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Südkreis Eine Kindheit im Auge des Sturms
Landkreis Südkreis Eine Kindheit im Auge des Sturms
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12:00 13.01.2018
Anna Bender erinnert sich noch genau an die Tage ihrer Kindheit. Quelle: Dominic Heitz
Ebsdorf

Anna Bender war zwölf, als ihr Vater ging. Plötzlich stand sie mit ihrer Mutter und zwei Brüdern allein da – auf einem Bauernhof, der bewirtschaftet werden wollte. Der Knecht zog auch in den Krieg, am selben Tag wie der Vater. Ob sie die beiden jemals wiedersehen würde, wusste Anna Bender an diesem Tag nicht.

Der Hof in der Hippegasse, auf dem Anna Bender aufwuchs, war nicht der einzige Betrieb in Ebsdorf, wo während des Zweiten Weltkrieges Männerhände fehlten. Deshalb mussten die Frauen anpacken. Viele haben als Tagelöhnerinnen auf den Höfen gearbeitet. „Die kamen morgens zu uns, um acht vielleicht. Dann gingen sie zusammen raus aufs Feld. Dort haben sie gehackt, Kartoffeln gelesen oder so was“, erinnert sich Anna Bender.

Einige Familien arbeiteten schon seit Generationen bei den Bauern in Ebsdorf, gehörten gewissermaßen zum erweiterten Familienkreis. „Deren Kinder gingen nach der Schule zu ihren Müttern“, erzählt Bender. Sie aßen auf den Höfen und machten ihre Schulaufgaben. „Die Kinder waren dort versorgt“, sagt die 89-Jährige.

Seife aus Schweineschwarten

Wohl dem, der in den Kriegsjahren einen Hof hatte oder bei einem Landwirt arbeiten konnte. „Zu essen hatten wir immer“, sagt Anna Bender. „Wir waren etwas eingeschränkt und konnten nicht mehr alles kaufen. Kaffee zum Beispiel.“ Deshalb wurde improvisiert. Als Ersatz für Kaffee wurde Gerste auf dem Ofen geröstet. „Und wir haben aus Knochen, Schwarten und Abfällen vom Schlachten Seife gemacht.“

Dass die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region recht produktiv waren, sprach sich rum. Die Menschen kamen, um Lebensmittel zu kaufen – oder zu tauschen. „Sie kamen auf dem Fahrrad aus Marburg und hatten Flaschen dabei, vielleicht zwei. Sie wollten Milch holen, ein paar Kartoffeln und ein Stück Speck.“ Andere kamen mit der Bahn aus dem Siegerland oder Ruhrgebiet. Für etwas Getreide boten sie Nägel, Geschirr oder Töpfe – „Dinge, die eigentlich nicht so leicht aufzutreiben waren.“

In dieser Zeit war es den Landwirten nicht möglich, ihre Erzeugnisse am Markt zu verkaufen. Das Regime der Nationalsozialisten hatte überall seinen Daumen drauf. „Alles wurde gezählt, gewogen und dokumentiert“, erinnert sich Anna Bender. Die Familie bekam eine gewisse Menge Fleisch zugeteilt. Den Rest kaufte der Staat. „Für das Militär oder sonst wen“, sagt Bender.

Und so schlachteten die Bauern heimlich. „Dabei wurde alles abgedunkelt. Das durfte niemand im Dorf wissen.“ Für die Bücher wurde getrickst. „Manches Schwein hatte hinterher zwei Köpfe“, sagt Bender.

Die Kinder in Ebsdorf lebten wie unter einer Glocke – geschützt vor den grauenvollen Ereignissen, die ganz nah um sie herum passierten. Der Völkermord an den Juden, die Bombardierung der Städte und der tausendfache Verlust der Liebsten, all das lag hinter dem Horizont. Nur manchmal erinnerte das Donnern des Krieges Anna Bender daran, dass sie im Auge eines Sturms lebte, der die Welt außerhalb Ebsdorfs in Schutt und Asche legte.

Als die Alliierten am 13. Februar 1945 in Dresden den Feuersturm entfachten, hörte die kleine Anna in der Nacht die Motoren der Bomber. „Die ganze Nacht über war da ein dumpfes Dröhnen. Auch als Kassel bombardiert wurde, war das so.“ Obwohl Kassel fast einhundert Kilometer weit von Ebsdorf entfernt liegt, habe sie den Feuerschein am Himmel gesehen. „Man sah: Da ist jetzt was los“, sagt sie.

Ebsdorf selbst wurde nie gezielt angegriffen. Als die Sicht für alliierte Bomber einmal schlecht war, warfen die Flugzeuge ihre Sprengsätze versehentlich vor dem Dorf ab. „Genau 37 Bomben sind vor Ebsdorf gefallen. Die waren vermutlich für Marburg bestimmt“, sagt die 89-Jährige.

„Da lag ein langer Bombensplitter auf der Treppe direkt vor unserer Tür“, erinnert sich Anna Bender. „Scharf wie ein geschliffenes Messer.“ Der Splitter war quer durch ganz Ebsdorf geflogen. Durch den Druck einer Explosion war zudem eine Sämaschine von einem Hof bis auf den Dachboden des Nachbarhauses geschleudert worden.

