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„Ich lasse mich auf Kulturen ein“

Spuren im Land „Ich lasse mich auf Kulturen ein“

OP-Serie „Spuren im Land“ (4): Recep Tokcan glaubt, dass sein Beispiel mehr Migranten oder Deutsche mit ausländischen Wurzeln bewegen könnte, sich in Vereinen zu engagieren. Denn er selbst fühlt sich in einem sehr „deutschen“ Verein gut aufgehoben – in der Feuerwehr.

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Im Verein lässt sich Integration am besten verwirklichen, sagt der Fronhäuser Feuerwehrmann Recep Tokcan.

Quelle: Michael Agricola

Fronhausen. Wer ist der selbstbewusste Mann, der gern dazu beitragen will, „Mauern in den Köpfen“ einzureißen – auf beiden Seiten, wie er sagt. Denn es seien nicht immer nur Migranten, die sich gegenüber der Gesellschaft zu wenig öffneten.

Die aktuelle Debatte um die Integration findet er nicht unbedingt hilfreich. Für ihn führt der beste Weg zur Integration über die Vereine. „Leichter als da geht es nicht, der Rest kommt automatisch.“ Der 32-jährige Tokcan gibt ein Beispiel: Wenn er seinem jetzt zweijährigen Sohn von früh an das Vereinsleben nahe bringe, zum Beispiel in der Feuerwehr, werde der sich auch dafür interessieren und dort deutsche Freunde finden. Damit habe er es dann auch im Alltag und in der Schule leichter.

Umgekehrt könne er im Verein am leichtesten – von Kamerad zu Kamerad – Missverständnisse ausräumen, die es unter Deutschen etwa im Verständnis des Islam gibt. Eine Verständigung auf Augenhöhe, bei der man sich annähert. „Ich muss mich nicht anpassen, aber ich mache es“, sagt Tokcan. Bei einer Feier esse er auch mal ein Stück Schweinefleisch, auch wenn er das zu Hause nicht tue. „Ich bin so erzogen, ich lasse mich auf andere Kulturen ein.“

Der gebürtige Lüdenscheider, selbst deutscher Staatsangehöriger, ist ursprünglich aber aus einem anderen Grund tätig geworden. Von seinen türkischen Eltern weltoffen erzogen, ist er schon seit seinem 16. Lebensjahr im Deutschen Roten Kreuz aktiv. Geprägt hat ihn nach seinen Worten, dass er schon als Kind die Arbeit von Rettungskräften hautnah zu schätzen lernte – durch seinen schwer herzkranken Vater.

Daraus entwickelte sich der Wunsch, auch selbst helfen können zu wollen. Er engagierte sich in Lüdenscheid beim DRK, fuhr dort im an die Berufsfeuerwehr angegliederten Sanitätsdienst mit. 2004 kam Recep Tokcan nach Marburg, schloss sich dem DRK Mittelhessen und den Maltesern an, arbeitete ehrenamtlich in der Kleiderkammer, im Hausnotruf oder mit der Jugend und war für ein Jahr bei der Schröcker Feuerwehr aktiv.

Seit dem Umzug nach Fronhausen 2008 ist der gelernte Gas- und Wasserinstallateur, der inzwischen als Hausmeister arbeitet, Mitglied der dortigen Feuerwehr. Er fühlt sich dort herzlich auf- und angenommen – und gefördert. Wegen seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten – nicht, weil er ein schützenswerter „Exot“ in der Feuerwehr ist. Denn anders als in Sportvereinen sind Migranten in der Feuerwehr und anderen Vereinen selten vertreten.

„Es geht doch nicht um meine Herkunft oder meinen Glauben, sondern um meinen Charakter, dass ich als Person wahrgenommen werde. Sonst brauche ich nicht in der Feuerwehr zu sein. Ich muss wissen, was ich für meine Kameraden zähle.“ Das ist für ihn die Voraussetzung, damit er seine Freizeit mit Freude für andere opfert.

Dieses Gefühl habe er jetzt in Fronhausen, es sei aber nicht immer so gewesen. Auch nicht im Alltag. „Wenn ich meine Uniform anhabe, werde ich anders angesehen“, hat Tokcan beobachtet. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass für viele „Ausländer“ die Hemmschwelle so hoch ist, von sich aus zu kommen.

Umso wichtiger findet er es, sich mit positiven Beispielen offensiv um Nachwuchs zu bemühen. „Ich bin gerne bereit, im ganzen Landkreis zu werben“, sagt er, zum Beispiel in Schulen zu gehen oder gezielt in die Moschee. Er gebe sich und seine Geschichte gern dafür her, wenn er gefragt werde.

Eine weitere Öffnung habe für alle Seiten Vorteile. Wer einen Unfall habe, dem dürfte es egal sein, ob ihn ein Deutscher oder ein Türke aus dem Auto schneidet und ihm das Leben rettet. Und wenn ein Migrant einen Notfall habe, sei es auch besser, wenn auf dem Wagen jemand mitfährt, der auch dessen Sprache spricht.

von Michael Agricola

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