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Südkreis Freie Bahn zu den Laichplätzen
Landkreis Südkreis Freie Bahn zu den Laichplätzen
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00:15 30.11.2013
Ein großer Auflauf an Politikern und Experten an einem kleinen Bach. In der Ohe sollen sich Bachneunauge und Mühlkoppe wieder ungehindert vermehren können. Quelle: Götz Schaub
Nesselbrunn

Die, die eigentlich zu danken hätten, glänzen mit Abwesenheit. Ein echter Affront. Und dafür machen sich Regierungspräsident Lars Witteck und Landrat Robert Fischbach auch noch ordentlich ihre Schuhe dreckig.

Ach was, da stehen die beiden Männer doch locker drüber. Sie sind keineswegs beleidigt, dass sich weder eine Mühlkoppe noch ein Bachneunauge im Gewässer unter einer matschigen Feldweg-Brücke abseits der L 3387 bei Nesselbrunn sehen lässt.

Viel mehr freuen sie sich, dass ihre Fachbehörden, die Gemeinde Weimar und die Stadt Gladenbach, Naturschutzverbände, Ortslandwirte und letztendlich Eigentümer angrenzender Grundstücke unter der Federführung der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Marburg so reibungslos erfolgreich zusammengearbeitet haben, um den Bach Ohe für oben genannte Wasser-Lebewesen wieder lebenswert zu machen.

Dabei ging es vornehmlich um die Beseitigung von unnatürlichen Hindernissen, um den kleinen Bachbewohnern wieder das Laichen im gewohnten Gewässer zu ermöglichen. Und wenn schon so viele Fachbehörden und Experten so gut zusammenarbeiten, „ohne eifersüchtig auf die Zuständigkeiten zu achten“, wie es Witteck ausdrückte, dann können die Chefs des Regierungspräsidiums und der Kreisbehörde zusammen mit Marburgs Bürgermeister Dr. Franz Kahle auch gerne mal schauen, was da rausgekommen ist.

Auch Weimars Bürgermeister Peter Eidam wie auch Gladenbachs Bauamtsleiter Ulrich Weber und auch Nesselbrunns Ortsvorsteher Werner Merte bekundeten großes Interesse an dem Projekt durch ihre Anwesenheit. Fischbach war es ein Anliegen, aufzuzeigen, dass nach großen Eingriffen in die Natur, etwa durch den Straßenbau, auch sehr viel getan werde, der Natur an anderer Stelle wieder zu helfen. Und ohne die Hilfe der Menschen wäre es für die kleinen Bachbewohner völlig unmöglich geblieben, zu den guten Laichplätzen zu wandern. Die unüberwindlichen Hindernisse bestanden nun schon einige Jahre. Dr. Franz Kahle führt aus: „Bei den beseitigten Hindernissen handelt es sich um kleine Wehre, die das Wasser stauten, damit Landwirte es in ihre Wiesen leiten konnten. In Zeiten in denen es noch keine mineralischen Dünger gab, war das eine Methode, die Flächen mit Nährstoffen zu versorgen.“ Barbara Zimmermann von der unteren Naturschutzbehörde der Stadt Marburg hatte auch allen Grund zur Freude. Sie koordinierte das Projekt mit allen Beteiligten und machte nur positive Erfahrungen.

Die Ohe mag nur ein kleiner Bach sein, doch schlängelt er sich durch einige Kommunen des Landkreises und sorgt somit dafür, dass sich auch viele Menschen mit ihm beschäftigen müssen.

Aus Dautphetal kommend passiert er das Hoheitsgebiet der Stadt Gladenbach und der Gemeinde Weimar, ehe er beim Marburger Stadtteil Hermershausen in die Allna fließt. Typische Bachbewohner wie Mühlkoppen und Bachneunaugen genießen mittlerweile Schutzrechte, weil ihr Lebensraum sehr begrenzt ist. Beide Arten brauchen für ihre Fortpflanzung sandige und kiesige Flachwasserbereiche mit sauberem und sauerstoffreichem Wasser.

Finanziert wird das Projekt zu hundert Prozent vom Land Hessen. Kahle merkte an, dass wetterbedingt erst vier von sechs gezielten Hindernis-Beseitigungsarbeiten abgeschlossen werden konnten. Er sei aber zuversichtlich, dass die Tiere im nächsten Frühjahr freie Bahn zu ihren Laichplätzen haben werden.

von Götz Schaub

Hintergrund

Bachneunaugen sind keine Fische, erläutert Barbara Zimmermann Sie gehören zu den so genannten Rundmäulern. Aus den Eiern dieser Tiere schlüpfen nicht Jungfische, sondern Larven. Und diese Larven benötigen drei bis sechs Jahre für ihre Weiterentwicklung. „In diesem langen Zeitraum leben sie eingegraben im feinsandigen Untergrund der Oberläufe von Bächen“, so Zimmermann. Wenn dann aus den Larven die erwachsenen Neunaugen werden, leben sie weiter bachabwärts. Sie nehmen keine Nahrung mehr zu sich, sondern leben nur noch für ihre einmalige Fortpflanzung. Wenige Woche nach dem Laichen sterben die Tiere.