparate zusammengetragen.

Seeadler ist der größte Vogel der Schau

„Die habe ich alle geschenkt bekommen, als Spende oder aus Haushaltsauflösungen, wenn die Leute nicht wussten, wo sie mit den alten Präparaten hinsollten.“ Ausgestopfte Tiere dürfe man nicht einfach so besitzen, sagt die Café-Betreiberin, man brauche eine behördliche Genehmigung. In ihrem Fall sei entscheidend, dass sie die Präparate als Anschauungsmaterial bereitstellt. Regelmäßig sind Grundschulen, Kindergärten und andere Besuchergruppen zu Gast.

Faktencheck

Die Konservation von toten Tieren ist gesetzlich geregelt. Der Einsatz von Tierpräparaten zu Ausstellungszwecken ist ausschließlich Forschungs- und Lehreinrichtungen in Absprache mit den Artenschutzbehörden vorbehalten, schreibt der Gesetzgeber vor. Verendete Wildtiere der Natur zu entnehmen,  ist verboten. Über Ausnahmen, beispielsweise wenn es um Forschungszwecke geht, entscheidet die Untere Jagdbehörde. Bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises gehen jährlich etwa fünf bis zehn Anträge zur Präparation von Tieren ein. Der Jagdbehörde sind aus den vergangenen Jahren keine derartigen Anträge bekannt, teilte die Pressestelle des Kreises auf OP-Anfrage mit. Der Verkauf von Tierpräparaten wird in den Präparationsgenehmigungen meist ausgeschlossen. Der Gesetzgeber will einen freien Handel für Tierpräparate unterbinden. Denn das Artenschutzrecht soll eine „kommerziell motivierte Ausräuberung“ der natürlichen Lebensräume verhindern.

„Ich erzähle dann etwas über die Tiere und die Natur, anschließend bekommen alle kostenlos einen Kakao.“ Marita Markus findet diese Arbeit wichtig. „Viele Kinder gehen heutzutage gar nicht mehr in den Wald, sie kennen die Tiere nicht, interessieren sich nur noch für den Computer. Die meisten Besucher hier, auch Erwachsene, haben viele dieser Tiere, zum Beispiel den Dachs, noch nie in freier Wildbahn gesehen.“

Die zwei großen Vitrinen mit den Tierpräparaten nehmen die Seitenwände des ehemaligen Kuhstalls auf dem Falkenhof fast vollständig ein. Ein Prachtstück der Sammlung ist ein Uhu-Weibchen mit der beeindruckenden Körpergröße von fast 80 Zentimetern.

Der Seeadler ist mit rund einem Meter Körpergröße der gewaltigste Vogel der Schau. Ihm gegenüber sitzt ein nur wenig kleinerer Steinadler. Vom Iltis über zwei kräftige Dachse bis zum Wiesel ist die Palette
der heimischen Marder komplett. Ein zartes Rehkitz gehört ebenfalls zur Sammlung.

Einer der Höhepunkte der Schau für die Kinder ist das Präparat eines „Wolpertingers“. Der Fabel- und Fantasiewelt entsprungen, stellt sich dieses Mischwesen stets anders dar – das Exemplar im Wildcafé in Allna hat den Körper eines Eichhörnchens, dazu Flügel, kleine Hörner und die Krallen eines Vogels. „Das kommt bei den Kindern immer gut an“, sagt Marita Markus und schmunzelt.

  • Das Wildcafé mit Naturkundeausstellung hat einmal in der Woche geöffnet, immer sonntags von 13.30 bis 17.30 Uhr. Zusätzlich bietet Betreiberin Marita Markus nach vorheriger Absprache Besichtigungstermine für Gruppen an. Kontakt unter Mobiltelefon 01 71 / 5 28 72 15.

von Carina Becker-Werner