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Angst vor mehr Lkw in Weimar

Bürgerprotest Angst vor mehr Lkw in Weimar

Die Bürgerversammlung der Gemeinde Weimar hat deutlich aufgezeigt: Sie kam um Jahre zu spät. Die Anwohner der Landesstraße 3093 sind verzweifelt und von ihrem Bürgermeister enttäuscht. Durch die Ansiedlung eines Unternehmens fürchten sie eine zunehmende Verkehrsbelastung.

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Die Emotionen kochten hoch! Rund 400 Menschen kamen zur Bürgerversammlung nach Niederwalgern und machten ihrem Unmut ob des geplanten Logistikzentrums Luft.

Quelle: Nadine Weigel

Niederwalgern. Nein, die 400 Gäste der Bürgerversammlung in Niederwalgern wollten von Bürgermeister Peter Eidam sowie Vertretern des Kreisbau-Amts, des Planungsbüros und der Firma Depro-Kautetzky GbR und weiteren Experten keine Folien und Grafiken zu Themen wie Bauplanungsrecht und Bauordnungsrecht, Schallleistungspegel und Geräuschemissionen sehen.

Im Grunde interessiert es sie nicht wirklich, was für Dienstleistungen die Firma dort anbietet, so lange gesichert ist, dass es nicht zu laut wird. Was sie aber im höchsten Maße interessiert, ist, wie viele Lkw, in der Regel 40-Tonner, das Firmengelände täglich anfahren werden. Denn jeder dieser Lastwagen wird zwangsläufig über die L 3093 kommen müssen und das bedeutet, entweder durch die Ortslage von Wenkbach oder Niederwalgern. Und natürlich fahren sie auch so wieder ab. Im Ganzen stehen so bei prognostizierten 60 Lkw am Tag 120 Einzelfahrten im Raum. „Das ist doch Wahnsinn. Überall wird dafür gesorgt, dass Lkw-Verkehr aus den Ortslagen herauskommt, hier wird dafür gesorgt, dass er hineinkommt“, sagte ein Bürger und erntete lautstarken Applaus.

Weimars Bürgermeister Peter Eidam musste an diesem Abend bitter zur Kenntnis nehmen, dass die bisher reibungslos vonstatten gegangenen Beschlüsse­ im Gemeindevorstand und in der Gemeindevertretung, die grünes Licht für die geplante Investition gaben, an den Bürgern total vorbeigelaufen sind, weil die Informationspolitik in die Gemeinde hinein ausgeblieben war.

Öffentliche Ausschuss-Sitzungen und auch Veröffentlichungen über Beschlüsse im Mitteilungsblatt der Gemeinde­ hatten Bürger nicht erreicht ­beziehungsweise wurde ihnen die Tragweite dadurch nicht bewusst. Die Experten, unter anderem der Vertreter des beauftragten Planungsbüros, und auch der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, versuchten deutlich zu machen, dass hier alles nach Gesetz und Vorschriften abgelaufen sei.

„Wir kommen in schwierige Verhältnisse, wenn wir uns nicht an Gesetze halten. Und auf ­
Basis dieser Gesetze müssen wir entscheiden“, meinte Zachow.

Diese Aussage wurde mitunter zynisch kommentiert, denn wenn man etwas nicht wolle,­ müsse man gar nichts entscheiden und das ganze Dilemma wäre jetzt nicht zu diskutieren, kam es aus dem Plenum. Vor allem als gesagt wurde, dass beim Genehmigungsverfahren in der Gesamtbetrachtung der Investition der Firma im Misch- und Gewerbegebiet Wenkbach die an- und abfahrenden Lastwagen und ihre Auswirkung auf die beiden umliegenden Dörfer gar keine Rolle gespielt haben, machte sich Empörung und Enttäuschung breit.

