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Die Mustaans setzen auf Bildung

OP-Serie "Spuren im Land" (2) Die Mustaans setzen auf Bildung

Ihre Berufe in Afghanistan gaben die Mustaans auf, um ihren Kindern in Deutschland eine sichere Zukunft zu bieten.

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Noria und Osman Mustaan in ihrem Laden in Marburg. Sie war früher in Kabul Uni-Dozentin, er General.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Ehepaar Noria und Osman Mustaan ist stolz auf seine vier Kinder. Der Jüngste wird bald Abitur machen, die Älteren studieren, promovieren oder haben schon eine feste Stelle. Seit 18 Jahren wohnt die afghanische Familie in Marburg, davon 17 Jahre im Stadtteil Wehrda.

„Ich bin ein Teil der deutschen Gesellschaft“, sagt der 61-jährige Osman Mustaan. Seine Frau sieht dies ähnlich. Beide haben inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, aber sie bezeichnen sich als Afghanen. „Wenn ich sagen würde, ich bin Deutscher, würde doch jeder nachfragen und wissen wollen, woher ich wirklich komme“, erklärt der Mann lachend. Er fühle sich integriert, sagt er. Als Mustaans vor 18 Jahren aus Kabul nach Deutschland flohen, konnten sie kein Wort Deutsch. „Uns war klar, dass wir schnell die Sprache lernen müssen, um uns zu integrieren“, sagt die 53-jährige Noria Mustaan. Heute spricht sie grammatisch fast immer korrektes deutsch, aber mit leichtem Akzent. „Ich schäme mich manchmal, dass ich nicht noch besser deutsch spreche“, sagt sie. Sie habe Volkshochschulkurse besucht, aber als berufstätige Mutter von vier Kindern eben nicht mehr Zeit gehabt, um noch mehr zu lernen. Das Ehepaar ist sich einig: Die Sprache, Bildung und eine „gute Erziehung“ sind die Schlüssel, um die Tür in die deutsche Gesellschaft zu finden. „Jede Gesellschaft hat Regeln und Gesetze, man muss diese respektieren“, sagt der Mann, der in Kabul General war. Er hat ein technisches Studium absolviert, hat am Militärflughafen gearbeitet.

Sie ist studierte Baustatikerin und Ingenieurin und arbeitete in Kabul als Hochschullehrerin. In Deutschland wurde ihre Ausbildung nicht anerkannt, anfangs hatte sie als Asylbewerberin nicht mal eine Aufenthaltsgenehmigung. Manchmal frage sie sich, warum sie als damals noch junge Frau in Marburg kein Aufbaustudium hatte aufnehmen können. Vorsichtig und indirekt äußert sie damit Kritik, an der mangelnden Anerkennung von ausländischen Abschlüssen.

„Ich habe so lange studiert, und jetzt habe ich das alles verloren. Das tut schon weh“, sagt sie. Heute habe sie zu viel Abstand zu ihrem alten Beruf, der Weg zurück sei verbaut. Dafür aber habe sie sich viel um die Erziehung ihrer Kinder kümmern können und zwischenzeitlich mit 400-Euro-Jobs die Familie miternähren können.

„Wir haben auf unsere Berufe verzichtet, damit unsere Kinder eine gute Ausbildung in Deutschland erhalten“, sagt Noria Mustaan. Es sei so wichtig, dass die Kinder Halt in der Familie bekommen, sagen Mustaans. Wenn sie Berichte über ausländische Jugendbanden sehen, dann können sie dies nur mit einem Scheitern der elterlichen Erziehung erklären.

Seit zehn Jahren ist das Ehepaar selbstständig tätig: Es führt einen Laden in Marburg,

Ausgegrenzt haben sie sich nie gefühlt, sagen beide. Osman Mustaan zitiert ein afghanisches Sprichwort: „Die Gesellschaft ist wie ein Wald, es gibt darin gute und schlechte Bäume“. Jeder schlechte Baum, den sie in Deutschland sahen, war immer noch besser als der Krieg in ihrem Heimatland. Wer Gewalt und Flucht erlebt habe, könne über kleinere Probleme hinwegsehen, sagen beide. „Man muss immer positiv denken“, so der Mann.

„Uns geht es hier besser, als in Afghanistan. Leider ist es dort noch immer sehr gefährlich“, sagt Noria Mustaan. Weil sie das Leben hier sehr schätzen, wollen Noria und Osman Mustaan „geben und nehmen“. „Arbeit ist sehr wichtig, um sich einzuleben. Und um Arbeit zu finden, muss man die Sprache beherrschen“, betont Mustaan.

von Anna Ntemiris

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