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Südkreis Das Einmachen lernen für den Klimaschutz
Landkreis Südkreis Das Einmachen lernen für den Klimaschutz
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00:17 20.07.2018
Einmachen neu entdecken – ein Ansatz von Allmende. Quelle: Privatfoto
Holzhausen

„Allmende“? Das ist der Name eines Vereins im kleinen beschaulichen Fronhäuser Ortsteil Holzhausen. Gegründet von Zugezogenen.­ Was bezwecken sie damit? Nun, zunächst einmal sollte­ man wissen, dass die Mitglieder des ­Vereins von dieser Welt sind. Sie sind ihr nicht entrückt, sondern kämpfen für eine ­lebenswerte Umwelt. Sie wissen ­natürlich auch die technischen Errungenschaften vom Auto­ bis Handy zu schätzen. Aber sie ziehen deutliche Grenzen zugunsten des Klimaschutzes. Ganz nach dem Motto, man muss nicht alles mitmachen, nur weil man es (noch) kann. Gerade in Sachen Lebensmittel.

Nachhaltiges Wirtschaften und das ursprünglich und ressourcenschonend, das ist der Ansatz, den Nils Noack und Ann-Marie Weber sowie Lena Brink und Lea Soskin verfolgen. 2016 gründeten sie den Verein Allmende Holzhausen. Triebfeder war die Teilnahme an dem Förderprogramm der Nationalen Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums „Kurze Wege für den Klimaschutz“.

Das Ganze wollen sie nicht im Verborgenen machen, sondern gut sichtbar und so überzeugend, dass sich andere Menschen eingeladen fühlen, sich dort auch projektbezogen zu engagieren, die Idee zu verinnerlichen und weiterzutragen.

Im Juli steigt die erste Aktion in der Einmachküche

Dabei geht es nicht um komplizierte Themen, sondern um die Rückbesinnung auf die Möglichkeiten, Nahrung, die vor Ort produziert beziehungsweise gewonnen wird, für einen längeren Zeitraum für den persönlichen Speiseplan zu bevorraten. Simples Beispiel: aus Obst Marmelade machen und davon das ganze Jahr über etwas haben. Das Ganze macht doppelt so viel Spaß, wenn man das Einkochen zu einem Gemeinschaftserlebnis werden lässt. „Wir sind nicht Landwirte im ­eigentlichen Sinne. Nein, das haben wir auch nicht gelernt“, sagt Nils Noack. Aber wer hindert ihn daran, nicht doch ein Feld zu bestellen, etwas anzubauen und zu ernten, statt nur im Supermarkt zu kaufen?

In Holzhausen fanden er und Ann-Marie Weber für ihre ­Familie ein ideales Zuhause auf einem der innerörtlichen Höfe, den sie erwerben konnten. „Wir sind hier herzlich aufgenommen worden“, lobt Ann-Marie Weber die kleine Dorfgemeinschaft. Und sie laden alle ein, bei den über das Jahr verteilten Aktionen mitzumachen. Im Juli etwa, wenn eine Marmeladenparty steigt. 

„Das wird unsere erste Einmachaktion in der regionalen­ Einmachküche sein, bei der wir gemeinsam geerntetes und gespendetes Obst zu Marmeladen verarbeiten“, sagt Ann-Marie Weber. Was nach einem schönen Spaß klingt, soll auch ein schöner Spaß werden, aber auch mit einem Hintergrund. Es geht nämlich auch darum, Formen zu finden, die regionale Lebensmittelerzeugung im privaten Bereich fördern. Dabei soll das Rad nicht neu erfunden werden, eher nur ein bisschen zurückgedreht werden, indem man sich zurückbesinnt, wie Obst, Gemüse und andere Feldfrüchte haltbar eingekocht oder gelagert werden können. Und der Anbau und die Pflege der Nahrung erfolgt ganz ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Hintergrund

Der Begriff Allmende entstand im Hochmittelalter und bezog sich auf eine gemeinsam genutzte landwirtschaftliche Fläche, wie Viehweiden, die von allen Dorfbewohnern gemeinsam beweidet wurden. Diese Flächen befanden sich also nicht im Besitz Einzelner. Gemeinsam trugen die Menschen Sorge für den gesunden Bestand der Fläche. Angesichts der globalen, ökologischen Krisen möchte der Verein mit seinen Vorhaben diese Einstellung im Umgang mit Gemeingütern fördern.
Mehr zum Thema und den Verein gibt es im Internet.

