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Seit 25 Jahren „Urlaub in Gladenbach“

Integrations-Serie "Spuren im Land" (3) Seit 25 Jahren „Urlaub in Gladenbach“

Der Sport und seine Art, auf Menschen zuzugehen waren für Samir Mougraby die „Türöffner“ in seiner damals neuen Heimat Deutschland.

Gladenbach. Samir Mougraby ist nicht nur in Gladenbach wohlbekannt: Sportinteressierte kennen ihn als Fußballer weit über die Grenzen der Kirschenmarktstadt hinaus. Und er hat sich längst einen Namen als Geschäftsmann gemacht.

Zur Welt kam der heute 46-Jährige Araber im israelischen Haifa und wuchs dort auch auf. Als talentierter Straßenfußballer entdeckte man ihn bald für den Vereinsfußball. Er spielte von den Bambini bis zur A-Jugend beim renommierten israelischen Erstligaclub Maccabi Haifa. Als A-Jugend-Nationalspieler lernte Samir fremde Länder kennen. „Auch in Deutschland haben wir gespielt – in Mannheim“ erinnert er sich.

Das Reisen sollte bei seinem späteren Lebensweg noch eine wichtige Rolle spielen. Seine Fußballerlaufbahn führte ihn 1983 nach Schweden, wo er für eine Saison in der zweiten Liga spielte. Zurück in der Heimat gab es 1985 ein Ereignis, das die Fußballkarriere und alles andere unbedeutend werden ließ: Samir arbeitete während seiner Ausbildung als Hotelkaufmann in Eilat am Roten Meer, und dort lief ihm die Touristin Jutta Leinbach über den Weg. Er verliebte sich in sie bis über beide Ohren, und es blieb nicht bei der Urlaubsbekanntschaft. Wieder zu Hause angekommen, lud ihn die Gladenbacherin ein, sie zu besuchen. „Der Besuch dauert jetzt schon 25 Jahre“, flachst Samir, betont aber sogleich, dass er längst Gladenbacher sei, sich nicht nur als Gladenbacher fühle.

Doch so leicht ging die Integration nicht vonstatten. „Mit einem One-Way-Ticket, 200 Dollar in der Tasche und einem halbvollen Koffer machte ich mich auf die Reise“, erzählt er.
„Juttas Eltern mussten erst mal schlucken, als sie einen Kerl anschleppen wollte, der arabisch, hebräisch und englisch sprach, aber kein Wort deutsch.“ Die Folge: Samir musste zwei Wochen lang in Lohra schlafen, bis ihm Juttas Familie die „Einreise nach Gladenbach“ gewährte.

Zwei Monate lang lernte er Deutsch in einem Volkshochschulkurs. Das reichte gerade mal für das Nötigste. Der Alltag war dann die beste Sprachschule, aber auch sein eiserner Wille, sich mit seinen Mitmenschen in deren Sprache unterhalten zu können.

Neben der zunehmen Sprachkenntnis gab es damals für ihn einen zweiten „Türöffner“ in die Gesellschaft: Der inzwischen verstorbene Udo Bergen, ein Onkel seiner Frau, erfuhr von Samirs fußballerischer Vergangenheit und rekrutierte ihn auf der Stelle für den Gladenbacher Sportclub (GSC). Samir erinnert sich an sein erstes Spiel in der Landesliga gegen Aßlar: „5:1 haben wir damals gewonnen“, sagt er stolz, weiß aber nicht mehr genau, ober er ein oder zwei Tore zu dem Sieg beisteuerte.

Der Neu-Gladenbacher knüpfte über den Sport viele Kontakte. Letztlich verhalf ihm dann der Fußball auch, sein berufliches Ziel zu verwirklichen: „Ich wollte immer in der Reisebranche arbeiten“, berichtet Samir.

Da Gladenbach längst seine neue Heimat war, entschloss er sich im Alter von 28 Jahren, dort ein Reisebüro zu eröffnen. Es folgte eine Filiale in einem Gladenbacher Einkaufscenter. Vor etwa zehn Jahren zog er mit dem Reisebüro in die Marktstraße.

Vor vier Jahren schloss er ein Fernstudium als Touristikmanager ab. „Weil mich mein Beruf interessiert, versuche ich stets, meinen Horizont zu erweitern“, erklärt er. Die Fußballkarriere hat er nach zwei Kreuzbandrissen längst beendet, kickt aber nach wie vor bei den Alten Herren mit und spielt beim „Club der Altfußballer“ für die Biedenkopfer Auswahl.

Sein großes Interesse am Sport war auch eine der Antriebsfedern, die ihn dazu bewog, den stillgelegten Sportpark mit Open-Air-Halle an der Biedenkopfer Straße als Sportcenter zu reaktivieren. Als Geschäftsführer des Centers und seines Reisebüros und nicht zuletzt auch als Familienvater ist sein Alltag ausgefüllt.

Mit seiner Reisebekanntschaft Jutta ist er seit fast 25 Jahren verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, die Tochter ist 15 Jahre alt, der Sohn 19 und spielt – zur Freude des Papas – beim GSC Fußball.

von Hartmut Berge

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