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Frauenrechtlerin im Einsatz an der Basis

Niederwalgern Frauenrechtlerin im Einsatz an der Basis

Seit 27 Jahren ist Inge Ruge für Frauen in schwierigen Lebenslagen da. Und fast ebenso lange setzt sie sich für mädchengerechte Jugendhilfe im Landkreis ein. Dafür erhält sie am Mittwoch die Bundesverdienstmedaille.

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Inge Ruge lehnt in der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen“ an einem Regal, auf dem hölzerne Frauen- und Mädchenfiguren einander gegenüberstehen. Von Angesicht zu Angesicht funktioniert auch Ruges Arbeit für die Rechte der Frauen.

Quelle: Tobias Hirsch

Niederwalgern. Mit dem Gedanken, eine „so traditionelle Würdigung“ zu erhalten, musste sich Inge Ruge aus Niederwalgern zunächst einmal anfreunden. „Ich war sehr überrascht, als ich erfuhr, dass ich die Verdienstmedaille bekommen soll“, erzählt die 61-jährige Diplom-Psychologin und druckst ein wenig herum. „Früher war das doch eher eine Auszeichnung, die vorwiegend ältere Männer bekamen“, sagt sie schließlich lachend und bekennt: „Ich finde, es ist eine wunderbare Würdigung. Es berührt mich, dass auf diese Weise mehr über unsere autonome Arbeit gesprochen wird in der Öffentlichkeit.“

Inge Ruges Arbeit wirkt an der Basis. Die Diplom-Psychologin, die seit 1984 für den Marburger Verein Frauen helfen Frauen tätig ist, hilft im Verborgenen, dort, wo Unterstützung mitunter am nötigsten gebraucht wird – so im Marburger Frauenhaus und in der Beratungsstelle für Frauen. Die 61-Jährige, die selbst Ehefrau und Mutter zweier inzwischen erwachsener Töchter ist, berät und begleitet Frauen psychologisch und unterstützt sie in der Alltagsbewältigung – wenn sie in ihrer Beziehung Gewalt erlebt haben, wenn sie fliehen mussten und ohne Zuhause und Arbeit sind. Für die zeitweise bis zu 20 Frauen und Kinder im Marburger Frauenhaus ist Inge Ruge gemeinsam mit sechs Kolleginnen da. Sie berät aber auch in der Geschäftsstelle des Vereins im Ortenberghaus, „etwa bei Konflikten in der Partnerschaft“, erklärt Ruge.

Problemsituationen analysieren und Fachveranstaltungen organisieren, einen Boden schaffen für geschlechterspezifisches Handeln in der Jugendhilfe – das sind Aufgaben, denen sich Inge Ruge seit zwei Jahrzehnten im Arbeitskreis mädchengerechte Jugendhilfe im Landkreis Marburg-Biedenkopf zuwendet.

Inge Ruge ist davon überzeugt, dass sich in der Gesellschaft zugunsten von Frauen und Mädchen noch viel verändern muss – beispielsweise was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht: „Familie und Erziehung, das muss partnerschaftlich von Frauen und Männern gemacht werden können, und dafür müssen auch die Voraussetzungen da sein.“

Doch Ruge blickt auch dankbar zurück und zieht heute, wo sie sich selbst langsam aus dem Beruf zurückziehen will, eine positive Bilanz „einer Entwicklung, die ich in der Frauenarbeit begleiten durfte“. Als wichtigen Schritt nach vorn erlebte sie 1999 den Aktionsplan zur Bekämpfung der Benachteiligung von Mädchen und Frauen. „Die Frauenbewegung allein hat es nicht geschafft, maßgebliche Veränderungen herbeizuführen“, sagte Ruge und betont: „Heute muss die Polizei einschreiten bei häuslicher Gewalt gegen Frauen – das ist kein Kavaliersdelikt mehr.“

Für die Interessen und Rechte von Frauen, für die Frauenhilfe und auch für die Mädchenpolitik setzt sich die Psychologin auch auf Landesebene ein – so kam es auch, dass die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik sie für die Verdienstmedaille vorschlug.

Privat legte die heute 61-Jährigen stets großen Wert darauf, Zeit für Familie und Beruf zu haben. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt sie, „ein warmes Nest für uns zu bauen und Freunde ins Familienleben einzubinden, das war für mich immer wichtig“. In Haus und Garten findet Inge Ruge Ruhe und Kraft. Sie baut Gemüse an, kocht und backt gern. Und sie geht auf Reisen. „Ich bin schon viel herumgekommen in der Welt“, sagt sie und spricht über ihre Vorliebe für Urlaub in Europa, auf Föhr und auch in Hessen. „Dieses Hügelige und Grüne hier, das hat etwas so Liebliches“, schwärmt sie.

von Carina Becker

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