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Südkreis Eigene Cannabis-Zucht als letzter Ausweg
Landkreis Südkreis Eigene Cannabis-Zucht als letzter Ausweg
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17:09 25.07.2017
Quelle: Archivfoto/dpa
Marburg

Weder Sucht, noch Spaß am Konsum, noch Handelsinteressen, sondern die ­pure Verzweiflung bewogen ihn zu seiner Tat, wie der Angeklagte mitteilte. Er ist langjähriger Schmerzpatient, sah in der ­illegalen Zucht die einzige Möglichkeit für Linderung.

Insgesamt dreizehn Cannabispflanzen fand die Polizei im August vergangenen Jahres bei dem 49 Jahre alten Mann. Die Marburger Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, illegale Betäubungsmittel hergestellt zu haben. Hauptaugenmerk liegt in diesem Fall auf der Vergangenheit des mehrfach erkrankten Mannes. Vor Gericht berichtete er von einer Leidensgeschichte.

Angeklagter: „Ich wusste mir nicht anders zu helfen“

Im Jahr 1983 wurde er von ­einem Auto erfasst und schwer verletzt, sein Bein wurde zerquetscht. Seitdem musste er mehr als 50 Mal operiert werden. Es folgten eine ganze Reihe an Begleit- und Folgeerkrankungen. Durch Fehlhaltungen hervorgerufene Beschwerden und starke Nebenwirkungen von zahlreichen Medikamenten. Vor rund drei Jahren erkrankte er zudem an Krebs, leide bis heute unter anderem an Arthritis und Rheuma.

Die Belastung ist dem Mann noch heute anzumerken, mehrmals musste die zweistündige­ Verhandlung unterbrochen werden.

Beschwerdefrei könne er nie wieder leben. Er gelte als nicht weiter therapierbarer Schmerzpatient, habe dauerhafte Schmerzen „deren Ursachen nicht zu beseitigen sind“, erklärte Verteidiger Dr. Leo Teuter. Sein Mandant sei kein ­Täter, vielmehr sei er „ein ­Opfer in mehrfacher Hinsicht, vor allem in medizinischer“.

Rezepte kostesten rund 13.000 Euro

Drei Jahrzehnte lang habe er es mit der Schulmedizin versucht, habe Erfahrung mit allen am Markt verfügbaren Medikamenten und Schmerztherapien. Spürbar geholfen habe ihm lediglich der Konsum von Cannabis, das er nicht raucht, sondern mit einem speziellen Gerät verdampft und inhaliert, erklärte der Angeklagte. „Ich bin kein Kiffer.“ Dass er mit seiner Zucht rechtswidrig handelte, sei ihm klar gewesen, „aber ich wusste mir nicht anders zu helfen, ich war am Ende“, teilte er gefasst vor Gericht mit.

Dabei hätte er prinzipiell Anspruch auf medizinisches Cannabis gehabt. Seit vergangenem Jahr besteht in Deutschland die Möglichkeit in Ausnahmefällen Cannabis auf Rezept zu erhalten, wenn keine andere ­Alternative besteht. Seine Ärzte hätten ihm diesen Bedarf auch mehrfach bescheinigt, die Krankenkasse verweigerte dennoch bis heute eine finanzielle Zuzahlung, berichtete der Beschuldigte. Eine Zeit lang finanzierte er die Rezepte selber, brachte insgesamt rund 13.000 Euro auf. Als ihm das Geld ausging, begann er 2015 selber zu züchten. „Es war die einzige praktische Alternative – entweder das oder erhebliche Schmerzen“, so sein Anwalt. Hauptgrund für seinen Mandanten sei die finanzielle Notlage gewesen, hervorgerufen durch fehlende Unterstützung der Krankenkasse.

Verhandlung geht nächste Woche weiter

Auch ein Sachverständiger, der den Prozess begleitet, sah keine medizinische Alternative in diesem Fall. Die begleitende Cannabistherapie wurde bereits von zahlreichen Ärzten­ „als sinnvoll erachtet – für mich ist der Krankheitsverlauf deutlich, er war praktisch austherapiert“, so der Gutachter.

„Eine legale Möglichkeit, an Cannabis zu kommen, bestand nicht. Er hat niemandem geschadet und nur versucht, sich selber zu helfen“, betonte Teuter, der auf eine „Notstandslage“ verwies.

Ein Nachbar des Angeklagten­ machte die Polizei aufmerksam auf die kleine Plantage im Gewächshaus nebenan. Der Nachbar habe sich beschwert, es würde „manchmal unangenehm riechen“, teilte ein Kriminalpolizist mit. Die Menge der gefundenen Pflanzen wies einen­ Wirkstoffgehalt von etwas über einem Prozent THC-Anteil auf. Das sei „sehr wenig“, selbst für den Straßenhandel mangelhaft, schätzte der Zeuge.

  • Um die umfangreiche Aktenlage der Krankheitsgeschichte­ durchgehen zu können, wurde­ die Verhandlung vertagt. Der Prozess wird am 3. August fortgesetzt.

von Ina Tannert