Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Der Hof Geißler hält Fronhausen warm
Landkreis Südkreis Der Hof Geißler hält Fronhausen warm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 21.05.2018
Auf Hof Geißler ist Teamarbeit gefragt: Die Brüder Andreas Geißler (2. von links) und Johannes Geißler (5. von rechts), Andreas‘ Ehefrau Tanja Geißler (3. von rechts), die Eltern Anneliese und Kurt Geißler (4. und 5. von links) werden von mehreren Mitarbeitern unterstützt. Mit dabei sind auch die Töchter Lene (von rechts), Lilli und Cousine Joanna sowie die älteste Tochter Marie (9. von rechts).  Im Hintergrund ist einer der Gärbehälter der Biogasanlage zu sehen. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Fronhausen

Auf den ersten Blick wirkt die weitläufige Hofanlage der Geißlers wie ein zwar großer, jedoch traditioneller landwirtschaftlicher Betrieb. Blickt man jedoch einen Kilometer weiter ins Land hinein, wo die Biogasanlage steht, schließt sich die Lücke zur Moderne. All das, was im Betrieb vom Feld oder als Mist aus dem Kuh- oder Schweinestall kommt, wandelt sich am Ende zu Strom oder Wärme. 

Die Familie Geißler, das sind die beiden Brüder Johannes (40) und Andreas (45), deren Eltern Kurt und Anneliese, Tanja Geißler, die Ehefrau von Andreas, und deren drei Töchter, Lilli, Lene und Marie.

Seit 2010 gehört die 500 kW starke Biogasanlage zum Betrieb. Sie befindet sich etwa einen Kilometer außerhalb Fronhausens. Die Anlage mit Fermenter, Nachgärer und Lagerbehälter nimmt etwa eineinhalb Hektar Platz ein. Die Behälter fassen annähernd 10 000 Kubikmeter Biomasse. Der größte von ihnen ist acht Meter hoch. „Erst wollten wir die Anlage nicht, heute haben wir hier einen funktionierenden Kreislauf“, sagt Johannes Geißler, der der Techniker der Familie ist.

Auf Hof Geißler in Fronhausen steht Energiegewinnung am Ende einer langen Betriebskette. Mit Mist und Feldpflanzen erzeugt der Betrieb Strom und Wärme.

Am Tag landen im Schnitt rund 30 Tonnen Material aus den verschiedenen Wirtschaftszweigen des Betriebs in den Gärbehältern. Zehn Tonnen Mist aus dem Kuhstall, vier Kubikmeter Gülle aus dem Schweinestall und etwa dreizehn Tonnen Mais von den Feldern wandern in die sogenannte „Nawaro“-Anlage. Nawaro ist die Abkürzung für nachwachsende Rohstoffe.

Zum Betrieb gehören 180 Hektar Betriebsfläche, davon 30 Hektar Mais. Weitere 20 Landwirte produzieren neben den Geißlers ebenfalls Mais für die Anlage und die Kuhherde. Im Herbst wandern zudem etwa zwei Tonnen Gras im Gärbehälter.
Zweimal am Tag wird die Anlage von der Familie und vier Mitarbeitern beliefert. Zweimal pro Stunde wird automatisch neues Substrat aus dem Vorratsbehälter für die Fermenter nachgefüllt. „Jede halbe Stunde wird gefüttert, das Ganze eingerührt und erhitzt“, erklärt der Landwirtschaftsmeister.

Durch die Vergärung der Biomasse, Exkremente und Energiepflanzen, die von Mikroorganismen zersetzt werden, entstehen unter anderem Methan und Kohlendioxid. Das Biogas wird durch ein Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt und in das Stromnetz wie das Nahwärmenetz von Fronhausen eingespeist. Durchschnittlich erzeugt die Anlage im Jahr 4,2 Millionen kW Strom und Wärme.

