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Eigene Messzahlen aus luftiger Höhe

Windkraft an den Lahnbergen Eigene Messzahlen aus luftiger Höhe

Der Ausbau der Windenergie in Marburg ist  politisch gewollt. Doch  zunächst soll mittels modernster Messmethoden geklärt werden, ob Windräder auf den Lahnbergen auch rentabel sind. 

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Marburg . Ein Zungenbrecher und Politikum zugleich: Der Windmessmast. Die Haarnadelkurve mitten im Wald wird den Transport zu einer logistischen Herausforderung machen, aber rechtlich steht dem Bau eines solchen Mastes nichts mehr im Wege. Derzeit haben die Stadtwerke zwar noch ein „Beschaffungsproblem“, sie holen Angebote ein, aber sie sind zuversichtlich, dass der Mast in einigen Wochen angeliefert wird. Nahe des Waldgrillplatzes am Lichter Küppel – nordwestlich der ehemaligen Mülldeponie – soll der 100 Meter hohe Mast aufgestellt werden und fortan täglich die Windstärke messen.

Messung zunächst bis Ende August 2013 geplant

Nachdem die Stadtwerke einen Pachtvertrag mit dem Waldeigentümer Hessen-Forst abgeschlossen haben, darf der Messmast bis Ende August 2013 dort stehen. Sollte sich die Anlieferung des Mastes verzögern, schließen beide Vertragspartner eine Verlängerung um ein, zwei Monate nicht aus. Man wolle möglichst ein ganzes Jahr lang messen. Schließlich sind die Messergebnisse von erheblicher Bedeutung: Es geht um die Errichtung von Windrädern auf den Lahnbergen. Dort könnte die Anhöhe „Lichter Küppel“ sowie die Bürgeler Gleichen bei Ginseldorf als Standorte dienen. Die Stadtwerke können sich eine Investition  dort nur vorstellen, wenn sie wirtschaftlich ist, erklärt der kaufmännische Geschätsführer Norbert Schüren. Eine weitere unrentable Windkraft-Anlage wie in Wehrda könnte das Unternehmen nicht gebrauchen. Unterhalb der Wirtschaftlichkeits-Grenze werde man ohnehin keine Genehmigung für den Bau erhalten. „Wir benötigen daher eigene Messzahlen aus luftiger Höhe“, erklärt Schüren. Dies soll nun mittels modernster Technik ermöglicht werden. Auch Laserstrahlen sollen zur Bestimmung von Windgeschwindigkeit und Windrichtung dienen. Das Laser-Messsystem wird zunächst in Ginseldorf aufgestellt. Dort gibt es bisher den stärksten Protest gegen den Bau von Windkraftanlagen.

Roßberg als Standort für Windkraftanlage?

Ortsvorsteher Dr. Horst Wiegand, zugleich auch Stadtverordneter der SPD,  sagt, dass die Gegner von Windrädern in Ginseldorf derzeit weiteren Protest planen und alle Mittel ausschöpfen wollen. Man werde die Argumente vor der Regionalversammlung des RP vortragen.

