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Südkreis Einzigartiger Blick in graue Vorzeit Heskems
Landkreis Südkreis Einzigartiger Blick in graue Vorzeit Heskems
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00:17 04.08.2018
Das Luftbild zeigt die neue Trassenführung der L 3125 an Heskem vorbei. Vorne links ist die Fläche zu sehen, auf der sich zahlreiche Hausgrundrisse nachweisen ließen und wo unter anderem auch das Kindergrab gefunden wurde. Quelle: A. Brüning
Heskem

Im Mai 2017 waren schon 90 Prozent der zwei Kilometer langen neuen Trasse archäologisch untersucht, berichtet Nina Lutz, die zusammen mit Dr. Franka Schwellnus, von der Fachfirma „Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie“ die Grabungsleitung innehatte. Die weiteren Arbeiten konzentrierten sich dann auf eine recht komprimierte Fläche, direkt neben der L 3125 zwischen Heskem und Dreihausen.

Und dort gab es dann sehr viel zu tun, weil man dort unter anderem auf die Reste von Holzbauten stieß, die eine Periode von gut 500 Jahren abdecken. „Die Häuser standen nicht alle gleichzeitig, einige­ Grundrisse ragen auch in früher angelegte Häuser rein“, sagt Dr. Franka Schwellnus. Sie geht davon aus, dass die Holzpfosten-Gebäude eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren hatten, bevor man sie entweder erneuern musste oder aufgab, um neue zu bauen. Letztendlich wurden drei verschiedene Haustypen nachgewiesen, von der ältesten Phase der Bandkeramik um 5.500 vor Christus bis etwa 5.000 vor Christus.

Bandkeramische Siedlungsreste wurden ja schon beim Bau der Ortsumgehung der L 3048 für Roßdorf, Rauischholzhausen und Wittelsberg in der Nähe des letztgenannten Ortes gefunden. Dennoch stellt die Entdeckung bei Heskem etwas Besonderes dar: Es ist das Gesamtensemble einer dörflichen Struktur aus dem 6. und 5. Jahrtausend vor Christus. „Wenn ein Ort zu jener Zeit so lange besiedelt bleibt, lässt das auf ein ­damaliges gutes Umfeld schließen“, sagt Dr. Christa Meiborg vom Landesamt für Denkmalpflege Marburg, Abteilung Hessen-Archäologie.

Dr. Christa Meiborg und Dr. Franka Schwellnus mit einigen Fundstücken. Quelle: Götz Schaub

Von den Holzpfahlbauten ist nichts mehr Greifbares übrig, ihre Grundrisse lassen sich aber über die Verfärbungen in der Erde nachweisen, wo einst die Holzpfosten standen. Die Verfärbungen werden dabei allgemein als „Pfostenlöcher“ deklariert, die dann zusammengenommen im besten Fall ganze Grundrisse von damaligen Häusern offenlegen.

­ Die ältesten Funde bei Heskem stammen aus jener Zeit, in der in unserer Region Menschen erstmals sesshaft wurden, eben solche Behausungen bauten und Ackerbau betrieben. Für den täglichen Gebrauch fertigten sie allerlei Gegenstände aus Keramik an. Die mit der Zeit immer umfangreicheren Verzierungen dieser Gegenstände gaben der Zeit schließlich ihren Namen: die Bandkeramik-Kultur. Wie sich die ­Menschen damals organisierten, wie sie in den Häusern zusammenlebten, lässt sich kaum mit Gewissheit sagen.

Volltreffer: Fund eines 7.000 Jahre alten Skeletts

„Wir finden zwar viele Gegenstände, können aber oftmals auch nur rätseln oder vermuten, wofür sie gebraucht wurden“, sagt Meiborg. Entsprechend kann jeder Fund, und sei er noch so klein oder zunächst als unbedeutend eingestuft, Licht ins Dunkle der Geschichte bringen. Besonders interessiert sind die ­Archäologen an menschlichen Funden. Und auch da gab es in Heskem einen Volltreffer, die Entdeckung eines 7.000 Jahre alten Kinderskeletts am 13. Oktober 2017 (die OP berichtete). Die Archäologen erhoffen sich insbesondere aufgrund der Knochenerhaltung Rückschlüsse über die damalige Ernährung und Lebensumstände.

Einige Knochen­ sind beim Auffinden mehr oder weniger zerbröselt, doch konnte insbesondere der mit Erde verfüllte Schädel erfolgreich geborgen werden. Dieser sicher nicht alltägliche Fund im Leben eines Archäologen lag gerade noch vor der Zeit als es an der Grabungsstätte wettertechnisch sehr ungemütlich wurde. Aufgrund der durchdringenden Nässe in den Monaten November bis April dieses Jahres wurde es dem Grabungsteam unmöglich gemacht, die Arbeiten fortzusetzen. Glücklicherweise kamen dann noch einmal zweieinhalb Monate mit besten Wetterbedingungen.