Aus Angst vor Tieffliegern in den Dreck geworfen

Flugzeuge kamen nicht immer in Bomberstaffeln. Manchmal waren es auch vereinzelte Jagdflieger, die im Tiefflug über das Land fegten. „Wenn wir auf den Felder waren und ein Tiefflieger kam, haben wir uns immer in die Furchen des Ackers geworfen, um uns zu schützen“, erinnert sich Anna Bender. Ein Mal hatte das Maschinengewehr eines Tieffliegers die Scheune eines Hofes mitten im Dorf in Brand gesetzt. Die Glocken läuteten, die Luft roch nach Rauch und Feuer.

Anna Bender war zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Mutter auf dem Hof in der Hippegasse am Ortsrand. „Da kam Henrich angelaufen, ein Nachbar. Wo brennt es denn, hat meine Mutter ihn gefragt.“ Der Nachbar erzählte, dass die Scheune des Mansfelder Hofes Feuer gefangen hatte. In diesem Augenblick bekam der Mann einen Herzschlag und brach tot auf offener Straße zusammen.

Die Bäuerin, der diese Scheune gehörte, wollte den ganzen Hof abbrennen lassen. „Mir ist wichtiger, dass mein Sohn nach Hause kommt“, habe die Frau gefleht, erinnert sich Anna Bender. „Das Haus blieb aber stehen und der Sohn kam auch wieder“, erzählt sie. Das war auch für sie ein großes Glück.

Denn wie das Schicksal es wollte, sollte Anna Bender später diesen heimgekehrten Sohn der Familie auf dem Mansfelder Hof heiraten – seitdem lebt sie dort, in der Mitte des Dorfes. Die Scheune wurde später wieder aufgebaut und noch heute kann man Einschusslöcher sehen.

Ihre Kindheit sei glücklich gewesen, sagt Anna Bender. „Wir waren behütet in Ebsdorf.“ Wie auch heute noch ging es für die Kinder von morgens bis mittags in die Schule. „Einmal pro Woche hatten die Mädchen nachmittags Handarbeit“, erinnert sie sich. „Ansonsten wurde nach der Schule auf dem Hof mitgearbeitet, je nachdem, was so anfiel.“

Später dann gab es für die Kinder etwas Zeit zum Spielen. „Unter der Linde“ wurden Murmeln geworfen oder mit dem Ball gespielt. „Wenn es fünf Uhr schlug, war gleich alles fort. Da gingen alle Kinder nach Hause und es war Schluss.“
Zu Hause wartete häufig noch Arbeit auf Anna. „Holz reintragen oder Kleinigkeiten erledigen“ musste sie dann noch. Um sechs Uhr wurde gegessen, um acht ging es ins Bett. „Dann war Ruhe, denn um sechs Uhr in der Frühe ging es ja wieder aus den Federn.“

So ruhig es eben zugeht, wenn drei Menschen ihre Betten in einem Raum haben. „Wir haben damals mit drei Generationen in einem Zimmer geschlafen: der Großvater, meine Tante und ich.“ Ein Kinderzimmer gab es nicht. Bis heute sei ihr im Gedächtnis geblieben, wie sich ihr Opa jeden Abend ins Bett legte, sagt Anna Bender.

„Er hat eine Kerze auf dem Nachttisch angezündet. Kuhlicht nannte er das. Dann sprach er sein Gebet. Dieses Gebet spreche ich selbst noch heute.“ Um sechs Uhr am Morgen hieß es wieder raus aus den Federn. Die Kirchenglocke war der Wecker. Dann ging es in den Stall, um das Vieh zu versorgen und die Kühe zu melken. „Das habe ich auch alles mitgemacht“, sagt die 89-Jährige.

Über den Krieg wurde nicht mehr geredet

Eines Tages dann war er plötzlich wieder da. „Ich wusste, dass mein Vater kommt, nur nicht genau wann.“ Und so stand er eines Abends in der Tür. „Das war ein schöner Tag“, sagt Anna Bender. Als erstes habe sich ihr Vater nach der abgebrannten Scheune erkundigt. Die war ihm gleich aufgefallen. Von seinen Erlebnissen als Soldat habe er nichts erzählt.

Über den Krieg wurde – auch nachdem Anna Benders Bruder heimkehrte – nicht mehr gesprochen auf dem Hof in der Hippegasse.

In jener Zeit zogen viele Heimkehrer durch das Gebiet rund um Ebsdorf. Sie mieden die Siedlungen, weil sie dort amerikanische Soldaten vermuteten. Auf den Feldern fragten sie die arbeitenden Frauen nach dem Weg. „Meine Mutter hat uns Brote für die Heimkehrer mitgegeben. Die waren ja tagelang unterwegs und hatten Hunger“, sagt Bender.

An den Tag, an dem der Krieg endgültig vorbei war, erinnert sie sich noch gut. „Ein beherzter Mann ist den Kirchturm hinaufgeklettert und hat eine weiße Fahne rausgehängt.“

von Dominic Heitz