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Bürger haben Angst um ihre Gesundheit

Hühnermastanlage Bürger haben Angst um ihre Gesundheit

Das Bürgerhaus Fronhausen war rappelvoll und weit mehr als 90 Prozent der Besucher der Info-Veranstaltung waren sich darin einig, dass sie in Bellnhausen keine Hähnchenmastanlage wollen.

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Ein Blick auf das kurze Leben von Masthühnern.

Quelle: Agentur

Fronhausen. Wie im Vorfeld der Veranstaltung berichtet wurde, verzichtete Günter Jung als Investor der Hähnchenmastanlage auf die Teilnahme, weil sein Planer an diesem Tag verhindert war. Und selbst wenn dieser da gewesen wäre, hätte er wohl kaum die Grundstimmung unter den Besuchern verändern können, deren Meinung schon vor dem Abend feststand und nach den Beiträgen zweier Experten ganz sicher nicht mehr anders ausfallen wird.

Die mehr als 350 erschienenen Bürger, vornehmlich natürlich aus Bellnhausen und Sichertshausen, fürchten schon längst nicht mehr bloß um ihre Ruhe oder die Wertminderung ihrer Immobilien, sie fürchten ganz konkret um ihre Gesundheit. Und was ihnen Dr. Hans Peter Ammann, Spezialist für keimbelastete Stäube, am Mittwochabend erzählte, dürfte ausreichen, jetzt mehr denn je entschieden gegen diese Anlage zu sein. Er zeigte Beispiele auf, die belegen, dass sich die keimbelastete Abluft aus solchen Anlagen im näheren Umkreis in der Natur ablagert und dass die Keime durch die Transportfahrten natürlich auch direkt in das Dorf gelangen. Dabei geht es vereinfacht ausgedrückt um Keime, die zwar gesunden Menschen nichts anhaben können, aber umso heftiger wirken, sobald der Mensch krank ist und deshalb mit Antibiotika behandelt wird. Dann nämlich übernehmen die Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, das Kommando und sorgen für eine deutlichere Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Das Wissen, dass es diese Keime gibt und dass sie sich in Bellnhausen und Umgebung breit machen können, ist für viele Bürger eine unerträgliche Vorstellung. Sie sehen sich in ihrer kompletten Lebensführung in ihrem Heimatort eingeschränkt, zumal solche Keime auch die Gemüse- und Obstgärten erreichen.

Sonja Haese, Sprecherin der Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung in Bellnhausen, sieht alle Befürchtungen bestätigt. "Wir wollen nicht die Negativerfahrung machen und erst aktiv werden, wenn die Anlage steht, wir wollen sie direkt verhindern." Sie möchte mit dieser Aussage jedoch nicht den Investor, Landwirt Günter Jung, persönlich angreifen. Doch müsse er sich auch seine Gedanken machen, wenn er der Auslöser dafür ist, dass sich die Menschen in Bellnhausen nicht mehr wohlfühlen können. Es gehe um ein Miteinander und nicht ausschließlich um die berufliche Existenzsicherung eines Einzelnen, der darüber hinaus nicht gezwungen sei, ausgerechnet in die Hähnchenmast, einen in Deutschland schon längst übersättigten Markt einzusteigen. Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Landesverband Niedersachsen, zeigte als weiterer geladener Experte auf, dass sich in der gewählten "Branche" für den einzelnen Landwirt eigentlich nichts mehr verdienen lasse. Es tobe ein Verteilungskampf zwischen wenigen großen Unternehmen, die die Preise so sehr drücken würden, dass nur die besten 25 Prozent der Produzenten einen kleinen Gewinn erwirtschaften können.

Moderiert wurde der Abend von Journalist Bernhard Ochs aus Frankfurt. Er hielt, was Fronhausens Bürgermeister Reinhold Weber versprochen hatte: Er moderierte wertneutral und ließ später auch Fragen und Meinungen aus dem Publikum zu, mit der Maßgabe, dass jeder nur einmal was sagen durfte. Es gab auch Wortmeldungen, die Verständnis für Jungs Situation aufbrachten oder kritisch mit den Aussagen der Experten umgingen. Dabei fiel auf, dass alle ausreden durften und niemand persönlich angefeindet wurde. So lobte denn auch Ochs die demokratische Diskussionskultur an diesem Abend.