Wie gesagt, das Paar zeigt Alternativen auf, ist aber nicht so gepolt, dass es nun die Landwirtschaft als solche revolutionieren will. Den beiden ist auch klar, dass Landwirte heutzutage einen knallharten Überlebenskampf führen müssen, die Preise für Erzeugnisse oft im Keller sind und Verdienste nur über Masse zu machen sind. Leben und leben lassen, heißt die ­Devise. Zusammen gut auskommen. Das ist das Geheimrezept für gegenseitige Achtung, auch wenn Lebenskonzeptionen völlig verschieden sind.

In Holzhausen klappt das sehr sehr gut. Was nun die Kunst des Einkochens angeht, ist es Noack und Weber auch wichtig, andere Menschen mit einzubeziehen, gerne auch ältere, die noch wissen, wie eingekocht wird, die diesbezüglich noch Tipps und Tricks drauf haben. Das sorgt auch für ein schönes Miteinander und gelebte Nachbarschaft.

In den zurückliegenden Jahrzehnten sind schließlich viele, eigentlich die meisten, Anlässe, zu denen Menschen täglich zusammenkamen durch das Umstellen auf moderne Landwirtschaft verloren gegangen. „Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas einzumachen, man muss nicht fürchten, im Winter darben zu müssen, wenn man nicht Gemüse aus dem Supermarkt holt, das dann naturgemäß nicht aus Deutschland stammen kann“, sagt Noack. Dann setzt er diese Form des Lebensstils in den großen Kontext Klimaschutz.

Verein lädt Schulklassen zu Besuch ein

„Wir müssen uns den Fragen stellen, was wir für den Klimaschutz tun können“, sagt er. Die regionale Erzeugung und Nutzung von Lebensmitteln ist ein guter Ansatz. Daraus kann auch leicht mehr werden, gerade in Zeiten guter Internet-Verbindungen etwa das Leben und Arbeiten am selben Standort, was Pendlerfahrten mit dem Auto einspart und so die Umwelt entlastet.

Den Lebensansatz wollen die Mitglieder von Allmende Holzhausen nicht nur praktisch erlebbar weitertragen, sie engagieren sich auch bildungspolitisch. So sind Jugendgruppen und Schulklassen willkommen, sich etwa im Rahmen eines Wandertages mit dem Themenfeld regionale Stoffkreisläufe zu beschäftigen und kritischen Fragen zum Lebensstil in einer Konsumgesellschaft zu stellen. Ann-Marie Weber bietet zudem als Diplom-Pädagogin verschiedene Bildungsprojekte an.

Im Mai feierte der Verein den Auftakt seiner Veranstaltungen im Zuge des Förderprogramms „Kurze Wege für den Klimaschutz“. Es war eine offene entspannte Atmosphäre, es gab viele anpackende Hände und tolle Gespräche“, resümiert Ann-Marie Weber zufrieden. Dabei wurde schon beim Essen und Trinken deutlich, jeder bringt etwas Selbstgemachtes mit, stellt es allen zur Verfügung und erfreut sich an dem, was die anderen bieten. Dann ging es inhaltlich ins Eingemachte.

These: Pflegnutzen bereichert das Leben

Das Paar berichtet: „Wir stellen die These auf die Wiese, dass eine gemeinsame Nutzung und Pflege von Ressourcen, wie ­Wasser, Boden, Luft, Fahrzeuge, Bäume, Computerprogramme und allem möglichen anderem, schön mit dem Wort „Pflegnutzen“ beschrieben, unser Leben­ bereichert. Dass nur so begreif­bar wird, was uns auf der ­einen Erde zur Verfügung steht und auch nachfolgenden Generationen noch erhalten werden kann.

Dass durch gemeinsames Pflegnutzen Ressourcen gespart werden können – zum Beispiel, wenn nicht jeder ein eigenes Schweißgerät oder jeder eine Fritteuse besitzt, die doch nicht jeden Tag gebraucht wird. Dabei wurde auch der Frage nachgegangen, wie dieses Teilen gelingen kann, wie vermieden werden kann, dass sich einige doch aus den unangenehmen Arbeiten herausnehmen und andere genau da hineingedrängt werden.

Pflegen und Aufräumen macht dem einen oder anderen vielleicht doch weniger Spaß als etwas zu produzieren. Entlang der Ausstellung mit dem Titel „Irrwege ins gute Leben“, die aus dem Hanf­labyrinth von 2016 stammt, wird das ­gesamte Anliegen des Vereins dargestellt.

von Götz Schaub