„Wir sind von Haus aus Kuh-Menschen“

Im vergangenen Jahr wurde die Biogasanlage um einen dritten Gärbehälter erweitert, knapp 1000 kW sind seitdem möglich. „Dadurch können wir individuell mehr Leistung erbringen und sind generell flexibler, was die Menge angeht. Im Schnitt liegen wir bei 500 kW und fahren einen Winter- und Sommerbetrieb“, erklärt Andreas Geißler.

Das Nahwärmenetz von Fronhausen wird von der Bioenergie-Genossenschaft betrieben. Derzeit hängen neben dem Betrieb der Kindergarten, die Schule, das Altenheim sowie 36 Wohnhäuser am Netz, das derzeit erweitert wird.

Als Nebenprodukt der Biogasanlage entsteht der sogenannte Gärrest, ein besonders hochwertiger Dünger, der wiederum auf den Feldern landet. „Das Ganze ist ein natürlicher Zyklus: das Gras geht in die Kuh, das Getreide ins Schwein, die wiederum Mist und Gülle produzieren – ohne die Landwirtschaft würde die Anlage nicht funktionieren“, sagt Andreas Geißler. Überschüssige Wärme aus der Anlage kommt wiederum den Tieren zugute, damit wird der Schweinestall geheizt.

Die Schweinemast ist neben der Energiegewinnung der zweite große Betriebszweig der Familie. Der Stall mit 1 500 Mastplätzen wurde 2014 errichtet. Gehalten werden rund 1 200 Schweine. Mit rund elf Wochen kommen die Ferkel in den Betrieb, wo sie bis zur Schlachtreife gemästet werden. Pro Jahr verkauft die Familie 2 500 Schweine.

Seit zwei Jahren im Tierwohl-Programm

Seit zwei Jahren nimmt die Familie am Tierwohl-Programm des Bundeslandwirtschaftsministeriums teil und verringert ihren Bestand, berichtet Tanja Geißler. Kontrolle und Organisation der Schweinemast ist Aufgabe der Landwirtschaftsmeisterin, die ebenfalls aus einer Bauernfamilie stammt. Die 45-Jährige führt zusätzlich noch einen Betrieb bei Butzbach, quasi der Partnerbetrieb des Hofs, in dem Getreide und Mais angebaut werden. Auch dieser Betrieb ist Teil des Kreislaufs zwischen Stall, Acker und Energiegewinnung. Gerste und Weizen vom Zweitbetrieb werden an die Schweine verfüttert, der Mais wandert in die Biogasanlage.

Die Milchwirtschaft ist der älteste Teil des Fronhäuser Hofes und besteht nach wie vor. Schon Vater Kurt Geißler hielt Kühe, wie dessen Vater zuvor.

Dass sich beide Söhne für die Landwirtschaft entschieden haben und den Hof in dritter Generation weiterführen, macht den Vater froh. „Glück gehabt, kann man da nur sagen“, meint der 80-Jährige und lacht. Früher wollte der ältere Sohn den Betrieb allein übernehmen, „der Hof war damals auch zu klein für beide“, erinnert sich der Vater. Während sich die Schwester für den Erzieherberuf entschied, schlug auch der jüngere Bruder eine andere Richtung ein und machte eine kaufmännische Ausbildung. „Das war aber nichts für mich, die Selbstständigkeit war mir immer schon wichtig – der Hof macht viel mehr Arbeit, aber man ist trotzdem viel freier“, erzählt Johannes Geißler.

Beide Brüder führten den Hof schließlich gemeinsam und gründeten neben der Geißler Biogas KG auch die Geißler GbR für den landwirtschaftlichen Zweig. Der traditionelle Milchvieh-Zweig ist dabei Aufgabe von Johannes Geißler. „Wir sind schon von Haus aus Kuh-Menschen“, sagt er.

Neubau eines Kuhstalls ist 2019 geplant

Heute leben rund 70 Holsteiner Kühe mit weiblicher und männlicher Nachzucht in mehreren Ställen, aufgeteilt nach Alter der Tiere. Die erwachsenen Milchkühe stehen in einem Anbindestall. Damit ist der Landwirt nicht zufrieden. „Ein Laufstall wäre besser, das ist aber im alten Stall nicht möglich“, sagt Geißler und berichtet, dass er fürs kommende Jahr außerhalb von Fronhausen nahe Schweinestall und Biogasanlage den Neubau eines Kuhstalls plant.

