Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
"Die Fliege von der Lahn" und die Katzen

Wolfgang Penzler "Die Fliege von der Lahn" und die Katzen

Früher ließ Fliegengewichts-Boxer Wolfgang Penzler im Ring die Fäuste fliegen – heute krault er Katzen und kämpft für den Tierschutz.

Voriger Artikel
Angst vor mehr Lkw in Weimar
Nächster Artikel
„Geschwätz gehört zur Gastwirtschaft“

Ein letztes Mal hat er die alten Boxhandschuhe angelegt – heute kämpft Boxlegende Wolfgang Penzler nicht gegen Konkurrenten, sondern im Namen der Tiere.

Quelle: Ina Tannert

Wenkbach. Es herrscht Ordnung in der Wohnung von Boxlegende Wolfgang Penzler. Fein säuberlich aufgereiht hängen bunte Plakate an den Wänden, Fotos, vergilbte Presseberichte, Ankündigungen von Wettkämpfen aus den 1970er-Jahren. Es sind Überreste einer erfolgreichen Boxkarriere vom wohlbekanntesten Boxer der Region.

Wolfgang Penzler aus Wenkbach, heute 74 Jahre alt, ist ein alter Kämpe, zählte jahrelang zu den Größen in vielen deutschen und ausländischen Boxringen. Bis heute trägt er gerne einen legeren Trainingsanzug. Boxhandschuhe und Boxermantel hängen längst in einer Vitrine, neben dutzenden Pokalen im „Pokal- Raum“ im Keller.

Es sind Erinnerungen an einen aufregenden Lebensabschnitt, der schon vor Jahren endete. Neben dem abgewetzten, ledernen Boxsack steht ein Aktenschrank. Darin Dutzende Ordner, die akribisch sein Leben dokumentieren. Jahrzehnte seiner Boxkarriere hat er festgehalten, seine Gedanken aufgeschrieben, alles aufgehoben.

300 Kämpfe als Fliegengewicht

Unruhig blättert der Rentner in den Akten, immer wieder holt er einen neuen Ordner aus einem schier unerschöpflichen Vorrat hervor. Doch ein großer Teil handelt überhaupt nicht vom Boxsport, sondern thematisiert den Tierschutz. Der ist Penzler heute mit das Wichtigste im Leben. Zwischen alten Schwarz-Weiß-Bildern einer jungen, athletischen Boxlegende, hängen noch ganz andere Bilder in der Wohnung.

Fotos von Hund „Boomie“ und vielen Katzen. Seine Lieblinge, an die erinnert sich der alte Kämper besonders gerne. Seine Liebe zu Tieren entdeckte er dabei erst lange nach seiner Boxkarriere. Und die begann schon im zarten Alter von 12 Jahren beim Marburger Boxverein, nachdem ihn ein Kumpel spontan mal mit zum Training genommen hatte. „Die ersten Kämpfe habe ich gewonnen und bin geblieben – das Faszinierende war für mich immer der Kampf Mann gegen Mann“, schwärmt der gebürtige Marbacher.

Eine Autogrammkarte von Wolfgang Penzler. Foto: Ina Tannert

Von Marburg wechselte er nach Frankfurt, bei der Bundeswehr wurde sein Talent im Militärboxen weiter gefördert. Zeitlebens trat der 1,63 Meter große Mann mit einem Kampfgewicht von rund 51 Kilo als Fliegengewicht an. Es folgten mehr als 300 Kämpfe für die „Fliege von der Lahn“, die sich „rund um den Erdball“ boxte, erzählt Penzler.

Und eine Boxkarriere, die 1974 mit der Bronzemedaille bei der Militär-Boxweltmeisterschaft und dem Deutschen Meistertitel ein Jahr später einen Höhepunkt erreichte. Zu alledem kann sich Penzler auch noch vier Vizemeisterschaften, 18 Hessenmeister-Titel, 25 Kämpfe für die Nationalmannschaft sowie vier Teilnahmen an der Militär-WM auf die Fahne schreiben.