Grabfelder aus der Bronze- und Eisenzeit

Und das Areal dicht an der L 3125 hielt noch ein paar weitere Überraschungen parat. So stießen die Archäologen auf einige Grabfelder, die offensichtlich ab der späten Bronzezeit und Eisenzeit ab 1.200 vor Christus dort angelegt wurden. Dabei handelt es sich um Brandgräber, erläutert Dr. Schwellnus. Bei dieser Bestattungsform gab es zwar auch Grabbeigaben, aber die Toten wurden zuvor verbrannt, so dass nur ihre­ Asche in Urnen in die Gräber kam. Aufgrund der vorgegebenen Grabungszeit war es dem Team unmöglich, alles in Handarbeit aufzubereiten.

„Wir hatten das Glück, einen eigenen Mitarbeiter mit Bagger zu haben, der genau wusste, wobei es bei den Grabungen ankommt“, sagt Dr. Schwellnus. Die eingesparte Zeit sorgte noch für ein paar weitere tolle Entdeckungen. Nina Lutz nennt dabei ein eisenzeitliches Grabenwerk, aus dem auch der Fund eines keltischen Glasarmringfragments stammt. „Auch bei diesem Graben haben wir mehr Interpretationsfreiraum als Wissen“, sagt Dr. Meiborg. Und so bleibt es weiterhin spannend, wann und wo wieder Puzzleteile aus der Erde geborgen werden, die uns Aufschluss über das Leben geben, das hier direkt vor unserer Haustür, aber in einer fernen, längst vergangenen Zeit stattgefunden hat.

von Götz Schaub

Hintergrund

Die Funde auf dem Trassenbereich der Ortsumgehung für Heskem stammen aus vier Zeitepochen: aus der Jungsteinzeit also 5.500 bis 4.500 vor Christus, der späten Bronzezeit (1.200 bis 800 vor ­Christus), der Eisenzeit (800 bis 50 vor Christus) und der römischen Kaiserzeit (50 vor Christus bis 4. Jahrhundert).

Dass die Spuren aus grauer Vorzeit noch einmal zu ­Tage kamen, ist allein dem ­modernen Fortschritt zu verdanken. Ohne die Umsetzung der Ortsumgehung hätte es keine Grabungen gegeben. Natürlich wurde den Archäologen aufgrund der Trassenführung ein klar abgegrenztes Gebiet zur Verfügung gestellt.

So gesehen ist der Fund einer größeren Siedlung schon wie ein Sechser im Lotto zu sehen. Die Trasse öffnet nur ein kleines Fenster in Zeiten, von denen wir zwar schon einiges wissen, aber doch auch zu wenig, um alles sofort zuordnen zu können. Und so ist es immer wieder spannend, neue Erkenntnisse zu erwerben, allerdings mit dem gleichzeitigen Wissen, dass sich ganz bestimmt weitere Antworten und vielleicht auch archäologische Sensationen nur wenige Meter vom Grabungsfeld entfernt befinden können, aber in absehbarer Zeit keinesfalls an die Erdoberfläche gebracht werden.

Gerade die Erkenntnisse zu den Siedlungsspuren direkt neben der Straße, die Heskem mit Dreihausen verbindet, legt die Vermutung nahe, dass im Umfeld noch mehr zu finden ist. Manche Reste von Häusern und Einfassungen konnten nur zum Teil freigelegt werden, weil dort dann das erlaubte Grabungsfeld endete. Nun, die Funde in Heskem belegen jedenfalls einmal mehr, dass die Region Amöneburger Becken und Ebsdorfer Grund schon vor mehr als 7.000 Jahren von Menschen zum Siedeln als lohnenswert erachtet wurde.

Die Funde, die Anfang des Jahrtausends im Zuge des Baus der Ortsumgehung von Wittelsberg gemacht wurden, dienten schon als Quelle einer Dissertationsarbeit.

Was passiert mit den Funden?

Die insgesamt 20.000 Einzelfunde werden gewaschen, mit einem Schriftstück mit allen wichtigen Informationen versehen und dann verpackt für die wissenschaftliche Auswertung. Diese kann dann allerdings ­eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Die fotografierten Fundstücke werden mitunter auch noch mal gezeichnet. Dabei können nämlich bestimmte Merkmale, die für die Forschung von Bedeutung sind, noch einmal besser hervorgehoben werden. Sicherlich werden es auch einige besondere Fundstücke in ein Museum schaffen.