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Südkreis Erinnern und dabei Toleranz vermitteln
Landkreis Südkreis Erinnern und dabei Toleranz vermitteln
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06:16 26.04.2012
Das Erinnern an die jüdischen Familien aus Roth, aber auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zählt zu den Zielen des Vereins.
Roth

Der Verein nahm die von noch immer unbekannten Tätern umgeworfenen und beschmierten Grabsteine in Roth zum Anlass, auch die Form seiner eigenen Arbeit ein wenig zu überdenken, sagt Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, die Vorsitzende des Arbeitskreises. „Wir haben überlegt, wie wir diese Thematik noch stärker in unsere Arbeit einbinden können.“

Erstes Ergebnis daraus ist die Auftaktveranstaltung am Donnerstagabend in der Alten Synagoge. Ab 20 Uhr wird der Marburger Professor Benno Hafeneger über Rechtsextremismus am Rand und in der Mitte der Gesellschaft“ sprechen.

Darüber hinaus bietet der Verein ein sehr breit aufgestelltes Programm an. Vieles davon setzt fort, was sich in den Jahren zuvor bewährt hat. Manches ist neu. Jüdische Kultur in allen Facetten spielt nach wie vor die tragende Rolle, nicht zuletzt in der seit Jahren bewährten Arbeit mit Schulkindern oder Jugendgruppen. Neben einem Tanz-Seminar ist dieses Jahr in Dany Bober ein Künstler zu Gast, der sein Konzert mit Anekdoten und Geschichten zu einer umfassenden und kurzweiligen „jüdischen Zeitreise“ auszubauen verspricht.

Der Arbeitskreis will sich künftig aber häufiger auch mit anderen Opfergruppen des Nationalsozialismus beschäftigen. Er erweitert zudem das Netzwerk seiner Kooperationspartner, zum Beispiel um die Marburger Geschichtswerkstatt oder die Awo-Pflegeschule Marburg.

Allen Angeboten ist eines gemeinsam: Sie wollen bewusst verschiedene Zielgruppen ansprechen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene, geschichtlich, politisch Interessierte genauso wie Kultur-Interessierte.

An Gedenkveranstaltungen ist in diesem Jahr neben dem Gedenken zur Pogromnacht und zum 70. Jahrestag der Deportationen nach Theresienstadt auch eine Veranstaltung für die im Jahr 1942 nach Lublin gebrachten Juden geplant. Dies sei zwar ein kleinerer Transport gewesen als zum Beispiel der nach Theresienstadt, sagt Annegret Wenz-Haubfleisch, aber auch aus Fronhausen wurden damals neun Personen deportiert. Um auch hier die Lage der heimischen Juden vor 70 Jahren ein wenig nachvollziehen zu können, soll der Gedenkfeier ein gemeinsamer Fußweg vorausgehen – von dem damaligen Wohnhaus durch das Dorf bis zum Bahnhof. Wichtig ist dem Arbeitskreis, „Nähe“ zu schaffen, Geschichte und Kultur anschaulich zu machen. Zum Beispiel, indem der Verein verstärkt auf regionale Themen setzt – in diesem Jahr etwa mit der in der Gesamtschule Ebsdorfergrund erarbeiteten Ausstellung über Sinti-Kinder in Dreihausen oder dem Schicksal von Euthanasieopfern aus oberhessischen Dörfern.

Dann kann selbst aus einem schlimmen Ereignis wie der Friedhofsschändung ein positiver Prozess entspringen. Die vom Arbeitskreis initiierte Menschenkette bei der Mahnwache am Friedhof in Roth nach der Schändung macht das deutlich. Auch bei den Nachfahren der jüdischen Familien aus Roth in den USA machte dieser symbolische „Circle of protection“ („schützender Kreis“) um den Friedhof durchaus Eindruck, berichtet Wenz-Haubfleisch. Und er führte bei der Begegnung mit Schülern in den USA zu der naheliegenden Frage, wer sich denn auch schon mal einen solchen Schutz (etwa gegen Hänseleien in der Schule oder bei körperlichen Auseinandersetzungen) gewünscht hätte – und ob Solidarität von anderen da war oder nicht. Eine Frage, die direkt zu dem zurück führt, was als Haupthema alle Veranstaltungen des Arbeitskreises verbindet – Werte wie Demokratie, Toleranz und Menschenwürde zu verteidigen und zu stärken.

  • 26. April, 20 Uhr: 41. Rother Synagogengespräch mit Professor Benno Hafeneger: „Rechtsextremismus am Rand und in der Mitte der Gesellschaft“
  • 10. Mai, 20 Uhr: Konzert „Eine jüdische Zeitreise mit Dany Bober „Lied – Geschichte – Jüdischer Humor“
  • 24. Mai, 20 Uhr: Christiane Kohl: „Bilder eines Vaters – Die Kunst, die Nazis und das Geheimnis einer Familie“. Lesung und Zeitzeugengespräch mit Dorothea Wilke
  • 31. Mai, 17 Uhr: Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Deportation nach Lublin 1942, Bahnhof Fronhausen
  • 16. Juni, 15 Uhr: Sanna Maibaum: „David und sein Großvater“, Eine Lesung für Kinder
  • 28. Juni, 20 Uhr: 42. Rother Synagogengespräch: Annamaria Junge (Berlin): „Niemand mehr da – Antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung in Rauischholzhausen 1933-1942“
  • 11. August, 14 Uhr: Meditative, schwungvolle Tänze aus Israel
  • 16. August: Ausstellungseröffnung „Hartli und Schorseli, Theo und Hans – Sinti-Kinder in Dreihausen“ (bis 16. September)
  • 6. September, 17 Uhr: Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Deportation nach Theresienstadt, Bahnhof Niederwalgern
  • 20. September, 20 Uhr: Theater „Der Schlaf der Geige“ über Deportation und Ermordung psychisch Kranker aus oberhessischen Dörfern, zugleich 43. Synagogengespräch mit Dr. Georg Lilienthal (Hadamar): „Euthanasie im Nationalsozialismus“
  • 22. September, 10 Uhr: „Wir entdecken die Rother Synagoge“, Ein Angebot für Kinder von 9 bis 12 Jahren
  • 7. Oktober, 15 Uhr: Herbstkonzert Musikschule Fendel mit Schülern von 4 bis 80 Jahren
  • 8. November, 18 Uhr: Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Marburg, Amnon Orbach

von Michael Agricola

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