Sein wohl schärfster Konkurrent war Ex-Europameister Hans Freistadt. Der sogenannte „Fight der Fliegen“ in den 1970er-Jahren zählt zu den Höhepunkten der deutschen Meisterschaften der Amateurboxer.

Der Boxkonkurrent Freistadt und gleichzeitige Freund begleitet ihn schon lange. Bei Kämpfen unterlag Penzler, wenn auch nur knapp. Beide waren sich „immer recht ähnlich, aber an ihm bin ich immer gescheitert – er war einfach ein kleines Quäntchen besser als ich“.

Eine Wand voller Erinnerungen: Wolfgang Penzler hat die Poster, Ankündigungen und Eintrittskarten aus der Zeit seiner erfolgreichen Boxkarriere fein säuberlich aufgehängt. Foto: Ina Tannert

Mit Erreichen der Altersgrenze von 37 Jahren war es aus mit dem Boxsport, den er als deutscher Ranglisten-Zweiter verließ. „Ich wollte nicht, aber ich musste – zum Glück, muss ich heute sagen, es ist nicht gerade der gesündeste Sport“. Er sattelte beruflich um, ließ sich zum Masseur und medizinischen Bademeister ausbilden.

Seine sportliche Begeisterung richtete sich auf die erfolgreiche BMX-Sport-Karriere seines Sohnes Wolfgang, erzählt er begeistert. Der Stolz des Vater ist ihm anzumerken. Doch Penzlers wohl größte Begeisterung und gleichzeitiges Entsetzen weckte der Tierschutz und ein Tag im Mai 2006, der sein ganzes Leben umkrempelte.

Da nahm er spontan an einer Demonstration gegen das Schächten, also das rituelle, betäubungslose Töten von Tieren, teil. Er informierte sich näher über das Thema, den Tierschutz generell und sah bei einer rituellen Schlachtung zu. „Das hat mein Leben verändert, es war die Hölle auf Erden“, sagt der 74-Jährige erbost, den es heute noch bei der Erinnerung schüttelt. Dieser Ärger geht weit über jenen hinaus, den er bei diesem oder jenem verpatzten oder ungerecht bewerteten Kampf verspürte.

Er wurde Vegetarier, trat aus der Kirche aus und bei der Tierschutzpartei ein. Seitdem engagiert er sich für die Rechte von Tieren, kämpfte anfangs gegen die Genehmigung von Schächten in Deutschland.

Darüber regte er sich auch in der Öffentlichkeit lautstark auf, was ihm mitunter Rassismusvorwürfe einbrachte. Die weist er zurück. „Das hat nichts mit Ausländerhass zu tun, es ist egal, ob das ein Deutscher oder ein Ausländer macht – es ist dieselbe Sauerei“, sagt er.

Fast täglich ist Wolfgang Penzler im Tierheim als "Katzenschmuser". Foto: Ina Tannert

Bis heute ist Penzler bei der Tierrechtsorganisation Peta aktiv, konzentriert sich mittlerweile auf Zirkustiere und kämpft unter anderem für ein Verbot von Wildtieren in der Manege. „Die Tiere können sich nicht wehren, da muss der Mensch was machen“, lautet sein Credo. Wenn er für die Organisation nicht durch die Lande zieht, ist der Ex-Boxer fast täglich im Tierheim Cappel anzutreffen. Dort ist er offiziell als „Katzenschmuser“ unterwegs.

In seiner Arbeit mit und für Tiere sieht er eine „große Erfüllung“, die ihm der Boxsport nie geben konnte. „Den Tieren zu helfen ist das Beste, was ich je gemacht habe. Etwas mit Sinn und Zweck, das mich voll und ganz ausfüllt“, sagt er bestimmt. Einmal zieht er sie aber noch über, die alten, abgewetzten Boxhandschuhe.

Die von früher, aus braunem Leder mit Schnüren – heute haben die ja alle Klettverschluss, erzählt er noch und staunt über sich selber. „Das ich die noch mal tragen werde hätte ich nie gedacht“, sagt er mit einem Grinsen. Einen Tag vor seiner nächsten Deutschlandtour, bevor er die nächste Demo organisiert – für einen weiteren Kampf „nur eben für die Tiere“.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr