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Südkreis Der demografische Wandel setzt ein
Landkreis Südkreis Der demografische Wandel setzt ein
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06:15 18.05.2012
Ebsdorfergrund

Dass an den Gesamtschulen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Schülerzahlen rückläufig sind, liegt ganz sicher nicht daran, dass die Schulen schlecht oder schlechter werden. Ganz im Gegenteil, ihr Engagement auf dem Feld der Schulentwicklung sorgt dafür, dass die „Verluste“ noch erträglich erscheinen. Dass es aber in der Regel abwärts geht, ist dem Fortschreiten des demografischen Wandels geschuldet. Weniger Kinder in den Grundschulen bedeuten zwangsläufig auch weniger Kinder in den Gesamtschulen. Das merken natürlich zunächst die Schulen, die weit über 1500 Schüler haben, etwa Gladenbach und Kirchhain. Krasser wird es dann in Neustadt. Die dortige Gesamtschule hatte im Schuljahr 2007 noch 679, im derzeit laufenden Schuljahr nur noch 549 Schüler. „Dafür sind zwei Faktoren maßgeblich“, sagt Schulleiter Hartmut Boß. „Zum einen der demografische Wandel, der uns schon sehr stark getroffen hat und zum anderen hatten wir mal viele Kinder mit Migrationshintergrund.

Der demografische Wandel wird immer mehr zum Thema: Für den Südkreis beispielsweise ist für das Jahr 2020 ein Rückgang um 15 Prozent bei den Schülern, die von der Klasse vier in die fünf wechseln, prognostiziert.

Warum bildet aber die Gesamtschule Ebsdorfer Grund in Heskem seit mehreren Jahren nun schon eine Ausnahme? Schulleiter Lothar Potthoff bezieht Stellung: „Die Eltern haben unser Konzept anerkannt und akzeptiert. Wir haben kontinuierlich ein positives Schulklima entwickelt und waren eine der ersten Gesamtschulen im Kreis, die wieder zum G9-Modell zurückgekehrt sind und das ganzheitlich. Das heißt, wir haben Klassen, die nach dem G8-Modell gestartet sind, nach Rücksprache mit den Eltern wieder nach dem G9-Modell unterrichtet.“

„Die Eltern“ heißt in erster Linie Eltern von Kindern aus Ebsdorfergrund und der Stadt Amöneburg, die sich mehr als früher dazu entschieden haben, ihre Kinder nicht nach Marburg zu schicken, sondern auf die Gesamtschule in der eigenen Gemeinde. Darüber hinaus strahlt der gute Ruf der Schule mittlerweile auch stärker auf die Nachbarkommunen aus. Waren es im Schuljahr 2007/2008 in Heskem 664 Schüler sind es im derzeitigen Schuljahr erstmals über 800. Und für das kommende Schuljahr wird ein erneuter Zuwachs auf mindestens 818 erwartet.

Das ist der Grund, warum der Landkreis Marburg-Biedenkopf noch einmal Geld in die Hand nimmt und in zusätzliche Klassenräume investiert. „In Heskem gibt es ein definitives Raumproblem. Das werden wir jetzt lösen“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Karsten McGovern auf OP-Anfrage. Auch ihm sei der „Run“ auf die Schule nicht entgangen. „Dass eine Schule so attraktiv angesehen ist, ist ja eine positive Sache“, sagt er.

Ein Blick in die Geschichte der Schule fördert allerdings auch Überraschendes zu Tage. Die GSE hatte schon einmal deutlich über 800 Schüler. 1980 beispielsweise waren es 844. Dann ging es allerdings rasant bergab auf 546 in 1991. Potthoff sieht den heutigen Erfolg in den Schlüsselqualifikationen begründet, die da heißen Sozialkompetenz, Fachkompetenz, Methodenkompetenz und Kommunikationskompetenz und in der erfolgreichen Neuausrichtung als rhythmisierte ganztägig arbeitende Schule. An dieser Stelle bildet sich ein klares Schulprofil heraus, das das GSE Band genannt wird. „Das GSE Band ist nicht nur ein Element der Rhythmisierung, sondern vor allem ein Bereich, in dem viele Kompetenzen in kleinen Gruppen ohne Notendruck entwickelt werden können. Bisher freiwillige Inhalte der ganztägig arbeitenden Schule werden vom Nachmittag auf den Vormittag verlegt und damit zu Pflichtunterricht“, so Potthoff.

Nur ein paar Kilometer weiter gibt es eine weitere Gesamtschule im Südkreis: Die in Niederwalgern. Dort ist der Ansatz trotz G9-Schule ein anderer. Schulleiter Dr. Horst Tritschlers „Zauberwort“ heißt Flexibilisierung. Deshalb werden dort Schüler der Klassen fünf bis sieben in Fächern wie Englisch und Mathematik gemeinsam unterrichtet beziehungsweise angeleitet, zum selbstständigen Lernen. Warum hat Niederwalgern in den letzten Jahren an Schülern verloren? Tritschler dazu: „Im Gegensatz zu Heskem haben wir die G8-Klassen auch bei der Rückkehr zu G9 weiter als G8-Klassen unterrichtet. Deshalb fehlt uns jetzt ein ganzer Jahrgang. Das macht 70 Schüler aus.“

von Götz Schaub