Hessen-Forst: Ginseldofer Wald hat Erholungswert

Gegen den Bau von Windkraftanlagen in Ginseldorf spricht sich auch Hessen-Forst, der Eigentümer der Waldflächen, aus. Zwar habe Hessen-Forst der Messung zugestimmt, in dem 1 500 Quadratmeter Fläche für ein Jahr zur Verfügung gestellt wurden, aber das bedeute noch nicht, dass damit der Bau einer Windkraftanlage ermöglicht werde. „Für uns als Grundstückseigentümer sind die Bürgeler Gleichen grundsätzlich keine Option“, sagt Andreas Sommer, stellvertretender Amtsleiter von Hessen-Forst. Die Messergebnisse für dieses Gebiet sind für die Behörde also keine Entscheidungsgrundlage. „Für die Auswahl von Windkraftstandorten berücksichtigen wir zum Beispiel auch die Topographie, den Erholungswert und den  Arten- und Naturschutz“, so Sommer. Und im Fall Ginseldorf handele es sich um ein erhaltenswertes ruhiges Waldgebiet mit Erholungswert. Stattdessen schlägt Hessen-Forst nun alternative Standorte für Windräder vor – insgesamt 450 Hektar Waldflächen. In Roßberg sowie in Kirchhain seien zum Beispiel geeignetere Standorte als in Ginseldorf, so Sommer.Die Einwände gegen die Bürgeler Gleichen habe man Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne), der den Ausbau der Windenergie in Marburg zügig voranbringen möchte,  dargestellt, sagt Sommer. Kahle, der derzeit im Urlaub ist, ist auch Aufsichtsratschef der Stadtwerke Marburg. Daher blicken politische Beobachter nicht nur mit Spannung auf die Messergebnisse, sondern auch auf die Machtverhältnisse unter den Entscheidungsträgern. Beim Thema Windkraft gab es schließlich in der Vergangenheit innerhalb der rot-grünen Koalition Streit. Die Stadt zahlt die Hälfte der Messkosten in Höhe von insgesamt 300 000 Euro.  Da im städtischen Haushalt 2012 für die Windmessung 100 000 Euro vorgesehen waren, werde der Rest der Kosten im nächsten Haushalt veranschlagt, so Oberbürgermeister Egon Vaupel.

Stichwort Windmessung: 

Für die Ermittlung einer Ertragsprognose für Windstandorte ist der Aufbau eines Messsystems, bestehend aus einem konventionellen Windmessmast und mehreren sogenannten LIDAR-Messungen vorgesehen. Der Windmessmast liefert sogenannte Echtzeitwerte und die umsetzbaren LIDAR-Messungen liefern für die jeweiligen Windrad-Standorte temporäre Winddaten, die mit den Ergebnissen des Windmessmastes kalibriert werden.

  1. Wie funktioniert die lasergestützte Windmessung?LIDAR (Light Detection And Ranging) ist eine seit vielen Jahren bewährte Fernerkundungs-Technologie. Seit kurzer Zeit wird sie auch zur Messung von Windgeschwindigkeiten eingesetzt, wobei das LIDAR als Laser-Doppler-Anemometer arbeitet. Die Technologie nutzt den Laufzeitunterschied des an Aerosolen reflektierenden Laserstrahls zur Bestimmung von Windgeschwindigkeit und -richtung.  Die Systeme erfassen das Wind-Höhenprofil bis 200 Meter über Grund samt Turbulenz und Schräganströmung.So können vom Boden aus Windgeschwindigkeiten in Höhen von mehreren hundert Metern gemessen werden, ohne dass ein Messmast erforderlich ist.
  2. Welche Entfernungen können mit solchen Anlage überbrückt werden?Die LIDAR-Messsysteme sind in kompakten Boxen mit einer eigenen Strom- und Datenkommunikationsinfrastruktur aufgebaut und damit mobil.  D.h. eine solche Box wird jeweils an einem Windenergieanlagen-Standort aufgestellt – zum Beispiel in der Gemarkung Ginseldorf – und nach erfolgter Messperiode an den nächsten Standort verschoben. Die Entfernungen, die damit überbrückt werden können, sind zunächst ohne Einschränkungen. Aber aufgrund der Marburger Aufgabenstellung, nämlich die LIDAR-Messergebnisse mit dem fest installierten Windmessmast (auf dem Lichter Küppel) abzugleichen (kalibrieren) sind die Entfernungen begrenzt. Die Begrenzung ergibt sich aus den Einflüssen auf die Windprofile, zum Beispiel die Oberflächenrauigkeit, und sollte deshalb auf dem östlichen Marburger Höhenrücken nicht mehr als 10 Kilometer betragen (Ausdehnung der Waldfläche).  Rainer Kühne, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg

von Anna Ntemiris

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