Oberhalb des Kuhstalls hält die Familie rund 560 Legehennen in Bodenhaltung, um die sich der Vater kümmert. Die Eier verkauft die Familie über Direktvermarktung am Hof. Einen so weit verzweigten Betrieb mit Schweinen, Kühen, Hühnern, Ackerbau und Biogasanlage zu führen, das bringt großen organisatorischen Aufwand mit sich. Die Arbeit teilen sich die Geißlers untereinander auf. Alle Parteien leben räumlich getrennt voneinander, wenn auch in benachbarten Häusern. „Bei uns herrscht ein starkes Wir-Gefühl, aber wir haben getrennte Haustüren, jeder braucht ja seinen Freiraum“, sagt Andreas Geißler.

Vier Mitarbeiter sind fest ins Leben der Familie integriert, planen gemeinsam die Arbeit von der Feldwirtschaft bis zum Misten der Ställe. „Wir verstehen uns alle sehr gut, es sind nicht nur zwei Hände, die hier arbeiten, sondern ein Zusammenspiel von ganz vielen“, erklärt Andreas Geißler.

Mindestens einmal am Tag kommt die Crew zusammen. Beim gemeinsamen Abendessen bei Tanja und Anneliese Geißler werden Arbeitsabläufe für die nächsten Tage besprochen. „Gemeinsam kann man viel gestalten und ist flexibel, das macht die Arbeit doch erst interessant“, findet Johannes Geißler.

von Ina Tannert

Kennzahlen

Biogasanlage: 500 kW bis maximal 999 kW zur Strom- und Wärmeerzeugung
Tierhaltung: 70 Milchkühe mit Nachzucht, 1200 Mastschweine, 560 Legehennen
Ertrag: Die Biogasanlage erzeugt jährlich rund 4,2 Millionen kW Strom und Wärme. Pro Jahr verkauft der Hof 2500 Schweine. Die Kühe geben rund 6 500 Liter Milch pro Tier und Jahr.
Ackerbau: 180 Hektar Land, davon 60 Hektar Grünland, 120 Hektar Acker, Gerste, Weizen, Mais, Zuckerrüben, Triticale. Partnerbetrieb in Butzbach: 80 Hektar Getreide und Mais.
Mitarbeiter: Neben der Familie arbeiten festangestellte Mitarbeiter im Betrieb. Bei Bedarf kommen einige 450-Euro-Kräfte dazu.
Weitere Tiere: vier Pensionspferde, eine Hofkatze

Tierwohl-Initiative

Seit zwei Jahren nimmt der Betrieb Geißler an der Tierwohl-Initiative des Bundeslandwirtschaftsministeriums teil. Laut Ministerium sollen damit gestiegene Anforderungen der Verbraucher nach mehr Tierwohl und Transparenz Rechnung getragen werden. Das bedeutet etwas mehr Platz, mehr natürliches Licht, Spiel-, Scheuer- oder Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere in den Ställen.

Im Schweinestall der Geißlers hängen Ketten als Spielzeug für die Schweine. Auch Holzstämme und Raufutter zum Knabbern sollen die Tiere im tristen Stall-Alltag beschäftigen. Der Stall ist für bis zu 1500 Schweine ausgelegt, gehalten werden aber nur 1200 Tiere, die seit zwei Jahren dadurch rund 20 Prozent mehr Platz haben. „Anstelle von 40 halten wir nun maximal 33 Schweine zusammen in einer Abteilung, man merkt schon, dass die Tiere seitdem viel gemäßigter sind“, sagt Andreas Geißler.

Pro Schwein gibt es für das Tierwohl-Label eine Prämie vom Staat, „je nach Marktlage und Schweinepreis lohnt sich das für uns“.

Anzeige