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„Ein herzliches Schalömmsche“

Jüdische Musik „Ein herzliches Schalömmsche“

Intensiv, authentisch und mit einer großen Prise Humor gewürzt: So nahm Dany Bober sein Publikum in der Rother Synagoge mit auf eine Zeitreise durch die jüdische Geschichte.

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Vertonte Psalmen, jiddische Volksweisen und viel Charme: Dany Bober bot abwechslungsreiche Unterhaltung.

Quelle: Andreas Schmidt

Roth. Dany Bober bewies, dass jüdische Musik weit mehr als Klezmer ist und dass jüdische Geschichte nicht automatisch in Betroffenheit münden muss.

„Ich bemühe mich, mit Haltung zu unterhalten“, sagte der Künstler vor dem Konzert. „Es bewegt mich, an solchen Orten zu spielen - noch dazu auf so einem engen Raum, so dicht am Publikum“, fügte er hinzu. Denn dies sei ein sehr intensives Erlebnis. Und von dieser Intensität profitierten auch die knapp 40 Zuhörer. Denn dichter konnten sie kaum am brillanten Geschehen sein.

Von der ersten Sekunde hatte Dany Bober sein Publikum im Griff: Gebannt hingen sie an jedem seiner Worte. Etwa, als er erzählte, dass er „als sechster Sohn Haifas“ geboren wurde - gerade einmal 14 Tage, nachdem der Staat Israel gegründet worden war.

Schon bei der Begrüßung machen die Besucher auch Bekanntschaft mit Bobers Humor: „Ich grüße Sie mit einem herzlichen Schalömmsche - so begrüßen sich die Juden im Rhein-Main-Gebiet gerne.“ Und er erzählt: „Früher war es üblich, dass reiche Juden sich wohlklingende Namen kauften, wie etwa Goldstein.“ Auch seien weniger wohlhabende mit ihrem Namen diskriminiert worden - etwa mit Feldmaus oder Totenkopf. „Eine Bekannte meiner Mutter hieß Kanaldeckel“, erzählt der 63-Jährige. Ob sein Nachname auch gekauft sei, weiß er indes nicht. „Meine Vorfahren stammen aus Polen und Bober bedeutet auf Polnisch Biber“, sagt er.

Bobers Programm spannte einen Bogen von teils eigenen Vertonungen der Psalmen König Davids und Salomos über das babylonische Exil und das mittelalterliche Spanien zu den jiddischen Volksweisen Osteuropas. Zwischen den Liedern erzählte Bober die Geschichte zu seinen Liedern. Anekdoten, Prosa und Gedichte aus dem jüdischen Frankfurt und Berlin des 18. und 19. Jahrhunderts rundeten das Programm ab.

Das Publikum goutierte, dass es häufiger lachte als dass ihm vor Betroffenheit ein Kloß im Hals stecken blieb: Mit einem kräftigen Applaus, der Dank für eine intensive, amüsante und berührende Zeitreise durch die jüdische Geschichte in gut 90 Minuten war.

Blickpunkt:

Dany Bober ist 1948 in Israel geboren. 1956 emigrierten seine Eltern mit ihm in die Geburtsstadt seines Vaters, Frankfurt am Main. Seit 1976 lebt er in Wiesbaden.

Dass in einem kleinen Körper eine große Stimme stecken kann, beweist der knapp 1,60 Meter große Künstler eindrucksvoll. Ob mit oder ohne Gitarre: Stimmgewaltig füllte der Wahl-Wiesbadener die Synagoge in Roth bis in den letzten Winkel. Ob auf deutsch, jiddisch, hebräisch oder spanisch: Immer trifft er ins Herz. So, wie auch mit seinen Geschichten. Dabei erhebt Bober nie mahnend den Zeigefinger.

von Andreas Schmidt

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