Bürgermeister sucht die Flucht nach vorne

Florian Gediga, einer der Sprecher des Arbeitskreises Bürgerbewegung „Kein Schwerverkehr auf der L 3093“, machte deutlich: „Es geht aber hier genau um die Lkw, die durch den Ort fahren und was das für uns bedeutet.“ Und zwar in allen Fassetten: Lärm, Sicherheit der Menschen, insbesondere der Kinder, Gesundheit sowie Minderung der Lebensqualität, nicht zuletzt durch ständiges ­Vibrieren in den Häusern an der Straße, wenn ein Lastzug vorbeifährt. Dann wurde es sehr emotional: Bürgermeister Eidam­ hatte­ schon offen zugegeben, den Standpunkt der Bürger falsch eingeschätzt zu haben. Dann wurde ihm vorgeworfen, damit dafür gesorgt zu haben, dass in den Dörfern nun „Lebensträume zerstört“ werden.

Ob er mit dem Wissen von heute nun alles daran setzen werde, im Sinne der Bürger zu handeln, wurde er weiter gefragt. Eidam suchte die Flucht nach vorne: Er werde ehrlich antworten, er könne jetzt nicht mehr in ein Verfahren eingreifen, das auf gültige Beschlüsse des Gemeindevorstands und des Gemeindeparlaments basiert. Gleichwohl bot er an, mit den Bürgern zusammen herauszuarbeiten, was gegen Gefahren an der Straße getan werden könne.

Ärzte weisen auf Gesundheitsgefahren hin

Professor Martin Kraft, gebürtiger Niederwalgerner, brachte als Ornithologe zudem das Thema Naturschutz auf, das seiner Ansicht nach bei solchen Investitionen immer wieder viel zu leicht beiseite geschoben werde. Es sei nicht zu vertreten, dass ein solches Vorhaben in unmittelbarer Nachbarschaft eines EU-Vogelschutzgebietes umgesetzt werde. Er sei auch dazu bereit, aus naturschutzrechtlicher Sicht einen gültigen Bauantrag juristisch anzugreifen.

Es ergriffen auch zwei Bürger das Wort, die sich als Ärzte zu erkennen gaben und deutlich machten, dass die Zunahme des Lkw-Verkehrs sehr wohl gesundheitliche Auswirkungen auf die Bürger, insbesondere die Bewohner der Marburger und Gießener Straße, so heißen die Ortsdurchfahrten der L 3093, haben wird. Der Einwand des Vertreters des Planungsbüros, dass umliegende Ortschaften mitunter mehr Verkehr innerorts erdulden müssen, wurde mit einem harten Lachen quittiert.

Ortsvorsteher bringt Hoffnungsschimmer

Das mache schließlich die Situation nicht besser, zumal die Wälger wie auch die Wenkbächer immer wieder den schlechten Zustand der „viel zu schmalen Straße“ hervorhoben sowie Engstellen und andere baulich bedingte Gefahrenpunkte. 1050 Unterschriften, von Florian Gediga an den Bürgermeister übergeben, zeugen von einer hohen Ablehnung von zusätzlichem Lkw-Verkehr in den Orten.

Dann ein unvermuteter Hoffnungsschimmer: Niederwalgerns Ortsvorsteher Hans-Heinrich Heuser deutete an, einen Vorschlag zu haben, der noch alles retten könne, wenn er ihn denn der Firma vorstellen dürfe. Am Abend der Versammlung, die drei Stunden dauerte, kam es zu keinem Kontakt mehr diesbezüglich. Am Folgetag warteten Heuser wie Schratz mehr oder weniger auf eine Reaktion der Gegenseite. Schratz sagte: „Wir haben nichts vorliegen. Ich habe aber auch am Abend versucht, deutlich zu machen, dass die Sache eine große Komplexität besitzt, eine Zeitschiene, an der auch Aufträge hängen, die auf diesen Standort zugeschnitten sind.“

Heuser hofft dennoch auf ­
eine Chance. „Vielleicht ist doch etwas über ein beschleunigtes Verfahren zu machen“, sagte er gegenüber der OP.

von Götz Schaub

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