Fronhausens Bauamtsleiter Jürgen Würz hatte die geplante Anlage von Günter Jung kurz und völlig neutral, aber technisch nicht in die Tiefe gehend, vorgestellt. Danach hatte Jürgen Leib vom Regierungspräsidium Gießen dargestellt, welche Schritte im Genehmigungsverfahren eingeleitet werden. Da es sich um eine Anlage mit einem Besatz zwischen 30.000 und 40.000 Küken handelt, wird die Öffentlichkeit dazu nicht befragt. Allerdings hat die BI ihre Bedenken gegen das Projekt dem RP zur Kenntnis gebracht.

Die Genehmigungsbehörde verlässt sich auf die jeweiligen Stellungnahmen der involvierten Behörden im eigenen Haus, beim Kreisausschuss des Landkreises Marburg-Biedenkopf und weiterer Institutionen. Unter anderem ist auch die Gemeinde Fronhausen gefragt. Bürgermeister Weber machte unmissverständlich deutlich, dass die Gemeinde ihr Einverständnis nicht geben hat.

"Uns ist daran gelegen, unsere Bürger gegen mögliche Gefahren zu schützen. Entsprechend haben wir noch eine Reihe von Nachforderungen zu den eingereichten Unterlagen des Investors, so soll dieser unter anderen eine FFH-Verträglichkeitsprüfung nachweisen. Weber gab an, dass er in dieser Angelegenheit mit einem externen Büro zusammenarbeite. "Zum Schutz der Gesundheit unserer Bürger ist jeder Euro gut angelegt", befand er. Um als privilegierter Landwirt überhaupt im Außenbereich bauen zu können, soll er zudem den Nachweis erbringen, dass er mindestens 50 Prozent des Tierfutters im eigenen Betrieb erzeugt. Wenn er das Futter für jährlich mehr als 280.000 Tiere komplett über Dritte beziehe, müsse auch über sein Status als privilegierter Landwirt nachgedacht werden. "Dann wäre er eher ein Gewerbetreibender", so Weber.

Auch über das Schicksal der "gequälten" (Zitat Niemann) Tiere wurde gesprochen, von denen viele schon vor der Schlachtung zugrunde gehen würden. Auch dies sei ein gewichtiger Grund gegen Massentierhaltung zu sein.

RP Gießen hat vier Anlagen genehmigt

Seit Februar 2011 beschäftigt sich das Regierungspräsidium Gießen als Genehmigungsbehörde mit der geplanten Hähnchenmastanlage in Bellnhausen. Im Herbst nahm der Investor das Teil-Projekt Biogasanlage zurück, der Bauantrag für die Hähnchenmastanlage blieb jedoch zur Überarbeitung bestehen, sagt Jürgen Leib vom Regierungspräsidium Gießen und widersprach damit einer Darstellung des Fronhäuser Bürgermeisters Reinhold Weber, der über Wochen behauptet hatte, der Antrag sei vollständig zurückgenommen worden und es bestehe deshalb auch kein Grund, eine Bürgerversammlung zu dem Thema abzuhalten. Am 26. Januar erhielt das RP die überarbeiteten Unterlagen mit dem Wunsch, den Baubeginn vorab zu genehmigen. Im Februar forderte das RP weitere Unterlagen nach, „die bis zum heutigen Tage nicht nachgereicht wurden“, so Leib am Mittwochabend zum aktuellen Planungsstand. Gleichwohl sagte er, dass das RP Gießen vor diesem Antrag aus Bellnhausen schon vier Anträge bearbeitet und alle positiv beschieden habe.

Jung fehlt die Ausgewogenheit

Günter Jung reagierte gestern auf das Auftreten der beiden im Vorfeld der Veranstaltung nie namentlich genannten Experten Niemann und Ammann. Diese würden oft zusammen auftreten, auf einen Experten mit anderer Meinung sei hingegen verzichtet worden. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft etwa habe ganz andere Erkenntnisse zu den Keimen.

von Götz Schaub

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Die Angst ist da, und sie bleibt da

Wer bei der Informationsveranstaltung zur geplanten Hähnchenmastanlage am Mittwochabend in Fronhausen war, weiß nun, dass es sehr viele renommierte Wissenschaftler gibt, die massive Bedenken gegen Massentierhaltung äußern.

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