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Dorfschänken kämpfen

Thekensterben Dorfschänken kämpfen

An der Kneipentheke wird die Welt erklärt, philosophiert und diskutiert. Die Theken im Landkreis werden jedoch immer weniger. Besonders die Gaststätten auf den Dörfern kämpfen ums Überleben.

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Mittlerweile in Schröck (wieder) heimisch: Jürgen und Carmen Schwartz. Mit der Glocke können die Gäste nachordern.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Jürgen Schwartz weiß, wie es sich anfühlt, unter Beobachtung zu stehen. Er wird wohl immer „der Neue“ bleiben, auch wenn er bereits seit mehr als zehn Jahren das Schröcker Dorfleben mitprägt. Denn gemeinsam mit seiner Frau Carmen hat Jürgen Schwartz das Gasthaus „Balzer“ übernommen – wenn auch vorerst unfreiwillig. Rückblick: Es war Weihnachten 1999, als Wirt- und Dorf-Urgestein Wolfgang Balzer seine Tochter Carmen in ihrer neuen Heimat im Schwarzwald besuchen wollte. Angekommen ist der dort jedoch nie. Wolfgang Balzer starb bei einem tragischen Verkehrsunfall – und das Ehepaar Schwartz stand vor der wohl schwersten Entscheidung ihres Lebens: Den Gasthof des (Schwieger)Vaters weiterführen oder das eigene Leben weiterleben? Familie Schwartz entschied sich für den Umzug nach Schröck und den Einstieg in die Gastronomie – eine Entscheidung, die sie bis heute zwar nie bereut, manchmal aber schon in Frage gestellt haben. Denn der Überlebenskampf in der Gastronomie – er ist eine tägliche Herausforderung.

Jürgen Schwartz sieht müde aus. Lange hat er wieder hinterm Tresen gestanden, schon früh wieder im Büro gesessen. „Es ist schwerer geworden. Dorfschänken haben einfach nicht mehr den Stellenwert. Früher haben sich die Männer nach Feierabend auf ein Bier oder einen Korn in der Kneipe getroffen. Heute macht das kaum noch jemand,“ so Schwartz.

Thekengäste, die auf einen kurzen Plausch vorbeikommen, die gibt es nur noch vereinzelt. Und die, die stellen Jürgen Schwartz noch immer gern auf die Probe. Dann wird „platt geschwätzt“ – ob er es versteht oder nicht. „Wenn ich die Leute und ihre Gepflogenheiten nicht schon gekannt hätte, ich hätte meine Sachen gepackt und wäre gegangen“; erinnert sich der 50-jährige Koch an seinen Anfangszeit als Neuwirt.

Aber er und seine Frau haben durchgehalten. Auch dann, als die Gäste ausblieben. Auch dann, als sie ihr komplettes Konzept überdenken mussten. Jetzt hat sich das „Mando“, wie die Gaststätte in Dorfkreisen heißt, auf die hessische Küche spezialisiert. Übernachtungsgäste sichern das Einkommen, der Thekenbetrieb ist und bleibt nicht mehr als ein kleines Zubrot. „Früher, da gab es eben nichts anderes, da sind die Leute im Dorf geblieben,“ sucht Carmen Schwartz nach einer Erklärung.

Auch heute bleiben die Leute häufig im Dorf – nur bedeutet das nicht automatisch, dass sie sich auch in der Dorfkneipe treffen. Mit Sorge beobachten die Wirte der Region die Gründung zahlreicher neuen Vereinslokale. Keine Personalkosten, kaum Steuerabgaben, kein Rauchverbot, günstige Getränkepreise. Vier Gründe mit einer Konsequenz: die Gäste sitzen eine Tür weiter. An der Theke vom Fußball-, Hasenzucht- oder Gartenverein. Eben da, wo das Feierabendbier am günstigsten ist.

Auch in Wittelsberg im Jirje runzelt Thomas Nau beim Thema „Vereinsheime“ die Stirn. „Das sind die Sachen, die einem das Leben schwer machen.“ Dabei ist Trübsal blasen so gar nicht Naus Art. Seit 130 Jahren führt seine Familie das „Jirje“ – und Nau ist genau der Typ Mann, der hinter der Theke nicht nur Bier, sondern auch Unterhaltung liefert. Der gelernte Koch liebt seinen Job – auch wenn ihn sein „Jirje“ fast rund um die Uhr beschäftigt. Thekengäste? Auch bei ihm sucht man sie (fast) vergebens. Seit dem Rauchverbot wurden sie vom Tresen verbannt, dürfen in einen abgetrennten Raum qualmen. „Die sitzen jetzt in der Raucherbude und ich steh hier allein“, lacht er. Das Lokal finanzieren, das tun die Stammtisch-Kunden und Gelegenheits-Feierabend-Biertrinker nur bedingt. „In unserem großen und im kleinen Saal machen wir von der Taufe bis hin zur Beerdigung alles. Das ist es, was uns am Leben hält“, erklärt Thomas Nau. Mindestens einmal pro Monat bietet er seinen Gästen zusätzlich eine Extraaktion. „Man muss offen sein für alles und darf sich gleichzeitig nicht verrennen.“ Dämmerschopen, Grillabend, Brunch. Die Ideen, die gehen Thomas Nau und seiner Lebensgefährtin Ilka Müller nicht aus. Wohl aber manchmal die Kraft. „Wenn über Wochen eines aufs andere kommt, dann ist man erschöpft.“ Einen Wunsch, den hat Thomas Nau: „Noch mindestens 20 Jahre mit dem Jirje durchhalten.“

von Marie Lisa Schulz

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